Kriegs-Erinnerungen

Kriegsende heute vor 70 Jahren: «So erlebte ich den 8. Mai 1945»

Schüler und Lehrer aus Aarburg - darunter Peter Grendelmeier - am 8. Mai 1945 unterwegs zu einer Feier im Gemeindewald anlässlich des Kriegsendes.

Schüler und Lehrer aus Aarburg - darunter Peter Grendelmeier - am 8. Mai 1945 unterwegs zu einer Feier im Gemeindewald anlässlich des Kriegsendes.

Die az hat kürzlich mit einem Aufruf Angehörige der Aktivdienstgeneration gesucht, die sich an den Tag des Kriegsendes, den 8. Mai 1945, erinnern. Das Echo war überwältigend.

Vor 70 Jahren war der 2. Weltkrieg zu Ende. In der Serie «Als der Krieg zu Ende ging» erinnern sich Zeitzeugen aus dem Aargau an die Jahre 1939–1945 und dabei vor allem an die letzten Kriegstage Anfang Mai 1945. Und sie erzählen ihre persönlichen Kriegserlebnisse und wie die damaligen Erfahrungen ihr späteres Leben geprägt haben.

Eiken, damals 11 Jahre

Olivia Schwarz

Eiken, damals 11 Jahre

Am 8. Mai 1945 sass unsere 2. Klasse der Bezirksschule Frick im Unterricht bei Lehrer Albert Hort. Ein Lehrerkollege störte unüblicherweise die Lektion und flüsterte unserm Mathelehrer etwas zu. Dieser schien total überrascht und beide Herren strahlten etwas aus, was uns Kinder irgendwie verunsicherte. War es Überraschung, Freude, Glück?

«Kinder, der Krieg ist aus! Und die Schule auch! Geht und freut euch. Jetzt wird alles gut!» Mit diesen Worten schickte uns Albert Hort mitten am Nachmittag nach Hause.

Wir Kinder aus Eiken – wir waren ja die Grenznächsten zu Deutschland – fuhren unverzüglich los mit unsern Velos, aber nicht etwa nach Eiken, sondern gleich an den Rhein.

In den deutschen Dörfern läuteten die Glocken, französische Panzer rollten mit aufgepflanzten weissen Fahnen von Säckingen her Richtung Murg - Laufenburg. Die Menschen waren auf den Strassen und schrien, lachten und jubelten den fremden Soldaten zu.

Und unsere Buben - waren es nur die Buben? - hatten nichts Gescheiteres im Kopf, als über den Rhein «Sauschwobe» zu rufen!

Meisterschwanden, damals 14

Heinz Siegrist-Hess

Meisterschwanden, damals 14

Ich erinnere mich noch genau an diesen historischen Frühlingstag! Ich war damals 14-jähriger Schüler von Meisterschwanden. Am Morgen des 8. Mai 1945 verkündete uns die Lehrerschaft freudig, dass der Krieg zu Ende sei und sich deshalb sämtliche Schulen von Meisterschwanden und Fahrwangen gegen Mittag bei der Kirche versammeln und alle Glocken läuten würden.

Es wurden Ansprachen von Behördenmitgliedern, Lehrern und Pfarrer gehalten. Wir Schüler sangen fröhliche Lieder, während anschliessend - lange - alle Kirchenglocken läuteten, wir Schüler vor der Kirche eine Friedenslinde pflanzten, zu welcher Pflanzung ich mithalf, per Spritzkanne Wasser zu tragen! Diese Friedenslinde besteht heute noch.

Fahrwangen

Hans Peter Weber

Fahrwangen

Als ich geboren wurde, hatte der Krieg in Europa schon begonnen. Das kriegte ich als Säugling natürlich nicht mit. Später wurde aber auch mir klar, dass etwas Ungewöhnliches im Gange war.

Oft hörten wir aus dem Nachbardorf das Heulen der Sirenen und die Mutter sagte, wir sollten uns in den Keller begeben, wegen der Bomben. Von denen hatte ich auch schon gehört und hatte begriffen, dass sie gefährlich waren, aber niemand scherte sich wirklich um die Sirenen.

Dann begann es nachts über dem Haus oft stundenlang zu dröhnen und wenn man ans Fenster ging, war der Himmel mit hellen Streifen, die sich hin und her bewegten, beleuchtet. Das sind die Amerikaner, sie bombardieren Mailand, sagte der Vater. Die Fenster waren mit Tüchern verhängt und man sollte möglichst kein Licht machen.

Eines Tages gingen viele Leute an unserm Haus vorbei und die Glocken läuteten wie bei einer Hochzeit. Die gehen auf den Geisshof, um den Frieden zu feiern, sagte der Vater.

Aarau, damals 12 Jahre alt

Gertrud Nüsperli

Aarau, damals 12 Jahre alt

Der 7. Mai 1945 war für mich der erste Schultag an der Aarauer Bezirksschule. Darauf hatte ich mich seit langem gefreut. Wir erhielten die Klasseneinteilung und vom Klassenlehrer im Eiltempo den Stundenplan verpasst und hatten uns dann in der Aula beim Musikdirektor E.A. Hoffmann zu melden, «Storch» genannt, weil er im schwarzen Frack mit weissem Bart umher zu stolzieren pflegte.

