Herr Wilfling, jetzt sitzen Sie mal auf der anderen Seite. Oder empfinden Sie ein Interview nicht als Verhör?

Josef Wilfling: So weit auseinander ist das nicht. Im angelsächsischen Raum nennt man das Verhör ein «kognitives Interview». In Deutschland und in der Schweiz sagen wir «Vernehmung».

Warum sind Menschen böse? Im Hirn glauben Wissenschafter neuerdings Psychopathen-Zonen zu entdecken.

Daran glaube ich nicht. Der Mensch trägt das Böse in sich. Wir haben das Mörder-Gen in uns, genauso wie wir den Krebs in uns tragen.

Jeder?

Jeder. Bei dem einen bricht das Böse aus, zum Beispiel, wenn er in schlechte Gesellschaft gerät, beim anderen nicht. Verbrechen ist im Grunde nichts anderes als Emotion.

Rupperswil: Der Vierfachmörder war jahrelang Junioren-Trainer

Rupperswil: Der Vierfachmörder war jahrelang Junioren-Trainer

Thomas N. vergewaltigte den jüngeren Sohn, bevor er in Rupperswil eine ganze Familie sowie die Freundin eines Sohnes bestialisch tötete. Beim Seetaler Fussballverein fiel er jedoch nie auf.

Andererseits schildern Sie einen Kollegen bei der Kripo, der völlig emotionslos ein Liebespaar betäubt und es bei lebendigem Leib köpft mit der Axt.

Das hat ganz München schockiert. Von Polizisten darf man erwarten, dass sie sich besonders gesetzestreu verhalten. Das eben nenne ich abgründig. So was kann keiner nachvollziehen.

Sie schildern weiter den Fall eines Anwalts, der zu Tode kommt bei einer autoerotischen Strangulierungsübung, die er sogar filmt. Da hängt er, die Videokamera läuft weiter, als eine Schar Kinder durchs Treppenhaus lärmt. In diesem Moment hebt sich der Arm der Leiche und senkt sich wieder – gespenstisch.

Das werde ich nie mehr vergessen in meinem Leben. Für die Rechtsmediziner war das damals eine Sensation. Die waren dankbar fürs Video, weil sie wertvolle wissenschaftliche Erkenntnisse daraus gewinnen konnten.

Glauben Sie deren Begründung, dass der Arm auf Nervenreflexe reagierte?

Ich habe keine Ahnung. Eines steht fest: Der Anwalt muss tot gewesen sein, mausetot. Erschreckend war zu wissen: Wenn wir das anschauen, sehen wir einen Menschen sterben. Da hat das Herz bis zum Hals geschlagen.

Keine Hinweise auf andere Taten

Keine Hinweise auf andere Taten

Bis heute gibt es keine Hinweise, dass der Vierfachmörder von Rupperswil vor der Tat schon einmal aufgefallen ist. Die Experten sind erstaunt.

In Ihrem Buch findet sich auch ein Kapitel über sexuelle Perversionen.

Ich habe lange gerungen, ob ich es hinschreiben soll. Die Leser sprechen mich auf alles an im Buch, nur nicht auf dieses Kapitel – Sie sind der erste. Ich habe das Kapitel schliesslich eingerückt, weil man bei diesen abstrusen Dingen manchmal nicht weiss, ob man lachen oder weinen soll.

Tatsächlich musste ich manchmal laut herauslachen. Etwa bei jenem Biedermann, der sich beim Onanieren mit einer Staubsaugerdüse verletzt und denkt, dass seine Frau gerade vom Einkauf heimkehrt, und sich lieber erhängt.

Wir haben noch jahrelang gelacht auf der Polizei über einen Hühnerficker, den wir mal erwischten und laufen lassen mussten, weil das nicht verboten ist. Es gibt sogar eine Art Zuhälter für die armen Viecher.

Sie haben sich zu Verbrechern salbungsvolle psychologische Theorien anhören müssen. Was dachten Sie da jeweils?

Eins habe ich gelernt in all den Jahren – und das hat mir auch ein Psychiater bestätigt: Niemand kann in einen Menschen hineinsehen, ausser der Rechtsmediziner bei der Obduktion. Alles, was Psychologen sagen und Gutachter herausfinden, bleibt Mutmassung.

Ich habe den Eindruck, Sie messen Mördern mehr Willensfreiheit zu, als heute bei Gericht Usus ist. Sind für Sie Mörder weitgehend zurechnungsfähig?

Ich gehöre nicht zu den Menschen, die sagen, dass jeder Verbrecher irgendwie krank sein muss, also schuldunfähig oder vermindert schuldfähig, weil er doch nichts dafür könne. Jeder hat die Gabe mitbekommen, zu wissen, was gut und böse ist. Jeder weiss, dass man andere nicht töten darf. Darum ist er auch schuldig – ausgenommen wirklich Kranke. Die erkennt man rasch. Ich erinnere mich an einen Mann, der nackt durch den Englischen Garten rannte und wie ein Affe auf Bäume kletterte. Er tötete einen Wachmann und schnitt ihm die Hoden ab. Dieser Mann war krank, keine Frage. Letztlich entscheiden aber Juristen, nicht Polizisten, und das ist auch gut so. Wir sind nur die Sammler. Ich möchte kein Richter sein.

Würden Sie hingegen Ihren Beruf nochmals ergreifen?

