«Geheimnis der Äbtissin»
Kurzroman Teil 3: Hat Vogt Klingelfuss ein Verhältnis mit der Äbtissin?

Der historische Kurzroman beginnt in den letzten Tagen der Habsburgerherrschaft mit einer Hinrichtung in Königsfelden. In Kapitel 12 erzählt er, wie drei Aargauer in Konstanz den Papst treffen wollen - und in Lebensgefahr geraten. Hier ist Folge 3.

Monika Küble und Henry Gerlach
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Ulrich Klingelfuss war der habsburgische Vogt von Baden. Er war ein lebenslustiger, gut aussehender Mann von etwa 40 Jahren und einer der reichsten Bürger der Stadt.

Ulrich Klingelfuss war der habsburgische Vogt von Baden. Er war ein lebenslustiger, gut aussehender Mann von etwa 40 Jahren und einer der reichsten Bürger der Stadt.

Alex Spichale

Folge 3:

Es war während des Lehensfestes im Mai 1412 in Baden gewesen. Elisabeth von Leiningen hatte es sich nicht nehmen lassen, persönlich dort zu erscheinen. Der Gastgeber dieses grossen Hoftages war Ulrich Klingelfuss gewesen, der habsburgische Vogt von Baden. Er war ein lebenslustiger, gut aussehender Mann von etwa 40 Jahren, ursprünglich einer einfachen Bäckersfamilie entstammend, doch inzwischen einer der reichsten Bürger der Stadt.

Kurz und bündig: Darum geht es

Gefährliche Reise nach Konstanz

Im Jahre 1415 macht sich der Hofmeister des Klarissenklosters Königsfelden, Henmann von Mülinen, auf den Weg nach Konstanz. Dort findet ein Konzil statt – König und Papst, Kardinäle, Bischöfe und Adlige aus aller Herren Ländern sind anwesend. Henmanns Reisegefährte ist der Vogt von Baden, Ulrich Klingelfuss. Mülinen möchte vom Papst ein Privileg für das Kloster Königsfelden erlangen. Die Reise gestaltet sich jedoch schwierig und gefährlich. Mülinen muss gar um sein Leben fürchten.

Mehrfach hatte er die Schulden für die Aufenthalte des Herzogs Friedrich in dessen Residenz an der Limmat übernommen und dafür schliesslich die Vogteirechte über Baden erhalten. Für Henmann von Mülinen, stolzes Mitglied des Ritterbundes vom Sankt-Georgen-Schild, war Klingelfuss jedoch nichts anderes als ein anmassender Emporkömmling, dessen verzweifelte Versuche, es den Adligen gleichzutun, man an seiner Vorliebe für spitze Schuhe und Jagdfalken ablesen konnte.

Am Abend des Hoftages gab es ein grosses Festmahl, bei dem Elisabeth als Verwandte von Herzog Friedrich weit oben am Tisch, direkt neben dem Badener Vogt, platziert worden war. Henmann von Mülinen sass seinem ritterlichen Rang entsprechend etwa in der Mitte der Tafel und konnte genau beobachten, wie schamlos Elisabeth mit dem verwitweten Klingelfuss lachte und scherzte. Als das Festmahl schliesslich zu Ende war und die Gäste sich auf den Weg in ihre Herbergen machten, näherte sich Henmann der Äbtissin und bot ihr sein Geleit an. Doch sie lehnte ab mit dem Hinweis, dass dies nicht nötig sei, weil sie im Hause des Herrn Vogts logiere wie ihr Oheim Friedrich.

Henmann konnte in dieser Nacht nicht schlafen. Elisabeths Gesicht und das Lachen von Klingelfuss folgten ihm in alle Träume, und am nächsten Morgen stand sein Entschluss fest. So konnte es nicht weitergehen.

Der Visitator fand, wie erwartet, bei der Äbtissin allerlei Hinweise auf ihre unwürdige Beziehung zu einem Mann ausserhalb des Klosters, ein Männerbadehemd, eine Phallusbrosche – das typische Liebespfand – und sogar einen Liebesbrief, den sie zusammengefaltet in ein Medaillon eingeschlossen hatte. Der Visitator wandte sich an den zuständigen Bischof von Konstanz, der all die verräterischen Dinge in Augenschein nahm und dann die Äbtissin von ihrem Posten entband. Elisabeth verschwand von einem Tag auf den anderen aus dem Kloster. Es hiess, sie habe sich nach Säckingen in das dortige Damenstift zurückgezogen.

«Ich war derjenige, der dem Bischof die gute Margarete von Grünenberg empfohlen hat», erklärte Henmann den Königinnen, deren bunte Schatten am Boden inzwischen lang geworden waren, und lehnte sich müde an einen Pfeiler. «Sie ist meine Base und eine wirklich fromme Frau. Angesichts ihrer adligen Herkunft war sie eine würdige Kandidatin für das Amt der Äbtissin.»

Doch die fromme Margarete war ihren weniger frommen Mitschwestern nicht gewachsen, und daran konnte auch Henmann von Mülinen nichts ändern, den sie zum neuen Hofmeister ernannte. Die Sitten besserten sich unter ihrer Ägide keineswegs, schon nach kurzer Zeit gaben sich die vom Visitator nur flüchtig aufgeschreckten Nonnen wieder ihren sündigen Neigungen hin, nun eben hinter dem Rücken ihrer arglosen Mutter Oberin.