Dort mussten drei Lieder für die Friedensfeier des kommenden Tages eingeübt werden; am Nachmittag gesellten sich zusätzlich die älteren Jahrgänge zur Hauptprobe hinzu.

So gerüstet fanden wir uns am Vormittag des 8. Mai zur grossen Friedensfeier in der proppenvollen Stadtkirche ein. Unsere Lieder unterbrachen auf wohltuende Weise die staatsmännischen Ansprachen damals bedeutender Persönlichkeiten. So jedenfalls empfand ich das.

Der Nachmittag war frei, und am nächsten Tag begann für mich die neue, schöne Bezirksschulzeit und für Europa eine unerwartet lange und ebenso schöne Nachkriegszeit.

Erlinsbach, damals 9

Jean-Louis Zeerleder

Erlinsbach, damals 9

An den Dienstag, den 8. Mai 1945 - oder vielleicht war es auch der folgende Tag - kann ich mich noch gut erinnern. Es war ein milder Frühlingstag, das Schuljahr hatte vor kurzem begonnen, denn der Beginn war damals noch im Frühjahr nach Ostern.

Ich besuchte die Primarschule Muristalden in Bern, nunmehr als ein Drittklässler. Unser Lehrer eröffnete die erste Schulstunde und berichtete in feierlichem Ton, heute sei ein ganz besonderer Tag und wir würden ihn deshalb im Freien beginnen.

Darauf begaben wir uns gemeinsam in den nahegelegenen Rosengarten, wo wir uns auf ein Mäuerchen setzten. Jetzt erklärte uns der Lehrer, ich glaube er hiess Wittwer, dass mit diesem Tag endlich wieder Frieden in Europa einkehre und was das für uns alle, aber besonders für die vielen Menschen und Kinder in den vom Krieg direkt betroffenen Ländern bedeute.

Obschon auch wir Kinder mitbekommen hatten, dass sich da draussen in der Welt etwas Schreckliches und Schlimmes abspielt – ich habe vor allem die Verdunkelung in der Nacht und die unheimlichen Fliegeralarme nicht vergessen, wenn wir den Luftschutzkeller aufsuchen mussten – hatte sich in unserem Alltag sonst nicht viel für uns Unangenehmes ereignet.

Wir waren ja mit den damaligen Einschränkungen im täglichen Leben wie etwa die Lebensmittel-Rationierung aufgewachsen und empfanden diese deshalb nicht als unangenehm.

Dennoch hatten mich die Worte unseres Lehrers sehr berührt, und ich glaube damals begriffen zu haben, was Krieg und Frieden auf der Welt für eine Bedeutung haben und wie die Menschen in den vom Krieg verwüsteten Ländern gelitten hatten.

Ich entsinne mich auch noch an den späteren Besuch von Churchill in Bern und wie wir am Strassenrand standen und ihm bei seiner Vorbeifahrt in einem offenen Auto zujubelten.

Für mich war er damals der grosse Held, der den Krieg gewonnen und dadurch auch beendet hatte. Erst langsam kehrte die Normalität im Alltag wieder zurück, was ich als Kind aber jeweils als neue Annehmlichkeit und Fortschritt empfand.

Es begann danach eine Zeit des Aufbruchs und zwar nicht nur für uns Kinder in der Schweiz, sondern für ganz Europa, wobei er in den vom Krieg verwüsteten Ländern erst zögernd und dann aber wie in Deutschland mit einem „Wirtschaftswunder“ einsetzte.

Drei Jahre nach Kriegsende im Jahre 1948 reisten wir zum ersten Mal wieder nach Dänemark in mein „Mutterland“ zu meinen Grosseltern und der Familie meiner Mutter.

Wir durchquerten Deutschland auf dem kürzest möglichen Weg von Holland aus über Hamburg, wo mir die damals immer noch in Ruinen liegende Stadt und die am Strassenrand bettelnden Menschen einen unvergesslichen Eindruck hinterliessen.

Man riet uns, in Holland und Dänemark in der Öffentlichkeit Schweizer Fähnchen anzustecken, damit wir nicht mit den ungeliebten deutschen Besatzern verwechselt würden.

Auch mir sind im Laufe des Krieges „die Deutschen“ unsympathisch geworden. Denn sie zensierten Briefe, die aus Dänemark kamen, indem sie Passagen, die ihnen unangenehm waren, mit schwarzer Farbe unleserlich machten. Das hatte mich zutiefst beeindruckt: Ein Fremder öffnete und las unsere private Korrespondenz!

Soweit in Kürze meine Erinnerungen, die das Jubiläum des Kriegsendes bei mir ausgelöst haben. Meine Frau ist übrigens eine während des Krieges geborene Berlinerin. Sie hat ganz andere Erinnerungen an diese und die Nachkriegs-Zeit.

