Der Regen nimmt kein Ende. Hart wurden am Mittwoch der Aargau sowie die Nordwestschweiz getroffen. Heute wird trockenes Wetter erwartet. Dies sei aber nur ein kurzes Intermezzo, schreibt Felix Blumer von SRF «Meteonews». Bereits früh am Samstagmorgen erwartet er erneut kräftigen Regen. Danach geht es bis weit in die neue Woche mit Regenwetter weiter. Bis Dienstagabend könnte es in den Bergen stellenweise nochmals bis 100 Millimeter Regen geben. Hangrutsche bleiben ein Thema, auch Hochwasser können nicht ausgeschlossen werden.

Anstieg der Pegelstände am Montag

Aktuell gilt für die meisten Fliessgewässer und die Seen die niedrigste von fünf Gefahrenstufen, nämlich Stufe 1, also «keine oder geringe Gefahr». Das gilt insbesondere auch für die Limmat. Für Aare, Reuss und Rhein hingegen gilt die Gefahrenstufe 2, «mässige Gefahr». Christophe Lienert, Leiter des Hochwasserpikettdienstes des Kantons Aargau, erwartet bis und mit Samstag keine gravierende Verschärfung bei den grossen Flüssen. Wenn aber die nächsten Regenfälle einsetzen, erwartet er nach neuster Prognoose am Montag einen weiteren Anstieg der hohen Pegelstände.

Sehr bedeutsam ist für die Aare, dass Bern am Wehr am Bielersee nur so viel Wasser ablässt, dass im Aargau keine Gefährdung entsteht. Vor der jüngsten Regen- und Schneeschmelzperiode wurde der Bielersee abgesenkt, um Platz zu schaffen. Lienert: «Die Vorabsenkung des Bielersees hatte bis jetzt den gewünschten Effekt, die Kollegen vom Kanton Bern haben das gut im Griff, sie erfüllen die Murgenthaler Bedingung.»

Weggeschwemmte Erde, hohe Pegel und letzte Tümpel

Weggeschwemmte Erde, hohe Pegel und letzte Tümpel

Viel ist vom Hochwasser am Tag danach nicht mehr zu sehen, wie dieser Helikopterflug über die Region Othmarsingen, Dottikon und über das Wasserschloss bei Brugg zeigt.

Diese Bedingung besagt, dass in Murgenthal maximal 850 Kubikmeter/Sekunde in der Aare fliessen dürfen, einschliesslich des Zwischeneinzugsgebiets zwischen Biel und Murgenthal, also insbesondere auch mit der Abflussmenge der Emme. Zum Vergleich: Am Donnerstagabend wurden hier bis 730 Kubikmeter/Sekunde gemessen. Heute Freitag kurz vo 11 Uhr stand der Durchfluss noch bei 660 Kubikmetern/Sekunde. Im Verlauf des Tages soll der Wert laut Voraussage des Bundesamtes für Umwelt (Bafu) vom Freitagmorgen nochmals leicht sinken. Am Montag allerdings könnte sich der Wert laut Bafu-Modellen im Extremfall kurzzeitig der Marke von 850 Kubikmetern/Sekunde nähern. Die Verlässlichkeit dieser Aussage ist indes sehr unsicher, die Spannweite der Möglichkeiten gross. Minimal kann der Wert nämlich auch auf nur leicht über 600 Kubikmeter zu liegen kommen. 

Der Aargauer Hochwasserpikettdienst beurteilt die Lage vier- bis sechsstündlich aufgrund von Mess-, Vorhersage-, sowie Niederschlagsradardaten und erstattet dem kantonalen Führungsstab regelmässig Bericht. Derzeit gibt es jedenfalls keinen Grund, die aufblasbaren orangen Riesenschläuche (sog. Beaver) herauszuholen, so Lienert.

90 mm Regen in Lupfig in 10 Stunden

In Stetten fielen am Mittwoch in sechs Stunden 60 Millimeter Regen, in Lupfig in zehn Stunden sogar fast 90 Millimeter. Mit Blick auf solche lokal sehr heftige Niederschläge sagt Lienert weiter, dass die Bäche im Einzugsgebiet besonders rasch anschwellen können, weil der Boden längst mit Wasser gesättigt ist. Dabei führen die lokalen, oft sehr heftigen Regen zu Oberflächenabflüssen, wobei sich das Wasser den Weg auch durch Siedlungsgebiet bahnt. Auf den Wasserstand der grossen Flüsse hätten diese örtlich konzentrierten, hohen Abflussmengen in den Seitengewässern «aber nur einen unwesentlichen Einfluss».

Hochwasser in Othmarsingen

Hochwasser in Othmarsingen

Bielerseestand nur leicht erhöht

Doch wie sieht es im Bielersee aus? Wie viel Wasser kann er noch auffangen? Laut Bernhard Schudel, Leiter der Abteilung Gewässerregulierung im Kanton Bern, misst man dort derzeit nur einen «ganz leicht erhöhten Wasserstand. Allerdings steigt der Pegel immer noch an».

Der Wasserstand ist etwa jahreszeitüblich. Wie kommt das nach dem vielen Regen der letzten Tage? Laut Schudel wurden die Jurarandseen Bieler-, Neuenburger- und Murtensee eben nicht nur Ende Mai abgesenkt: «Wir haben seither jede Regenpause genutzt, um kontrolliert Wasser abzubauen, deshalb ist der Pegel jetzt relativ tief.» Am Donnerstag dann drosselten die Berner den Abfluss auf 470 Kubikmeter/Sekunde. Der Grund dafür ist, dass die Emme, die ihrerseits in die Aare fliesst, gestern um die Mittagszeit nach regionalen Niederschlägen mit 130 Kubikmetern plötzlich dreimal so viel Wasser führte wie noch am frühen Morgen. Bernhard Schudel sieht am Bielersee «keinerlei Anzeichen für eine sofortige Verschärfung».

Vom Berner Oberland wird in den nächsten Tagen aber noch viel Wasser erwartet. Welche Auswirkung dies auf den See hat, hängt von der Niederschlagsintensität und auch davon ab, wie grossflächig es regnet.

Massive Überschwemmungen im Bezirk Lenzburg

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Besonders hart traf es die Gemeinden Hendschiken, Othmarsingen und Wildegg. Betroffene berichten.