«Geheimnis der Äbtissin»

Kurzroman Teil 5: Mülinen und Klingelfuss machen sich auf den Weg

Die Klosterkirche Königsfelden. Hier beginnt die Geschichte von Henmann von                Mülinen, der von der Äbtissin Elisabeth einen verhängnisvollen Auftrag erhält.

Die Klosterkirche Königsfelden. Hier beginnt die Geschichte von Henmann von Mülinen, der von der Äbtissin Elisabeth einen verhängnisvollen Auftrag erhält.

Der historische Kurzroman beginnt in den letzten Tagen der Habsburgerherrschaft mit einer Hinrichtung in Königsfelden. In Kapitel 12 erzählt er, wie drei Aargauer in Konstanz den Papst treffen wollen – und in Lebensgefahr geraten. Hier ist Folge 5.

Folge 5:

Sie liess ihn einen Augenblick schmoren, dann antwortete sie: «Ich habe die Herzogin gebeten, mit ihrem Mann auf den Papst einzuwirken, wenn sie nach Konstanz kommen. Friedrich ist der Generalkapitän des Papstes, er hat grossen Einfluss auf Johannes. Der soll uns ein Privileg ausstellen, dass unser Kloster gegenüber den Gesslern wieder in die alten Rechte eingesetzt wird. Und ihr werdet nach Konstanz reisen und dieses Privileg besorgen, Henmann.»

Im Jahr zuvor war die Region an Bodensee und Rhein zum Zentrum der Welt geworden. Drei Päpste gab es zu jener Zeit, die alle nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht waren, sodass die Gläubigen nicht wussten, wessen Bischöfe und Priester die richtigen waren und wem sie noch vertrauen konnten. So war jedermann erleichtert gewesen, als der mächtigste der drei Päpste, Johannes XXIII., 1414 zu einem Konzil geladen hatte, das endlich das unselige Schisma der Kirche beenden sollte. Und das Beste war, dass dieses Konzil nördlich der Alpen stattfand, kaum drei Tagesreisen von Königsfelden entfernt: in der Reichsstadt Konstanz am Bodensee.

Der Hofmeister war erleichtert, offenbar hatte Elisabeth ihn noch nicht an den Herzog verraten. Doch nun fuhr sie fort: «Solltet Ihr es wagen, ohne das Privileg zurückkommen oder womöglich gar bei Friedrich Klage zu führen gegen mich, dann, mein lieber Henmann, werde ich nicht zögern, dem Herzog darzulegen, wie Ihr an der Entfremdung von Königsfelder Gütern mitgewirkt habt und daran, seinen Willen zu missachten.»

Sie hielt den Vertrag hoch und zeigte auf seinen Namen. «Ihr wisst, wie wichtig das Kloster Königsfelden den Habsburgern wegen der Grablege ist!»

Henmann verneigte sich vor der Äbtissin. «Ich werde Euch das Privileg bringen!»

Nun lächelte Elisabeth. «Dann wird es mir eine Freude sein, Euch auch in Zukunft als Hofmeister des Klosters mit wichtigen Aufgaben zu betrauen.»

«So ein Privileg kostet einen Haufen Geld.»

«Die Familie von Mülinen ist reich.»

Henmann wusste, was sie meinte. Die Kosten würde er aus seinem eigenen Säckel begleichen müssen.

«Dann werde ich zwei Knechte mitnehmen. Die Zeiten sind unsicher.»

«Auch der Vogt von Baden reist zum Konzil. Ihr trefft ihn übermorgen um die achte Stunde an der Limmatbrücke in Baden, um mit ihm nach Konstanz zu reisen.»

Damit war Henmann entlassen.

8. Februar 1415

Begleitet von seinen Knechten Bertschi und Hermlin traf Henmann von Mülinen wie verabredet um die achte Stunde in Baden ein. An der Limmatbrücke wartete er auf Ulrich Klingelfuss. Beim Gedanken an die kommenden Reisetage in Begleitung des Badener Vogts fühlte er einen sauren Geschmack im Mund. Ausserdem trug der Beutel mit Gulden, den er an den Gürtel gehängt hatte, auch nicht zur Besserung seiner Laune bei. Zu viele Räuber waren in den Wäldern unterwegs, und zu viele Ritter, die auch nichts anderes als Räuber waren, machten den Reisenden rund um die Konzilstadt das Leben schwer.

«Herr Ritter von Mülinen!», begrüsste ihn Klingelfuss gut gelaunt. «Seid Ihr bereit für den Weg nach Konstanz?»

«Wie Ihr seht!», gab Henmann wortkarg zurück.

Der Vogt ritt einen prächtigen Apfelschimmel und hatte vier Waffenknechte bei sich. Ein solcher Trupp würde wohl schwerlich von Räubern überfallen werden. Sie überquerten die Limmatbrücke und sahen von weitem das Zisterzienserkloster Wettingen in einer Flussschleife liegen. Dann nahmen sie den Weg über Otelfingen, Buchs und Regensdorf nach Kloten. Auf den Hügeln ringsum lag noch Schnee, und im Talgrund waren die Bäche mit einer Haut aus Eis überzogen.

Der Rauch aus den Kaminen der Bauernhäuser stieg in den hochnebelgrauen Himmel. Die Menschen kamen aus ihren Häusern und verbeugten sich. Auch wenn sie nicht wussten, wer die Reiter waren, so sahen sie doch an deren Gewändern, dass es hohe Herrschaften sein mussten. Der Badener Vogt hatte sich einen Pelzmantel und eine ebensolche Mütze angelegt, während Henmann über dem Pelz sogar noch einen blauen Mantel mit dem Wappen der Mülinen trug: ein schwarzes Mühlrad auf goldenem Grund.

In Kloten legten sie am Mittag eine Rast ein. Schon von Weitem sahen sie das Gasthausschild «Zum Wilden Mann» an der Hauptstrasse. Ulrich Klingelfuss sprang als erster vom Pferd, das er seinen Knechten überliess, und stürmte in die geheizte Schänke. Henmann stieg mit steifen Beinen mühsam ab. Dann führte er seinen Braunen am Zügel in einen Stall.

«Gebt ihm reichlich Hafer!», wies er seine Knechte an. Schliesslich begab er sich ebenfalls in die Schänke. Dort hatte sich Klingelfuss schon an den Kamin gesetzt und eine Platte mit Gänsebraten und einen Krug Wein kommen lassen.

Fortsetzung folgt...

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1