Lenzburg, damals 17 Jahre alt

Alois Simmen

Lenzburg, damals 17 Jahre alt

Noch vor meinem 17. Geburtstag erhielt ich die schriftliche Aufforderung, mich für die Rekrutierung zum passiven Luftschutz zu stellen. Ich war als Luftschutzsoldat der Luftschutzkompanie Andermatt zugeteilt.

Die Luftschutzzentrale war von der ersten Mobilmachung an immer Tag und Nacht besetzt. Der Zwei-Mann-Dienst in der Alarmzentrale dauerte immer drei Tage und drei Nächte.

Ausgerechnet vom 7. bis 9. Mai 1945 hatten der Uhrmacher von Andermatt und ich Zentralendienst. Am 8. Mai morgens habe ich das Telefon mit dem üblichen Spruch «Andermatt Linie gut» bedient.

Dann sagte die Stimme am andern Ende: «Geben Sie Endalarm. Der Krieg ist zu Ende.» Ich habe den Knopf gedrückt und die Sirene heulte zum letzten Mal. Ich kann das Gefühl heute nicht mehr beschreiben.

Aber ich war als jüngster Luftschutzsoldat von Andermatt am 8. Mai 1945 der grosse Star und wurde von der ganzen Kompanie bis tief in die Nacht hinein gefeiert. Ein solches Ereignis kann man nie vergessen.

Aarau, damals Primarschüler in Basel

Werner Laubi

Aarau, damals Primarschüler in Basel

Ich habe die letzten Kriegsjahre als Primarschüler in Basel erlebt und erinnere mich neben manch anderem an bedrückende Wochen, an die Soldatensuppe, die wir im von der Truppe belegten Schulhaus holten, an Frauen, die im öffentlichen Dienst die Männer ersetzten, an Spaziergänge längs des Flusses Wiese, wo die Grenze durchging, an das «Braune Haus», wo Engagierte die Nazifreunde anschnauzten, an den Bombenabwurf in unserem Quartier, an die Bombardierung von Kembs nahe Basel und an den Tag, als uns die Mutter auf dem Schulweg entgegenkam und rief: Der Krieg ist zu Ende!

Marino Studer, Möhlin

Marino Studer, Möhlin

Mein Vater war als Angestellter der Schweiz. Rheinsalinen vom Militärdienst befreit. Ausgerechnet aber am Tag, als die Kirchenglocken den Frieden verkündeten, musste er für einen kurzen Kurs des neu geschaffenen Luftschutzes (eine Art des heutigen Zivilschutzes) nach Langnau i.E. einrücken.

Einige Tage zuvor war mein Vater mit dem Velo unterwegs und wir sahen, wie die Franzosen auf der deutschen Seite des Rheins mit Panzern vorrückten. Die deutschen Nachbarn hängten weisse Leintücher zu den Fenstern hinaus zum Zeichen, dass kein Widerstand mehr geleistet werde.

Kurz vor Kriegsende kamen etliche russische, polnische aber auch deutsche Flüchtlinge (meist Soldaten) über den Rhein. Tropfnass läuteten sie bei uns im untersten Haus des Dorfes. Nach einem warmen Getränk zogen sie weiter ins Dorf. Leider kam aber einige Male der Leichenwagen (Pferdefuhrwerk) mit Ertrunkenen vom Rhein her bei unserem Haus vorbei.

Da mein Elternhaus direkt in der Fluglinie des Rheins (der ja in Möhlin einen grossen Bogen Richtung Deutschland macht) lag und die fremden Flugzeuge eine Abkürzung direkt über unser Haus flogen, mussten meine Eltern und ich oft den Keller aufsuchen, weil wieder mal Fliegeralarm heulte (oft mitten in der Nacht).  

Verena Hediger, Stein

Im Mai 1945 war ich neun Jahre alt. An den 8. Mai 1945 erinnere ich mich ganz deutlich. Mein Vater war mit Gartenarbeiten beschäftigt. Meine Mutter kam aus dem Haus, sie redeten miteinander.

Ich «sehe» meinen Vater noch, wie er die Hände auf der Stechschaufel aufstützte. Beide waren einen Augenblick ganz still.

Da sagte mein Vater: «Also wenn das so ist, unterbreche ich meine Arbeit, heute mache ich Sonntag.» Mit Brot und einem Apfel wanderten wir durch den Frühling den Bahngeleisen entlang. Irgendwo, ich weiss die Stelle bis heute ganz genau, sind wir ins Gras gesessen.

Vater teilte Brot und Apfel. Es war sehr still, der Tag war schön. Als ein Zug an uns vorbeifuhr, fragte ich, wohin er denn wohl fahren würde. Nach Winterthur, hat Vater mir geantwortet.

Und nach einer Weile sagte er: «Ja, heute fährt der Zug nach Winterthur. Aber der Tag wird kommen, wo auf diesen Geleisen der Zug nicht nur bis Winterthur fahren wird, sondern bis nach Berlin.»

Ich konnte mir gar nicht vorstellen, dass man nach Berlin reisen wollte. Bis anhin bedeutete dieses Wort Berlin doch nur Angst und Schrecken.

