Brittnau
Kurdischer Schweizer zeigt Flüchtlingen, was Integration bedeutet

Dilshad Tofik kämpfte jahrelang gegen das Regime des ehemaligen irakischen Diktators Saddam Hussein. Viele Gefährten musste er beerdigen, ehe er vor Jahren in einem Lastwagen in die Schweiz flüchtete. Heute hilft er Flüchtlingen bei der Integration.

Lilly-Anne Brugger
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Dilshad Tofik in seinem Büro. Hinter ihm an der Wand befindet sich die Karte von Kurdistan, wie es die Kurden aufbauen wollen. Das von den Kurden beanspruchte Gebiet gehört heute zum Irak, zum Iran, zur Türkei und zu Syrien.

Dilshad Tofik in seinem Büro. Hinter ihm an der Wand befindet sich die Karte von Kurdistan, wie es die Kurden aufbauen wollen. Das von den Kurden beanspruchte Gebiet gehört heute zum Irak, zum Iran, zur Türkei und zu Syrien.

Lilly-Anne Brugger

Acht Tage lang war Dilshad Tofik in einem Lastwagen eingesperrt, der ihn von der Türkei in die Schweiz gefahren hatte. In seinem aus Kartonschachteln gebildeten Versteck konnte er sich nicht bewegen, schlief im Stehen. Und als ihn dann seine Schlepper aus dem Lastwagen liessen, hatte er keine Ahnung, wo er war.

Er wusste nur eines: «Ich bin in einem sicheren Land.» Erst später, als er auf arabisch sprechende Menschen traf, erfuhr er, dass er sich in der Schweiz befand. Im Aufnahmezentrum in Kreuzlingen stellte Dilshad Tofik anschliessend sein Asylgesuch. Dies ist nun 20 Jahre her. Das politische Asyl wurde dem irakischen Kurden jedoch nie zugesprochen.

Vier Monate auf der Flucht

Wenn Dilshad Tofik erzählt, weshalb er aus dem Irak flüchten musste, wird seine Stimme brüchig und er kämpft mit den Tränen. Seit er 14 Jahre alt war, engagierte sich der Kurde im Widerstand gegen das irakische Regime von Saddam Hussein und für einen autonomen kurdischen Staat. «Nachts haben wir Plakate gegen Saddam Hussein aufgehängt, tagsüber sind wir zur Schule gegangen», erzählt er.

Als Dilshad Tofik 17 Jahre alt war, schloss er sich der Patriotischen Union Kurdistans (PUK) an und brachte es dort bis zum Offizier. «Wir kämpften für unser Mutterland und gegen Saddam Hussein. Unser Leben war uns egal.» Mehrmals wurde er verletzt, überlebte aber immer. Geblieben sind die körperlichen Schäden. Als Dilshad Tofik 31 Jahre alt war, ordnete er sein Leben nicht mehr bedingungslos dem Kampf unter.

Zu viele Freunde hatte er begraben müssen, zu viele seiner kritischen Fragen wurden nicht beantwortet. Und dann setzte Saddam Hussein auch noch ein Kopfgeld von 20'000 Dollar auf ihn aus. Vier Monate dauerte die Flucht, die ihn zu Fuss in die Türkei führte und anschliessend per Lastwagen in die Schweiz.

Hilfe zur Selbsthilfe

Nachdem Dilshad Tofik in Kreuzlingen seinen Asylantrag gestellt hatte, kam er nach Oftringen ins Flüchtlingsheim beim EO. «Dort entstand unter den Flüchtlingen eine Parallelgesellschaft», sagt er. Und genau dies sei auch heute ein Problem. Wenn die Flüchtlinge unter sich blieben, sei die Integration sehr schwierig zu bewerkstelligen, ist Tofik überzeugt.

«Nur wenn man sich mit Muttersprachlern unterhält, kann man eine neue Sprache und eine neue Kultur lernen.» Tofik selber spricht sieben Sprachen. Neben Kurdisch auch Arabisch, Persisch, Englisch und Aramäisch. In der Schweiz lernte er Deutsch und momentan studiert er Hebräisch. «Dank Schweizer Freunden, mit denen ich mich unterhalten konnte, sprach ich nach 11⁄2 Jahren Deutsch», sagt er. Dank dieser Freunde hat er auch den christlichen Gott kennen gelernt.

Leiter der kurdisch-evangelischen Gemeinde

Heute leitet er die kurdische evangelische Gemeinde in der Schweiz. Beruflich ist er in Zürich in der Fachstelle für Asyl und Migration tätig. Auch privat ist er zugunsten von Flüchtlingen aktiv. Er hilft als Freiwilliger in Oftringen bei «Spiis&Gwand» und sucht das Gespräch mit den Flüchtlingen in Zofingen oder in Aarburg.

Er baut Vertrauen zu ihnen auf und hilft, wenn die Flüchtlinge eine Übersetzung brauchen, oder zeigt ihnen, wie das Leben in der Schweiz funktioniert. Wichtig sei dabei, dass man Hilfe zur Selbsthilfe leiste.

«Die Menschen müssen lernen, dass man in der Schweiz nicht einfach alles geschenkt bekommt. Auch Schweizer müssen für ihr Geld hart arbeiten», sagt Dilshad Tofik. Energisch schiebt er nach, dass das System in der Schweiz auch die letzten Anreize, sich selbst zu helfen, zunichtemache.

«Als Asylbewerber wollte ich arbeiten. Ich wollte etwas zurückgeben, das die Schweizer in Form von Sozialhilfe an mich bezahlt haben. Aber das Migrationsamt hat mir nicht erlaubt zu arbeiten.» Und wenn es den Menschen in den Asylbewerberheimen langweilig sei, dann kämen sie eben auch auf dumme Gedanken.

Mehr Verwandte in der Schweiz

Dilshad Tofiks Antrag für politisches Asyl ist nie abschliessend beantwortet worden. Er lernte seine Frau kennen, eine Schweizerin, heiratete sie und konnte später dank erleichterter Einbürgerung den Schweizer Pass erwerben. «Als Schweizer habe ich dann meinen Asylantrag zurückgezogen», sagt Dilshad Tofik schmunzelnd.

Für ihn ist die Schweiz nun seine Heimat, auch wenn er im Herzen immer ein Kurde sei. «Ich bin ein kurdischer Schweizer», sagt Tofik deshalb. Hier in der Schweiz habe er mehr Verwandte als im Irak.

Traum vom vereinten Kurdistan

Dilshad Tofik bereut nichts, was in seinem Leben geschehen ist. «Ich bin Gott dankbar für mein Leben. Früher war ich herzlos, die anderen Lebewesen haben mich nicht interessiert. Gott hat mich nun aber zu einem Menschen mit Herzen gemacht.» Er unterstützt ein Flüchtlingscamp in der Nähe der Stadt Kobane.

300 Waisenkinder leben dort. «Es ist schön zu sehen, dass wir die Kinder etwas glücklicher machen können.» Auch wenn er Krieg mittlerweile skeptisch gegenübersteht, von einem vereinten und freien Kurdistan träumt er noch immer. «Und mit Gottes Hilfe wird dies eines Tages möglich sein», sagt er mit Nachdruck.

Dilshad Tofik erzählt morgen um 20 Uhr im Kirchgemeindehaus Brittnau über sein Leben und nimmt Stellung zur Flüchtlingssituation.

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