Sofort! Mein Beruf hat mich oft gefordert bis an meine psychischen und physischen Grenzen, jedoch immer ausgefüllt. Niemals kam Langeweile auf. Es war ein wunderbarer Beruf, trotz den schlimmen Dingen. Das Belastende an unserem Beruf ist nicht die Leiche, die daliegt, sondern es sind die Hinterbliebenen. Sie haben ein Recht, zu wissen, was passiert ist. Diese Bringschuld will man als Polizist erfüllen.

Haben die vielen Jahre als Mordermittler Sie persönlich verändert?

Man wird realistischer und läuft nicht länger durch die Welt als blauäugiger Gutmensch. Es bildet sich ein gesundes Misstrauen, ich sage ausdrücklich: gesund. Wenn es krankhaft wird, muss man aufhören.

Mir ist es bei der Lektüre ergangen wie damals, als ich, ein Schulbub, im Fernsehen «XY» schaute. Da konnte ich jeweils kaum mehr schlafen hinterher.

Das geht den meisten so. Beim Lesen kommt einem plötzlich der Gedanke, dass all das ja tatsächlich passiert ist: Nichts ist erfunden! Das erschlägt die Leute, weil sie sich gar nicht vorstellen können, dass es so etwas gibt. Gleichzeitig sind sie davon fasziniert. Als ehemaliger Kriminalbeamter weiss ich, dass ich aussergewöhnliche Fälle schildere. Die habe ich auch bewusst ausgewählt. Es sind Fälle, die auch mein Vorstellungsvermögen gesprengt haben. Es ging mir darum, zu zeigen, wozu Menschen fähig sind. Das Böse gibts seit Menschengedenken. Und es wird wieder schlimme Dinge geben, obschon die Zahl der Tötungsdelikte rückläufig ist. Leider Gottes gibt es andere Bereiche in der Kriminalität, wo die Zahlen steigen...  

Sie deuten in Ihrem Buch an, dass es manchmal nicht einfach ist, die irdische Rechtsprechung zu verstehen. Wie soll man verstehen können, wenn ein offensichtlich schuldiger Täter nicht verurteilt wird?

Ich habe viele Familien von Opfern kennengelernt. Das ist unbeschreiblich, wenn der Täter mit seiner Fratze vor Gericht der Witwe ins Gesicht lacht. Da muss jeder Normalbürger in Zorn geraten, der die Sache nicht bloss juristisch betrachtet, sondern moralisch.

Sie sagen aber auch, Ermittler dürfen sich nicht von Gefühlen leiten lassen.

Ganz kann man das nicht trennen. Aber man muss sehr stark aufpassen, dass man seine Gefühle beherrscht, sonst macht man Fehler.

Sie wollen uns also einen Spiegel vorhalten, wie abgründig wir sein können.

Wir sind nicht die Krönung der Schöpfung. Ich wollte aufzeigen, welch perverses Verhalten in uns schlummert.

Wer trüge die Krone der Schöpfung?

Niemand. Ich hoffe, dass es irgendwo, in einer anderen Dimension, eine ausgleichende Gerechtigkeit gibt. Die Vorstellung, dass es einen Himmel gibt, eine Hölle und – für die weniger Bösen – ein Fegefeuer, das haben sich die Menschen schon gut ausgedacht.

Daran glauben Sie natürlich als Bayer.

Ich weiss nicht, ob ich das glauben soll; ich bin ein Zweifler. Aber ich hoffe es.

Sie schreiben: Gäbe es keinen Alkohol, hätte die Polizei nur noch halb so viel Arbeit. Darf ich behaupten: Gäbe es keine Probleme mit Sex, hätte die Polizei sogar 90 Prozent weniger Arbeit?

(lacht): Wahrscheinlich. Aber noch weniger als den Alkohol können Sie den Sex verbieten. Sexuelle Perversitäten stehen oft in Zusammenhang mit Tötungsdelikten. Sadismus und Mordlust hängen eng zusammen. Viele Sexualmörder haben klein angefangen als Exhibitionisten oder Fetischisten.

Irritierend ist, dass offenbar jedes zweite Tötungsdelikt unentdeckt bleibt. Das sage die Wissenschaft, schreiben Sie.

Eine Untersuchung der Universität Münster kam zu diesem Schluss, aufgrund von 5000 ausgewerteten Obduktionen. Das deckt sich mit meinen Erfahrungen. Ich hatte einen Serienmörder, der sieben Frauenmorde gestanden hat. Drei davon waren gar nicht erst erkannt worden. Wir gehen davon aus, dass er noch mehr Frauen umgebracht hat, als er zugab, doppelt so viele.

Das streift das Thema des perfekten Mordes.

Unter perfektem Mord verstehe ich etwas anderes, als eine alte Frau zu ersticken, und nur deshalb nicht erwischt zu werden, weil die Leichenschauer unfähig waren. Ein perfekter Mord ist eine Tat, die zwar entdeckt wird, aber einem Täter nicht nachgewiesen werden kann. Das gelingt Tätern nur ganz selten. Unsere Aufklärungsquote betrug und beträgt zwischen 95 und 100 Prozent. Jeder Mörder geht also ein sehr hohes Risiko ein. Und das ist gut so.

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Grafik: Elia Diehl

CartoDB: Vierfachmord von Rupperswil