Dann waren das Brot und der Apfel aufgegessen, wir wanderten wieder heim. Mein Vater sagte, ich solle mich immer an diesen Tag, den 8. Mai, erinnern. Das dürfe man nie vergessen: endlich Frieden.

Das mit dem Frieden ist leider nicht so ganz in Erfüllung gegangen. Aber unvergesslich sind für mich der Nachmittag, das Brot und der Apfel. 60 Jahre später ist meine Tochter wirklich auf jenen Geleisen nach Berlin gefahren. Sie kam mit vielen schönen Erinnerungen zurück. 

Lilly Haueter, Safenwil

Am 8. Mai 1945 war ich eine Schülerin der 5. Klasse in Safenwil, beim damals noch sehr jungen Lehrer Kurt Wyss.

Ich erinnere mich an das feierliche Glockengeläute der Safenwiler Kirche. Es war ein schöner Tag, ein richtiger sonniger Maientag. Die ganze Schülerschar der damals 8 Klassen versammelte sich auf dem Pausenplatz zu einem ruhigen, geschlossenen Zug und bewegte sich dann, begleitet von allen Lehrerinnen und Lehrern, hinauf über den steilen Hügel zur Kirche, dann weiter auf die sonnige Wiese hinter dem "Gyrhölzli", einem frühlingshaft lichtgrünen Wäldchen.

Die Wiese war abgemäht, und wir versammelten uns darauf in einem grossen Rund zum Chorgesang: "Rufst Du mein Vaterland". Es herrschte eine andächtige, ernste Stimmung.

Vielleicht hat dann der Pfarrer oder einer der Lehrer noch etwas gesagt - ich weiss es nicht mehr. Frieden war angesagt - auch ohne Bratwurst und Examenbatzen wie bei anderen Schulfeierlichkeiten.

Eher instinktiv begriffen die Meisten von uns, dass es doch eine ernste Stunde war und übermütige Festfreude fehl am Platze.

Die Kriegszeit in den Jahren vorher ist mir in vielfältiger Erinnerung. Dem Vater mussten mein Bruder und ich beim häufigen Einrücken viele Male helfen, den Kaputt so eng zu rollen, dass er Platz hatte im Tornister. Das ging nicht ohne Aechzen und Stöhnen. Dann war der Vater wieder wochenlang fort - im Dienst, meistens im Baselbiet oder im Tessin.

Wovon wir zuhause lebten, habe ich keine Ahnung. Die Mutter half da und dort aus - beim Bauern Müller im Dörfli gingen wir "in die Härdöpfel" und genossen die legendären Zobig seiner lieben Frau!

Beim Dorfbeck Kunz flickte die Mutter die Kleider, und bei Schuhmacher Wilhelm machte sie grosse Wäsche. Stets war da auch für uns eine leckere Verpflegung zu erwarten und von Herzen zu geniessen.

Kulinarisch blieben ja sonst einige Wünsche offen - fast keine Butter, kein Fleisch, dafür viel Kartoffeln und Maisbrei. Hungern mussten wir aber nie. Einmal schickte uns der Vater per Feldpost - neben seinem Sold - ein schwarzes Fiberköfferchen, das er beim Schiessen gewonnen hatte.

Es war ganz voll Süssigkeiten, Kägifrett und andere Schokoladen und Militärbiscuits! Wir lebten gut daran!

Nach und nach gab es auch vereinzelte Ferienkinder aus dem Ausland - so war zum Beispiel "Ginette" mit einem unnachahmlichen französischen Akzent für kurze Zeit meine Banknachbarin.

Sie sagte jeweils "adieu maintenant" - und das, glaubte ich, hiess "Adie mitenand"! Wir verstanden einander aber gut, und sie bezauberte mit ihrem französischen Charme!

Ernster und gesetzter benahm sich "Manuela" aus dem Ruhrpott. Sie war Gast bei der Fabrikantenfamilie Hochuli - kein Dorfkind - eher mit fast grossstädtischer Eleganz und nobler Zurückhaltung.

Nach einigen Wochen mussten beide inzwischen vertraut gewordenen Schulkameradinnen wieder in ihre Heimat zurückkehren. Uns aber war damals nicht bewusst, was die Beiden dort antreffen würden.

Wir selber wussten fast nichts von aller Zerstörung und dem grossen Elend. Das haben wir erst viel später erfahren. Ich erinnere mich trotz der Kriegsjahre an eine recht unbeschwerte und heitere Kindheit.

Alexander Streichenberg, aus Wettingen, Kriegsende erlebt in Thal am Bodensee    

Schon früh wurde in mir die Hoffnung auf das Kriegsende wach. Weshalb? Mit den Eltern sass ich am 22. Juni 1941 in der Stube unseres Grossvaters. Er hatte ankündigt, dass heute Abend eine wichtige Rede des deutschen Führers zu hören wäre. Die Radioverbindung klappte.