Deren Vorgängerin gab indes nicht so leicht auf. Sie liess ihren Oheim, Herzog Friedrich von Österreich, wissen, dass die neue Äbtissin heimlich mit den Bernern paktiere. Als er das hörte, intervenierte er beim Bischof von Konstanz, sodass Margarete von Grünenberg nach nur zwei Jahren wieder abgesetzt und in den einfachen Nonnenstatus zurückversetzt wurde. Ihre Vorgängerin Elisabeth von Leiningen wurde ihre Nachfolgerin.

«Wie konntet Ihr nur zulassen, dass diese untreue Schlange zurückkehren durfte?», klagte Henmann dem Fenster, hinter dem die Sonne nun verschwunden war. «Königin Agnes, Ihr habt doch die ersten Klosterregeln aufgestellt und Ihr habt selber so viele Jahre in Königsfelden gelebt, um die Einhaltung von Zucht und Ordnung zu überwachen!»

Doch die gläserne Königin schwieg.

Als Elisabeth triumphierend zurückgekommen war, glaubte Henmann zunächst, dass er als Hofmeister abgesetzt würde. Die neue alte Äbtissin war indes klug genug, ihn in seinem Amt zu belassen, das er so gewissenhaft versah. Henmann spielte mit, auch wenn er insgeheim noch immer auf Möglichkeiten sann, etwas gegen sie zu unternehmen.

«Nun kommt Herzog Friedrich zum Konzil nach Konstanz, und wenn er erfährt, was wirklich hinter diesen Mauern geschieht, wird er seine Meinung bezüglich Elisabeth vielleicht doch wieder ändern!», gab er seiner Hoffnung Ausdruck, obwohl die Königinnen im dämmrigen Licht des hereinbrechenden Winterabends kaum mehr im Fenster auszumachen waren.

Da ertönte plötzlich aus dem Dunkel der Kirche hinter ihm eine zornige Stimme. «Ihr solltet eure verräterischen Absichten besser eurem Beichtvater bekennen und nicht unserer edlen Gründerin!»

Henmann zuckte zusammen und fuhr herum.

Fortsetzung folgt...

Inhaltsangabe zu «Das Geheimnis der Äbtissin»

Der Roman beginnt mit der Hinrichtung des Königsmörders am 1. November 1309 auf einem Feld zwischen Brugg und Windisch. Gut 100 Jahre später, im Februar des Jahres 1415, macht sich der Hofmeister des Klarissenklosters Königsfelden, Henmann von Mülinen, auf den Weg vom Aargau nach Konstanz. Dort findet ein Konzil statt – König und Papst, Kardinäle, Bischöfe und Adlige aus aller Herren Ländern sind anwesend. Das grosse Schisma der katholischen Kirche mit drei Päpsten soll beendet werden. Henmanns Reisegefährte ist der Vogt von Baden, Ulrich Klingelfuss. Der will sich mit seinem Herrn, dem Habsburger Herzog Friedrich treffen, während Mülinen vom Papst ein Privileg für das Kloster Königsfelden erlangen möchte.

Die Reise gestaltet sich jedoch schwierig, denn die beiden Männer können sich nicht ausstehen, es ist Winter und der Weg gefährlich. Zu allem Übel trifft Mülinen unterwegs auch noch Heinrich Gessler, der mit dem Kloster Königsfelden und seiner schönen Äbtissin eine erbitterte Feindschaft pflegt. Gessler versucht, mit allen Mitteln zu verhindern, dass Mülinen seinen Auftrag erfüllen kann. Und auch in Konstanz läuft nichts so, wie Mülinen es sich vorgestellt hat. Als alles verloren scheint, ist es der viel geschmähte Ulrich Klingelfuss aus Baden, der vielleicht die Rettung bringen kann. Doch die Welt ist aus den Fugen geraten und die Machtverhältnisse ändern sich von einem Tag auf den andern.

Die wichtigsten Personen

- Henmann von Mülinen: Hofmeister des Klosters Königsfelden, Ritter und Burgenbesitzer
- Elisabeth von Leinigen: Äbtissin des Klosters Königsfelden, Verwandte des Habsburgerherzogs Friedrich IV. von Österreich
- Margarethe von Grünenberg: Ehemalige Äbtissin des Klosters Königsfelden
- Ulrich Klingelfuss: Habsburgischer Vogt von Baden im Aargau, neureicher Stadtbürger, Henmanns unfreiwilliger Weggefährte
- Heinrich Gessler von Brunegg: Adliger Burgenbesitzer, habsburgischer Dienstmann, Henmanns skrupelloser Gegenspieler
- Poggio Bracciolini: Florentinischer Renaissancehumanist, korrupter Papstsekretär
- Papst Johannes XXIII.: Mächtigster der drei Päpste des Schismas; einziger Papst, der zum Konzil kam
- Herzog Friedrich IV. von Österreich: Habsburgischer Landesherr im Aargau und Thurgau

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