Energiestrategie 2050
Kritik an die Energiewende: «Subventionen sind ein süsses Gift»

Ernst Werthmüller, VR-Präsident der AEW Energie AG, plädiert für eine Rückweisung der Energiestrategie 2050. Er fordert eine bessere Lösung mit Lenkungen und Anreizen statt immer mehr Subventionen. Diese führten zur Verzerrung des Marktes.

Hans Lüthi
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VR-Präsident Ernst Werthmüller in der Stromleitzentrale der AEW Energie AG in Aarau.

VR-Präsident Ernst Werthmüller in der Stromleitzentrale der AEW Energie AG in Aarau.

Alex Spichale

Die Fördermilliarden in der Strombranche treiben seltsame Blüten, vor allem in Deutschland. Durch den mit über 7 Rappen pro Kilowattstunde geförderten Solar- und Windstrom herrscht in Europa eine Stromschwemme.

Diese bedrängt auch die Wasserkraftwerke im Aargau und verhindert nötige Investitionen. Als Mitglied diverser Verwaltungsräte in der Strombranche plädiert Ernst Werthmüller (siehe Box) für eine Rückweisung der Energiestrategie von Doris Leuthard im National- und Ständerat.

Das gäbe die Chance zu einer besseren Lösung. Kernpunkt der Kritik sind die massiven Subventionen und staatlichen Vorschriften. Die nationalrätliche Kommission Urek befasst sich heute und morgen mit der Energiestrategie 2050.

Ernst Werthmüller, Strategie 2050 und AEW Energie AG

Ernst Werthmüller, Holziken, ist im Verwaltungsrat und Strategieausschuss der Axpo Holding AG und VR-Präsident des Aargauer Stromverteilers AEW Energie AG. Dazu kommen Verwaltungsrats-Mandate bei der Kraftwerk Augst AG, bei den Aarewerken Klingnau und den Kraftwerken Reckingen und Säckingen. Zudem VR-Präsident bei der Herzog Kull Group und VR-Delegierter und CEO der Ferrum AG. Via seine eigene Firma WerthCG ist Werthmüller CEO und Managing-Direktor in weltweit aktiven Industrie-Unternehmen diverser Bereiche.

Mit dem ersten Massnahmenpaket der Energiestrategie 2050 befasst sich die nationalrätliche Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie (Urek) heute und Morgen. Eintreten auf das Geschäft hat die Kommission unter dem Präsidium des Aargauer SVP-Nationalrates Hans Killer mit 18 zu 7 beschlossen.

Die AEW Energie AG versorgt als Kantonswerk die meisten Aargauer mit Strom. Neben den 110 lokalen und regionalen Elektrizitätswerken der Gemeinden werden auch 84 000 Direktkunden mit Strom versorgt. (Lü.)

Die nach Fukushima vor drei Jahren eilends konzipierte Energiestrategie fokussiere sich viel zu stark auf den Atomausstieg, kritisiert Werthmüller. «Subventionen sind ein süsses Gift, an dem sich viele Stadtwerke gerne laben.» Dringend nötig wären mehr Markt, eine komplette Marktöffnung und das Stromabkommen mit der EU. Bei der Kostendeckenden Einspeisevergütung (KEV) sollte man zurückfahren, weil alle Subventionen den Markt verzerren.

Auch Kohle verdrängt Wasserkraft

Der starke Preiszerfall in ganz Europa trifft auch die Schweiz massiv, unsere Wasserkraft ist nicht mehr rentabel. Dazu sagt Ernst Werthmüller: «Wegen weltweit viel Gas, vor allem in den USA, ist die Kohle sehr billig und wird zur Stromproduktion stark eingesetzt. Das läuft natürlich den Umweltaspekten und der Reduktion des CO2 komplett zuwider.»

Bisher seien unsere Wasserkraftwerke nicht gedrosselt worden, aber die Branche arbeite an solchen Plänen. Die stetig steigenden Wasserzinsen erschweren die Situation zusätzlich, auch hier müsste man ansetzen. «Gewisse Kantone rufen bereits nach Subventionen für die Wasserkraft. Selber bin ich komplett dagegen, weil es sonst immer schlimmer wird mit den vielen Subventionen», distanziert sich der Unternehmer.

Lenkungen und Anschubgelder

Werthmüller plädiert für Lenkungsabgaben, wie jene für den CO2-Ausstoss, aber nicht als Ergänzung zur KEV. «Weil die CO2-Zertifikate viel zu billig sind, kann man den Kohlestrom so günstig produzieren.» Gut seien Anschubfinanzierungen, wie es die AEW Energie AG mit dem Naturstrom mache. Der VR-Präsident wendet sich bei der Kernenergie gegen ein Technologieverbot, die Kraftwerke und ihre Laufzeiten müssten nur nach der Sicherheit beurteilt werden.

Denn unser Land brauche diese 40 Prozent Strom ja dringend. Die Schweiz sei kein typisches Solar- und Windland, mit dem gleichen Geld könnte man in Spanien viel effizienter Solarstrom und im Norden Deutschlands Windstrom machen. Im Aargau ist das Kantonswerk bei allen Windkraftprojekten beteiligt, aber sie stossen auf Widerstand.

Gaskraftwerke viel zu teuer

«Beim Gas haben wir das CO2-Kompensationsproblem, der Preis ist dadurch viel zu hoch», betont Werthmüller. Von den Stromkonzernen sei niemand daran, ein Gaskraftwerk zu planen, auch in der Beznau nicht. Die Branche wünsche sich den freien Stromhandel in Europa, der eminent wichtig sei.

Auch die immer strengeren Vorschriften für Geräte, Anlagen, Fahrzeuge und Ausschreibungen sind den Stromproduzenten und Verteilern ein Dorn im Auge. «Als Unternehmer bin ich gegen Verbote, Auflagen und Einschränkungen. Anreize sind der richtige Weg», erklärt der Fachmann. Das Kantonswerk stelle sich den Herausforderungen, mit Energieberatung, Contracting und mit über 50 Wärmeverbünden im Aargau. «Damit substituiert die AEW Energie AG Tausende von Tonnen Öl jährlich», unterstreicht Werthmüller.

Netze müssen ausgebaut werden

Sind künftig grössere Stromausfälle zu befürchten? «Unsere Netze sind nicht veraltet, sondern im Aargau in einem hervorragenden Zustand. Aber trotzdem müssen wir ausbauen für die zunehmend ins Netz gespeiste Energie. Denn technisch muss die Frequenz eingehalten werden können», antwortet der Kenner der Energieszene.

Durch die tiefen Preise investiere niemand mehr in die Produktion. Deshalb könne die Schweiz ihren Bedarf in Zukunft nur durch zusätzlichen Import decken. Das aber sei nicht der ehrliche Weg einer Energiewende, weil ja niemand wisse, ob dieser Strom mit Atom, Kohle oder Gas erzeugt werde.

Zu den Folgen für den Aargau meint Werthmüller, jammern nütze nichts, die Dienstleistungen müssten weiter ausgebaut werden. «Den Strompreis wollen wir auf einem guten Niveau halten, sind aber nicht bereit, den Strom mit negativen Deckungsbeiträgen zu verkaufen», stellt Werthmüller fest. Darum «sind der AEW Energie AG auch ein paar Grosskunden davongelaufen, die wir aber ziehen lassen.»