Wir hörten seine wütende Stimme! Stolz verkündete er den Überfall auf Russland. Da sagte unser Grossvater: „Jetzt haben die Deutschen den Krieg verloren“ – Natürlich nahmen das Leiden und die Greueltaten des Krieges zu und stiegen ins Unermessliche.  Aber die Hoffnung auf ein Ende blieb in mir haften!

Im Dorf Thal, in dem sich auch der Flugplatz Altenrhein befindet, wurde ich im Jahr 1935 geboren. Wir wohnten etwas oberhalb des Dorfes am Abhang zum Appenzeller Land. Von dort aus genossen wir einen wunderbaren Ausblick  auf den Bodensee, hinüber nach Bregenz und Lindau.  Es begannen 1944/45 die Luftangriffe der Alliierten mit den „Fliegenden Festungen“, den

4-motorigen Bombern, begleitet von Jagdflugzeugen. Sie benutzten die Strecke von Konstanz über den Bodensee bis zu uns am oberen Ende. Über dem See konnten die feindlichen Flab-Kanonen die  Flieger nicht  erreichen. Bei uns drehten sie ab in Richtung Norden zur Bombardierung der süddeutschen Städte und dann wieder  zurück. In den Nächten hörten wir das Gebrumm, oft direkt über unseren Köpfen. Natürlich hatten wir Angst.

Am Tage landeten auf dem Flugplatz Altenrhein oft  beschädigte Maschinen. Dann stiegen wir auf die Velos und bewunderten  die Bomber und die modern gekleideten englischen und amerikanischen Piloten. Wer Glück hatte, konnte sich einen Kaugummi ergattern! Ein weiteres Hobby war das Sammeln der abgeworfenen Stanniolstreifen. Sie dienten der Störung der Radar Ortung.

Nicht alle in Not geratenen Flugzeuge fanden den Flugplatz Altenrhein.  Gleich auf der andern Seite des früheren Rheinbettes, im besetzten österreichischen Gaissau, existierte auch eine Landepiste! Dort landeten irrtümlicherweise manchmal  alliierte Maschinen.

Mit dem Fernrohr konnten wir von unserem höher gelegenen Garten aus verfolgen, wie Deutsche auf Motorrädern kamen und die Piloten gefangen nahmen. Das machte uns sehr traurig!

Das einzig Positive aus unserer Warte war, dass infolge der Fliegeralarme die Schule ausfiel. –  Gegen Kriegsende konnten wir am Tage die Bombardierung und Eroberung von Bregenz und Lindau durch französische Truppen beobachten. – Erschütternd war die Bombardierung von Friedrichshafen.

Es dröhnte fast die ganze Nacht. Der Himmel war hell erleuchtet von der brennenden Stadt. Unsere Eltern waren nicht zuhause. Mit einem Dienstmädchen standen wir am Fenster und starrten erschüttert in die erleuchtete Nacht hinaus. In Rorschach soll es durch den Luftdruck zerstörte Fensterscheiben gegeben haben. Friedrichshafen, samt Industrie, war zerstört.

Wir Jungen hassten damals die Deutschen!  Oft veranstalteten wir Militärspiele, wobei alle  Schweizer sein wollten! – Gleichzeitig aber wohnte bei uns ein deutscher Junge zum „Durchfüttern!“ Es wurden im Dorf viele Kinder aufgenommen, vor allem französische.

Die meisten Nahrungsmittel waren rationiert. Das Brot musste mindestens zwei Tage alt sein, damit man nicht zu viel davon ass. Gelitten haben wir nicht. Wahrscheinlich war die damalige Ernährung gesünder als heute! In guter Erinnerung geblieben sind mir die laufenden  Sammlungen für  Völker ausser Landes! Es wurden auch oft sogenannte „Liebesgabenpakete“ versendet.

Dann kam am 8.Mai 1945 die erlösende Kapitulation Deutschlands. Ich glaube, dass die Kirchglocken läuteten in unserer paritätischen Kirche. Im Schulzimmer, wo der Lehrer für die Schülerinnen und Schüler der 3. bis 5. Klasse zusammen sass, durften wir auf unseren Schiefertafeln Schweizerkreuze zeichnen. Es war ein gutes Symbol für die weitgehende Bewahrung unseres Landes vor den Schrecknissen des Krieges.

Noch heute danke ich Gott dafür! Schnell verschwanden die schwarzen Verdunkelungstücher von allen Fenstern und die zahlreichen Stacheldrahtsperren würden abgeräumt. Die Wegweiser an den Strassen und Wegen konnten wieder montiert werden! – Auch aus Dankbarkeit habe ich in den 50er Jahren begonnen Militärdienst zu leisten.

Maya Hächler  

Mein Vater hat ein grosses  Haus geerbt von seiner Familie in Zetzwil.  Er arbeitete damals in Aarau. Das Haus wurde ausgebaut und wir haben einen Laden geführt. Dazu vier Wohnungen für Menschen aus dem Dorf.  

Eine Familie aus Sizilien wohnte da und meine Mutter hütete die Kinder, während beide Italiener eine Arbeit bekamen in der Region. 

Meine Eltern waren sehr aktiv. Das erste Telefon im Dorf war in unserem Haus. Viele Leute benutzten es täglich. Wir hatten auch die erste Waschmaschine. Viele konnten sie auch benutzen.

