«Geheimnis der Äbtissin»

Kurzroman, Teil 6: Henmann lässt sich im Dampfbad verwöhnen

Die Klosterkirche Königsfelden. Hier beginnt die Geschichte von Henmann von Mülinen, der von der Äbtissin Elisabeth einen verhängnisvollen Auftrag erhält.

Die Klosterkirche Königsfelden. Hier beginnt die Geschichte von Henmann von Mülinen, der von der Äbtissin Elisabeth einen verhängnisvollen Auftrag erhält.

Der historische Kurzroman beginnt in den letzten Tagen der Habsburgerherrschaft mit einer Hinrichtung in Königsfelden. In 12 Kapiteln erzählt er, wie drei Aargauer in Konstanz den Papst treffen wollen – und in Lebensgefahr geraten. Hier ist Folge 6.

Folge 6:

Henmann bestellte sich auch zu trinken und zu essen. Dann sagte er missmutig zu Klingelfuss: «Ihr Städter denkt immer nur an euren Wanst! Es gibt auch noch andere erstrebenswerte Dinge.»

«Und wonach strebt Ihr, wenn ihr auf Eurer Burg Kasteln ein Gelage veranstaltet?»

«Das, was Ihr Gelage nennt, sind ritterliche Spiele. Aber davon versteht ein Pfeffersack wie Ihr ja nichts.»

«Erinnert Ihr euch an den Lehenstag vor drei Jahren in Baden? Den hatte ich als habsburgischer Vogt damals ausgerichtet. Bei den Ritterspielen, die wir dort veranstaltet haben, hat mein Jagdfalke den ersten Preis gewonnen. Ein weisser Gerfalke!»

Henmann zog es vor zu schweigen. Einen so teuren Falken konnte er sich nicht leisten.

«An den Spielen habt Ihr gar nicht mehr teilgenommen. Warum eigentlich nicht?», fuhr Klingelfuss fort.

«Ein echter Ritter zieht es vor, sich mit seinesgleichen zu messen, nicht mit Bäckern und Krämern.»

«Auf Euer Wohl, Herr Ritter mit dem Mühlrad!», prostete Klingelfuss Henmann zu. «Waren Eure Vorfahren vielleicht Müller, dass Ihr dieses Zeichen so stolz auf der Brust tragt?»

Henmann sah ihn ergrimmt an. «Meine Vorfahren sind schon seit Jahrhunderten Ritter! Wir stammen aus Mülligen, daher haben wir dieses Zeichen. Uns gehört nicht nur die Burg Kasteln, sondern auch die von Ruchenstein und die Herrschaft Schinznach!»

«Mag sein, mag sein, Herr Ritter. Ich kann mir dafür ein prächtiges Ross und einen teuren Falken leisten», lachte Klingelfuss.

«Warum reist Ihr überhaupt nach Konstanz?»

«Ich will meinen Herrn, den Herzog Friedrich von Habsburg, treffen. Wir haben einiges zu besprechen bezüglich der Stadt Baden und der Burg Stein. Und was treibt Euch in die Konzilstadt?», wollte nun seinerseits Klingelfuss wissen, «gewiss nicht die grosse Schar von Hübschlerinnen, die sich dort versammelt haben soll, oder?»
Ärgerlich erwiderte Henmann: «Ich bin im Auftrag der Äbtissin des Klosters Königsfelden unterwegs. Als ob Ihr das nicht wüsstet! Ich soll versuchen, vom Papst ein Privileg zu erhalten.»

«Ja, der Herr Papst hat viel zu tun in diesen Tagen!», fuhr Klingelfuss in immer gleich spöttischem Ton fort. «Alle strömen zu ihm, die mühselig und beladen sind, weil sie mit anderen im Streit liegen und Privilegien und Pfründen von ihm bekommen wollen. Ich hoffe nur, dass Ihr auch genügend Geld bei Euch habt, denn dafür heisst es bezahlen!»
«Ihr scheint Euch ja damit auszukennen!»

«Das will ich meinen! Ich war im Herbst schon einmal in Konstanz, und ich kann Euch sagen: Der gute Papst Johannes tut nichts umsonst! Aber nun sollten wir weiterreiten!»

Es dämmerte schon, als sie die Stadt Winterthur mit ihrem knappen Dutzend Türmen vor sich liegen sahen. Es hiess, dass etwa 2000 Seelen hier lebten, alle treue Untertanen der Habsburger. Einige der Familien kannte der Hofmeister, zumindest dem Namen nach, denn unter den Helden von Sempach, die 1386 ihr Leben für die Habsburger gegeben hatten, waren auch adlige Winterthurer gewesen. In der Klosterkirche Königsfelden waren auch sie verewigt.

«Der Schultheiss Huntzikon ist ein Freund von mir!», verkündete Klingelfuss, als sie die Marktgasse hochritten. «Ich werde bei ihm zu Gast sein. Er wohnt gleich hier drüben in dem roten Haus. Wenn ich Euch einen Rat geben darf, geht zu Rudolf Schultheiss unterm Schopf. Er hat eine Badstube in der Neustadt und vermietet auch Schlafkammern. Dort gibt es Essen, Trinken und schöne Weiber so viel Ihr wollt!»

«Damit kennt ihr Euch ja aus!», bemerkte Henmann bitter.

«So wünsch ich Euch eine gute Nacht!» Klingelfuss lachte. «Auf dass Eure Bettgenossen nicht schnarchen werden! Morgen treffen wir uns um die siebte Stunde wieder hier und reiten nach Konstanz.» Dann wendete er seinen Schimmel und ritt zum prächtigsten Haus am Platz.

Henmann dachte zuerst, er werde den Rat des Vogtes nicht brauchen, aber da er vom langen Ritt durchgefroren war, kam ihm plötzlich der Gedanke an ein wärmendes Bad gar nicht mehr so abwegig vor. So landete er tatsächlich in der von Klingelfuss empfohlenen gemütlichen Schänke mit angeschlossener Badstube. Erschöpft genehmigte sich Henmann dann ein Dampfbad, er liess sich vom Badeknecht mit Birkenbüscheln die Haut rotpeitschen, danach den erhitzten Körper mit einem Schwall eiskalten Wassers abspülen, und schliesslich setzte er sich in einen grossen Holzzuber, der mit warmem Wasser gefüllt war. Quer über die Wanne legte der Badeknecht ein Brett, dann brachte er am Spiess geröstetes Schweinefleisch, Brot und Wein. Da fand Henmann, dass die Reise nach Konstanz sich doch ganz gut anlasse.

Er sollte schnell eines Besseren belehrt werden.

Fortsetzung folgt...

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