«Kris V. wurde im süddeutschen Raum verhaftet», sagt Nicole Payllier, Leiterin Kommunikation der Gerichte Kanton Aargau. Laut dem Polizeipräsidium Stuttgart lagen der Schweizer Polizei Hinweise vor, dass sich Kris V. in Süddeutschland aufhält.

Umfangreiche Ermittlungen der Kriminalpolizei Stuttgart führten zu einem Mehrfamilienhaus in Asperg (Kreis Ludwigsburg). Asperg erreicht man von der Schweizer Grenze im Aargau per Auto in rund zwei Stunden.

Dort befand er sich allein in einer Wohnung, wie Polizeisprecher Thomas Geiger vom Polizeipräsidium Stuttgart gegenüber der az ausführt. Gegen 11.40 Uhr wurde er festgenommen. Er leistete keinen Widerstand. Weitere Details zur Verhaftung macht Geiger nicht. Die Polizei kam ihm nicht dank Hinweisen, sondern dank "technischen Massnahmen" auf die Spur. 

Dagegen führt der Polizeisprecher aus, dass Kris V. sich "berechtigt" in der Wohnung aufgehalten habe, er hat sich also nicht widerrechtlich darin aufgehalten. "Wer ihn da reingelassen hat, das muss noch geklärt werden", sagt Geiger. Und: "Es ist auch nicht bekannt, dass er sich in Süddeutschland etwas hätte zuschulden kommen lassen."  

Asperg befindet sich nördlich von Stuttgart im Kreis Ludwigsburg.

Die Aargauer Staatsanwaltschaft werde ein Auslieferungsgesuch stellen. Wann Kris V. in die Schweiz zurückgeführt wird, sei noch unklar. Laut Polizeisprecher Geiger wird er nun in eine Justizvollzugsanstalt gebracht.  

Das Familiengericht Baden prüft zurzeit, in welcher geschlossenen Einrichtung er nach seiner Rückkehr in die Schweiz untergebracht wird.

Kris V. war im Juli 2015 in die geschlossene Abteilung der Klinik Königsfelden der Psychiatrischen Dienste Aargau (PDAG) in Windisch gekommen. Dort werden aktuell Sofortmassnahmen geprüft, um eine Flucht, über die keine Details kommuniziert wurden, zu verhindern. 

Geschlossene Abteilung Königsfelden: Hier war Kris V. untergebracht – das sagt der Chefarzt der Forensik zu den Sicherheitsstandards.

Geschlossene Abteilung Königsfelden: Hier war Kris V. untergebracht – das sagt der Chefarzt der Forensik zu den Sicherheitsstandards.

(31. Mai 2016)

"Ich bin sehr erleichtert, dass Kris V. festgenommen werden konnte und während seiner Flucht keine weiteren Straftaten begangen hat", sagt der Aargauer Justizdirektor Urs Hofmann. "Er hatte nach seinem Ausbruch einen gewissen Vorsprung vor der Polizei, deshalb ist es für mich nicht erstaunlich, dass er es über die Grenze nach Deutschland geschafft hat. Natürlich hat die Kantonspolizei Aargau alles daran gesetzt, Kris V. zu finden, und in Zusammenarbeit mit den deutschen Behörden ist dies nun gelungen."

Gemäss der Mitteilung der Aargauer Gerichte muss das Familiengericht Baden nun prüfen, in welcher geschlossenen Einrichtung der Mörder nach seiner Rückkehr in die Schweiz untergebracht wird. «Darauf habe ich als Justizdirektor keinen Einfluss", sagt Hofmann, der aber festhält: "Klar ist aber, und das erwarte ich auch, dass ein ausbruchsicherer Ort für ihn gefunden werden muss." Denkbar wäre für Hofmann eine Inhaftierung im Sinn einer Sofortmassnahme, bis eine geeignete Institution gefunden ist. "Allenfalls könnte auch die Staatsanwaltschaft nun Untersuchungshaft beantragen, falls die gesetzlichen Bestimmungen dies erlauben», sagt Hofmann.

Wie weiter mit Kris V.?

Wie weiter mit Kris V.?

Politiker stellen klare Forderungen. Aber welche Möglichkeiten bestehen, die Sicherheit der Bevölkerung zu gewährleisten?

Gerichts-Sprecherin Payllier sagt, die Flucht des verurteilten Mörders aus der psychiatrischen Klinik in Königsfelden als solches sei nicht strafbar. «Allerdings stellt sich die Frage, ob Kris V. beim Ausbruch oder während der Flucht strafbare Handlungen begangen hat», erklärt sie. Dies müsse nun die Staatsanwaltschaft abklären.

Der heute 22-jährige Kris V. hatte 2009 in Sessa TI die damals 17-jährige Boi auf einem gemeinsamen Spaziergang mit einem Holzscheit erschlagen. Damals war er selbst 16 Jahre alt und damit minderjährig. Gegenüber der Polizei hatte er angegeben, Boi habe ihn genervt, weil sie so viel geredet habe. Deshalb habe er beschlossen, sie zu töten. Die beiden hatten sich 2008 im Internet kennengelernt und regen Kontakt miteinander gehabt. 

Das Jugendgericht Baden verurteilte den Teenager-Mörder im Jahr 2013 wegen Mordes zur Höchststrafe von vier Jahren. Das Aargauer Obergericht und das Bundesgericht bestätigten das Urteil und wiesen seine Beschwerde jeweils ab.

Eine höhere Bestrafung sieht das Jugendrecht nicht vor. Weil er damit als 22-Jähriger wieder hätte in Freiheit entlassen werden müssen, wurde er im Frühling 2016 auf Antrag der Jugendanwaltschaft fürsorgerisch untergebracht. Das Aargauer Verwaltungsgericht lehnte eine Beschwerde von Kris V. dagegen ab. Die fürsorgerische Unterbringung kann angeordnet werden, wenn der Betroffene weiterhin als gefährlich eingestuft wird.