Auch eine Schneiderin hatte eine Wohnung und ein Atelier. Sie nähte für das ganze Dorf und später für diese vielen Kinder, die zur Erholung kamen. Die Nachrichten, die wir täglich hörten, haben uns betroffen gemacht. 

Ich erinnere mich an die Kinder, die alle 3 Monate ankamen mit kleinem Gepäck, die Etiketten der Namen und Adressen am Halsband. Wir holten sie  am Bahnhof ab. Wie ich mich erinnere, hatten wir einen Polen, Deutsche und auch Franzosen.

Mit dem polnischen Jungen (Tschutscha nannten wir ihn) hatten wir etwas Mühe. Wir verstanden ihn kaum. Er sass stundenlang bei der Vogelvoliere und sprach mit den Vögeln, kaum mit uns.

Wir hatten nie Hunger, denn unsere Landschaft war üppig und mit grossen Gärten bestückt. Ganz spannend wurde es als die zwei Mädchen aus Magdeburg ankamen. Christiane und Mayana wollten nicht zu uns und haben am Bahnhof geweint ..."ich will zu meiner Mutti! Sie ist viel lieber als du und viel schöner".  

Meine Mutter war halt nicht ihre Mutter, sie schleppte sie mühsam in unser Haus. Das Trösten dauerte noch Tage. Zum Glück waren wir drei Mädchen aktiv. Nachts im Bett erzählten wir uns viele, viele Geschichten.

Die Schneiderin über uns hat ihnen dazu Kleider geschneidert und wunderbare Wintermäntel, die Jahre später wieder in die Schweiz zurückkamen in gutem Zustand. 

Die Mädchen waren Büchernarren, wir machten Theater, durften im Einkaufsladen mithelfen. Es entstanden auch Kriegszustände mit unseren wilden Nachbarsbuben, die alles andere als freundlich waren. 

Auf unserer Wiese am Bach  beim Spielen

Auf unserer Wiese am Bach beim Spielen

Es war sehr lebendig bis nach diesen drei Monaten. Der Abschied nahte. Im Dorf kannte man die Mädchen. Sie waren sehr selbständig. Sie sollten nun zurück in ihre Heimat.

Die Begleiterinnen waren schon am Bahnhof und wollten sie bereit machen für die Reise. Das Pech oder das Glück wollte es, dass die ältere Schwester noch plötzlich etwas verloren hatte und es holen wollte. Sie hat sich dann absichtlich versteckt  auf dem Estrich bei uns zu Hause. Die Begleiterinnen und meine Mutter gerieten in Panik. Sie fanden sie. Da weinte sie fürchterlich. "Ich will nicht zurück, holt meine Mutti".  So kam es, dass eine Nachricht nach Deutschland ging. Die beiden Mädchen durften noch einmal drei Monate hier bleiben. 

Die Telefone nach Deutschland wurden dann Tradition, wie das jährliche Wiederkommen in unser Haus zusammen mit den Eltern. Unsere Brieffreundschaft blieb viele Jahre.

Der Vater war ein Schauspieler und Radiosprecher und amtete öfters mit Geschichten in unserer Schule in Zetzwil. Sie erzählten über Deutschland, wie die Menschen hungern und dass die Mutter gestohlen hat, um etwas zu Essen auf den Tisch zu bringen.

Leider sind unsere Eltern nicht mehr am Leben. Erinnerungen an Freundschaften bleiben.

Maximilian Reimann, Nationalrat

Mein Vater, der während des Kriegs mindestens die halbe Zeit im Dienst war, hat diese Fotos unmittelbar nach Kriegsende mit seinen beiden Buben gemacht bzw. veranlasst. (Der 3. seiner Buben, Kurt, Vater von NR Lukas Reimann, war Nachzügler und damals noch längst nicht auf der Welt…)

Max vor Bunker mit Schatten.

Max vor Bunker mit Schatten.

Sie stammen von der Panzersperre, die quer durchs Tal zwischen Oeschgen und Frick, vom Frickberg bis zum Moos hinüber reichte. Der Bunker steht heute noch, an der Kaistenbergstrasse, ausserhalb von Frick, ist aber total überwachsen und kaum mehr sichtbar. Der Schatten des Fotografen stammt vom Vater selber.

Mein Vater Alfons Reimann war Leutnant und dann Oberlt. in der aargauischen Grenzbrigade 5, die zuvorderst im Grenzraum und teilweise am Rhein selber positioniert war. Ihre Aufgabe bestand darin, einen möglichen deutschen Einmarsch so lange als möglich hinzuhalten. Mein Vater rechnete damit, wie er uns später sagte, von den Deutschen bei einem massiven Überfall im Grenzabschnitt überrolt zu werden, mit jedwelchen Folgen…

Auf der Toblerone.

Auf der Toblerone.

Umso stolzer war er, nach Kriegsende seinen Buben Hansli (geb. 1940) und Maxli (geb. 1942) die Orte zu zeigen, wo er im Krieg gedient hatte. Er selber war in Oberhof aufgewachsen und zur Kriegszeit Bankangestellter in Frick, wo wir später auch zur Schule gingen.

