Das Ziel ist klar: Familie und Beruf sollen besser vereinbar sein. Doch den Weg dorthin lässt das neue Kinderbetreuungsgesetz offen. Demnach sind die Gemeinden verpflichtet, «den Zugang zu einem bedarfsgerechten Angebot an familienergänzender Betreuung von Kindern bis zum Abschluss der Primarschule sicherzustellen». Was das konkret bedeutet, ist nicht geregelt. Das verschafft den Gemeinden bei der Umsetzung einen grossen Spielraum.

Bis spätestens zu Beginn des Schuljahres 2018/19 muss das neue Angebot bereitstehen. Allerdings dürfte die Umsetzung viele der 213 Gemeinden vor Schwierigkeiten stellen – wie sich an einer Info-Veranstaltung der Aargauer Gemeindeammänner-Vereinigung am Mittwochabend in Suhr zeigt. Das Interesse ist gross, die Organisatoren tragen Stuhlreihe um Stuhlreihe in den Bärenmattesaal. Aus dem ganzen Kanton sind Gemeindevertreter angereist, um sich zu informieren und zu diskutieren. Und es wird deutlich: Viele Fragen sind offen, viele Gemeinden wissen noch nicht, wie sie den gesetzlichen Auftrag erfüllen sollen.

Starthilfe vom Bund

«Das Gesetz ist für Gemeinden eine grosse Herausforderung», sagt Amanda Wildi von der Fachstelle Kinder und Familien, die den Gemeindevertretern bei der Umsetzung beratend zur Seite steht. Ihre Kollegin von der Fachstelle, Esther Elsener, beruhigt die Anwesenden insofern, als sie an das grosse, bereits bestehende Angebot an familienergänzender Kinderbetreuung im Aargau erinnert – 62 Tagesstrukturen, 176 Kitas, 58 Mittagstische. «Wir beginnen nicht auf der grünen Wiese, es ist schon einiges da.»

Dennoch kommen auf die Gemeinden neue Aufgaben zu, so müssen sie etwa Anforderungen an die Qualität festlegen und deren Einhaltung später auch kontrollieren. Wenn über 200 Gemeinden über 200 Qualitätsstandards erarbeiten würden, mache dies wenig Sinn, sagt Elsener. Deshalb empfiehlt die Fachstelle, die erarbeiteten Standards auf ihrer Website zu übernehmen. Möglich ist auch, dass sich mehrere Gemeinden zusammenschliessen, um das Angebot zu organisieren, wie das schon jetzt in einigen Regionen gemacht wird. Elsener: «Diese Beispiele zeigen, man muss nicht alles selber machen, sondern kann auch auf Bewährtes und auf Kooperationen zurückgreifen.»

"Welche Entfernung zur nächsten Kita ist noch vertretbar?" Eine von vielen offenen Fragen bei den Gemeinden.

"Welche Entfernung zur nächsten Kita ist noch vertretbar?" Eine von vielen offenen Fragen bei den Gemeinden.

Bislang verfügt nur rund die Hälfte der Aargauer Gemeinden über Angebote für die familienergänzende Kinderbetreuung. Beim Aufbau einer Kita oder von Tagesstrukturen leistet der Bund finanzielle Unterstützung – 3000 bis 5000 Franken pro Jahr und Platz. Die Anträge seien jedoch mit einer Flut an Papieren verbunden, sagt Amanda Wildi. «Es ist nicht einfach, Geld vom Bund zu erhalten.» Dass sich der Aufwand lohnen kann, zeigt das Beispiel der Villa Kunterbunt in Staufen: 90 000 Franken für die Kita und 70 000 Franken für den Hort sind in die vor viereinhalb Jahren gegründete Institution geflossen, wie Präsidentin und Gemeinderätin Katja Früh sagt. Und: «Die Nachfrage ist da.» Kinder aus 73 Familien werden in der Villa Kunterbunt betreut. Der Betrieb läuft, künftig sind die Gelder von der Gemeinde nicht mehr nötig. Haupteinnahmequelle sind die Elternbeiträge.

Das neue Gesetz sieht vor, dass primär die Eltern und nicht die Betreuungseinrichtungen unterstützt werden sollen. In welchem Ausmass wird jedoch offen gelassen, im Gesetzestext steht lediglich: «Die Wohngemeinde beteiligt sich unabhängig vom Betreuungsort nach Massgabe der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Erziehungsberechtigten.» Die Gemeinden müssen selber ein Beitragsreglement ausarbeiten.

Das betrifft auch jene, die bereits über ein Angebot verfügen. In Reinach, wo seit 2004 die Kindertagesstätte «Pink Panther» besteht, befürchtet Gemeindeammann Martin Heiz künftig höhere Kosten. An der Informationsveranstaltung warnt er seine Kollegen aus den anderen Gemeinden vor möglichen Folgen: «Je grosszügiger das Reglement, desto gefährlicher wird es.» Heiz erwähnt dabei das Beispiel von Suhr, wo die Kosten innert dreier Jahre um über 160 000 auf fast eine halbe Million Franken gestiegen seien. Sein Rat: «Passt auf, sonst läuft ihr in einen Hammer.»

Fragen über Fragen

Der Diskussionsbedarf ist auch abgesehen von der Finanzfrage gross; eine Frage nach der anderen kommt aus dem Publikum. Beispiel: «Ab wann ist ein Bedarf gross genug, damit ein bedarfsgerechtes Angebot nötig wird?», will der Vertreter einer ländlichen Gemeinde wissen. Dafür reiche bereits eine einzelne Nachfrage, antwortet Renate Gautschy, Präsidentin der Aargauer Gemeindeammännervereinigung. Doch es sei der Gemeinde überlassen, wie sie diesen abdecken wolle.

Oder: «Welche Entfernung zur nächsten Kita ist noch vertretbar?» Antwort Gautschy: «Das ist nicht definiert.» Und auch Zweifel an der Zustimmung der Bevölkerung werden laut: «Was passiert, wenn die Gemeindeversammlung das Beitragsreglement ablehnt?» Gautschys Antwort sorgt für Erheiterung im Saal: «Wir müssen es den Bürgern so erklären, dass sie nicht Nein sagen.» Falls dennoch keine Mehrheit zustimmen sollte, müsste die Frage über den Beschwerdeweg geklärt werden.

Irgendwann ruft Gautschy die letzte Fragerunde aus – «wir können heute nicht alles klären». Sie hoffe, das neue Gesetz beschere nun niemandem mehr schlaflose Nächte. Zum Schluss macht Gautschy den Gemeindevertretern Mut: «Erfinden Sie nicht das ganze Rad neu, vielleicht brauchen Sie nur neue Speichen.»

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Mit dem Gegenvorschlag haben die Initianten erreicht, was sie wollten: «Ein Druckmittel, damit der Kanton Aargau eine Verpflichtung hat», wie Kathrin Scholl vom aargauischen Lehrerverband sagt. SVP-Grossrätin Maya Meier ist «froh, dass die völlig überladene Initiative deutlich bachab geschickt wurde.»