Gesundheitswesen

Künftig fehlen bis zu 25000 Fachkräfte: Pflegen uns bald Chinesen oder Russen?

Der Fachkräftemangel in der Pflege ist alarmierend: Bis zu 25000 Pflegende sollen der Schweiz bis zum Jahr 2020 fehlen. Abhilfe schaffen könnte Personal aus China oder Russland. Aber auch flexiblere Arbeitszeitmodelle würden den Notstand lindern.

Es gibt immer mehr Patienten und zu wenig Pflegende. Es ist bekannt. Das schon. Trotzdem entwich einer Zuhörerin ein leises «jesses Gott» als sie hörte, wie viele Pflegende der Schweiz im Jahr 2020 voraussichtlich fehlen werden. Es sind 25 000.

Russen und Chinesen

Die Zukunft ist nah. Auf die Frage, wer uns künftig pflegt, antwortete Thomas Hildebrandt, Geschäftsführer des Schweizerischen Berufsverbands der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner mit einem persönlichen Tipp: «Lernen Sie Russisch oder Chinesisch.»

Klar lachten die wenigen Anwesenden über diese Aussage. Aber: Schon heute sind in grossen Spitälern teilweise 40 Prozent der Angestellten aus dem Ausland, vor allem aus Deutschland. Und Hildebrandt sagt auch: «Der Pflegeberuf ist ein Aussteigerberuf.»

Unterdessen lernen chinesische Pflegefachkräfte Deutsch. Das ist kein Witz – aber auch keine Lösung. Wie sich alle Anwesenden einig waren.

Podiumsgespräch zur Zukunft des Gesundheitswesens an der höheren Fachschule für Gesundheit und Sozialse in Aarau: Thomas Hildebrandt, Schweizer Berufsverband Pflegefachleute, Mathias Küng, Redaktor Aargauer Zeitung und Gesprächsleiter, Yvonne Biri, Pflegedirektorin Kantonsspital Baden und Erwin Rieben, Finanzchef Kantonsspital Aarau.(v.l) Mathias Marx

Podiumsgespräch zur Zukunft des Gesundheitswesens an der höheren Fachschule für Gesundheit und Sozialse in Aarau: Thomas Hildebrandt, Schweizer Berufsverband Pflegefachleute, Mathias Küng, Redaktor Aargauer Zeitung und Gesprächsleiter, Yvonne Biri, Pflegedirektorin Kantonsspital Baden und Erwin Rieben, Finanzchef Kantonsspital Aarau.(v.l) Mathias Marx

Familienfrauen sollen arbeiten

Was tun? Mut machen die Strategien von Yvonne Biri, der Pflegedirektorin des Kantonspitals Baden. Wichtig ist ihr das Lebensphasen orientierte Personalmanagement. Das bedeutet Arbeitszeitmodelle, die sich den Bedürfnissen der Menschen anpassen. Ein Beispiel: Familienfrauen müssen unbedingt im Beruf bleiben, wenn es auch nur in kleinen Stellenprozenten ist.

Das Modell: Spätdienstverstärkung ab 17 Uhr für maximal fünf Stunden. Die Mütter arbeiten, wenn der Mann nach Hause gekommen ist und die Kinder betreuen kann. «Die Frauen müssen nicht punkt 17 Uhr einstempeln, sondern dann, wenn zu Hause alles rund läuft.»

Und Biri sagt auch: «Wir müssen in die Ausbildung investieren und das Potenzial an jungen Leuten ausnutzen.» Besonders am Herzen liegen ihr die Fachangestellten Gesundheit (FaGe). Durch diese Grundausbildung kommen viele junge Menschen in die Pflege.

«Wie sollen wir so arbeiten?»

Der dritte Gesprächsgast war Erwin Rieben, der Finanzdirektor des Kantonsspitals Aarau. Auch seine Situation ist nicht einfach. Abgerechnet wird über Fallpauschalen. Mit diesen sollten alle Kosten gedeckt werden – auch die Investitionen. Über die Tarife 2012 wird aktuell noch vor Gericht gestritten. Der Entscheid wird 2014/15 erwartet.

«Wie sollen wir so arbeiten?», fragt er. Er fordert ausserdem eine vollständige, saubere Umsetzung des neuen Krankenversicherungsgesetzes. «Wir wissen, was wir tun müssen, nur wissen wir nicht, wie die Zukunft aussieht.»

Der Gesprächsleiter Mathias Küng, Redaktor der Aargauer Zeitung, wollte wissen, ob wir die Pflege in Zukunft auch ohne chinesische Fachpersonen bewältigen können. Finanzchef Rieben hofft es. Hildebrandt sagt: «Es wird Lücken geben in der Pflege. Der Zeitpunkt ist verpasst.»

Zuversichtlich ist Yvonne Biri. Aber nur, wenn alle mithelfen, damit sich mehr Leute an der Pflege beteiligen. Das Podium fand nicht zufällig in der Höheren Fachschule Gesundheit und Soziales in Aarau statt. Einem Ort, wo künftige Pflegefachkräfte ausgebildet werden – und immer Ausbildungsplätze unbesetzt bleiben.

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