Peter Grendelmeier, damals 7 Jahre alt

Peter Grendelmeier, damals 7 Jahre alt

An den Beginn des zweiten Weltkrieges in Europa (anfangs September 1939) erinnere ich mich nicht. Ich war damals 1 Jahr und 10 Monate alt.

Wohl aber erinnere ich mich an zahlreiche Geschehnisse und Erlebnisse während des Krieges. Und ganz genau erinnere ich mich an den Tag, an dem in der ganzen Schweiz die Glocken läuteten.

Das war der hierzulande „Tag der Waffen-ruhe“ genannte Tag, der Tag, an dem Deutschland unter dem von ihm begonnen Krieg offiziell zusammenbrach. (Im Pazifik jedoch ging der zweite Weltkrieg, von uns Europäern weitgehend unbemerkt - wie ich erst viel später lernte - weiter). 

Vorausschicken muss ich, dass ich als Kind die Kriegszeit zum Teil in Aarburg, wo wir wohnten, verbrachte, zum Teil in Laufen-burg, wo Grossvater wohnte und wo er ein Baugeschäft hatte. In Laufenburg waren wir immer dann, wenn sich Vater im Militärdienst befand, was sehr häufig vorkam.

In Aarburg hatte man das Gefühl, hinter den Juraketten geschützt zu sein. In Laufenburg jedoch befand man sich in allernächster Sicht- und Hördistanz vom Krieg, von Deutschland nur durch den Rhein ge-trennt: Ein mulmiges Gefühl.

Nun aber – ganz kurz – der Reihe nach. Das erste Erlebnis, an das ich mich (schwer zu glauben, aber ohne jeden Zweifel) erinnere, passierte am kirchlichen Festtag der Auffahrt, am 2. Mai 1940.

Ich war damals ziemlich genau zweieinhalb Jahre alt. Wir wohnten in Aarburg. Mutter war mit mir mit dem Zug nach Laufenburg zu ihrem Vater gefahren, zu meinem Grossvater,  Baumeister Josef Erne.

Vater befand sich seit vielen Wochen im Fricktal im Militärdienst. An Auffahrt bekam er einen Tag Urlaub. Wir benützten die seltene Gelegenheit des Zusammenseins von drei Generationen, um den schönen Frühlingstag in Grossvaters Jagdrevier, beim „langen Marchstein“, ob Wil im Mettauertal zu verbringen.

Familie Grendelmeier

Familie Grendelmeier

 

Die Foto zeigt von rechts nach links Grossvater Josef Erne, Vater Josef Grendelmeier in Uniform, meine Mutter Josefine Grendelmeier, Peterli Grendelmeier und meine Taufpatin Klärli Erne-Brogle beim Picknick. Man könnte meinen, es habe Gemütlichkeit und tiefer Frieden geherrscht. 

In Tat und Wahrheit war genau das Gegenteil der Fall: Ich erinnere  mich recht gut an die gespannte, angstvolle Stimmung in der lieblichen Waldlichtung über dem Rhein. Ursache war, wie ich erst viele Jahre später realisierte, die im Frühjahr und Sommer 1940 jeden Augenblick erwartete deutsche Invasion in die Schweiz.

Spätere Erinnerungen sind der Karbidkessel an Grossvaters Opeli; das nächtliche Sirenengeheul, wenn amerikanische und britische Bomberverbände vor Mitternacht auf ihrem Weg nach Italien die Gegend von Aarburg überflogen und drei Stunden später zu ihren Basen in England zurückkehrten; die Züge, die nachts von Deutschland durch den Bahnhof von Aarburg nach Italien rollten; die Lebensmittelmarken; die (am 27. Februar 1945) über Trimbach kreisende, brennende „Fliegende Festung“, eine B-17, die dann abstürzte; unsere Soldaten, denen wir im Winter heissen Tee, angereichert mit einem Löffel Rum, in ihre Flabstellungen brachten; einen Nachbarn, Fliegerhauptmann, Pilot einer Messerschmidt, der effektiv in der Ajoie Feindkontakt, ebenfalls mit einer Messerschmidt – einer deutschen – hatte; die Freude, wenn Grossvater einmal ein Bauernbrot und ein Glas voll Honig heimbrachte (er hatte als Baumeister im Fricktal häufigen und guten Kontakt mit der Bevölkerung und als Jäger besonders mit den Bauern); die Berichte von Leuten im Mettauertal, die überzeugt waren, an den gefährlichsten Tagen im Frühjahr 1940 am Himmel über dem Rhein die schützende Hand des Landesvaters, des Bruders Niklaus von der Flüe, gesehen zu haben (und die nach dem Krieg aus Dankbarkeit dem 1947 Heiliggesprochenen in Etzgen eine Kapelle bauten); die dem Rhein entlang erstellten Bunker, Panzersperren und Festungsanlagen als gegen Norden gerichtetes unmissverständliches Zeichen des Wehrwillens; die abstossende, krächzende Stimme Hitlers am Radio; anschliessend das Lied „Lili Marleen“, das mir so sehr gefiel, dass ich es den ganzen Tag hätte hören mögen; die „Bundesziegel“, die Vater aus dem Militärdienst heimbrachte; das Lied „Eine Kompanie Soldaten, wieviel Freud und Leid ist das“, das Vater mit uns („uns“, weil in der Zwischenzeit meine beiden Brüder zur Welt gekommen waren) während des samstäglichen Bades sang; der General, der im Volk überaus beliebte Henri Guisan, Landjunker, mit welschem Charme, frei von jedem Verdacht auf Nazifreundlichkeit, zusammen mit Bundesrat Rudolf Minger ein Glücksfall für die Schweiz, eine Jahrhundertfigur (wie Redaktor Arnold Böckli, „Bö“, vom Nebelspalter); die Hakenkreuzfahnen, die ich in Laufenburg wenige Tage vor Kriegsende in grosser Zahl den Rhein hinunter schwimmen sah:  ein schauerliches, unvergessliches Bild (das ich allerdings bisher in keiner mir zugänglichen Dokumentation erwähnt gefunden habe); schliesslich das Glas Milch mit Strohhalm und der Apfel, den wir in der Schule in der grossen Pause erhielten (ich kam 1944 in die erste Klasse).

Dankbar muss ich feststellen: Wir litten während des ganzen Krieges nie Hunger. Die Nahrung indessen war damals viel einfacher – und wohl auch gesünder - als heute.

Vom Krieg waren wir Kinder, im Gegensatz zu den Eltern und zu der erwachsenen Bevölkerung im allgemeinen, wenig belastet. Angst hatten wir vor allem in der Nacht, wenn der Fliegeralarm losging.

Am 8. Mai 1945, dem Tag, an dem das tausendjährige Reich Hitlers nach sechs Jahren, Dutzenden von Millionen von Toten und Ermordeten und grausamen Zerstörungen sein Ende fand, marschierte die gesamte Aarburger Schüler- und Lehrerschaft, darunter ich als Zweitklässler, Vater als Sekundarlehrer mit seinen drei Klassen, aus dem Schulhaus Hofmatt und aus dem Bezirksschulhaus im Städtchen in einer langen Viererkolonne ins „Brüschi“, in den Aarburger Gemeindewald:

Schüler und Lehrer aus Aarburg am 8. Mai 1945 unterwegs zu einer Feier im Gemeindewald anlässlich des Kriegsendes.

Schüler und Lehrer aus Aarburg am 8. Mai 1945 unterwegs zu einer Feier im Gemeindewald anlässlich des Kriegsendes.

Dort, im prächtigen Mischwald, dessen Boden aussah wie eine aufgeräumte, geputzte Stube, weil alles Gehölz, jeder Tannzapfen zum Heizen gesammelt worden war, nahmen alle in einem leicht abfallenden Tälchen im Halbkreis auf dem Waldboden Platz.

Die Förster hatten eine prächtige Buche ausgewählt. Sie erklärten uns, wie man einen Baum fällt und wie man die Richtung des Fallens bestimmen kann. Dann begannen sie mit ihrer schweren Arbeit, von Hand, ausgerüstet mit einer grossen Säge, wie dargestellt im berühmten Bild von Hodler.

Ausser dem Rauschen des Windes und dem Geräusch der Säge war kein Laut zu hören. Schliesslich stürzte der Baum, von Seilen gesichert, krachend genau in die vorgesehene Lücke zwischen den umgebenden Bäumen.

Ich, wie wahrscheinlich die meisten Schulkameraden und –kameradinnen, war vom vorher noch nie gesehenen Schauspiel überwältigt. Der Gemeindeammann, Herr Hofmann, eine Respektsperson, hielt eine kurze Rede, dankte Gott, dass der Krieg vorbei war und die Schweiz verschont geblieben war, gedachte der vielen Opfer, gab bekannt, dass der Baum verkauft und der Erlös dem Pestalozzidorf in Trogen geschenkt  würde.

Anschliessend gab es ein Znüni; der Nachmittag war schulfrei. Am Abend läuteten im ganzen Land die Kirchenglocken. Man realisierte selbst als Zweitklässler, dass ein Albtraum vorbei war, dass man Zeuge eines grossen Ereignisses, nämlich des schon lange erwarteten Endes des grossen Völkerringens geworden war.

Was man hierzulande allerdings zu wenig wusste, war die Tatsache, dass neben dem Krieg in Europa ein ebenso grosser Krieg im Pazifik ausgefochten wurde und dort in unverminderter Härte weiterging. Dort, im Fernen Osten, wurde er erst durch die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki beendet, Ereignisse, an die ich mich ebenfalls erinnere, aber weniger deutlich als an die hiesigen.

Noch lange spürte man die Nachwirkungen des Krieges: Aus Wien kam ein Mädchen zu unserer Hausmeistersfamilie, wo es aufgefüttert wurde. Bis wir eine befreundete Familie in Freiburg im Breisgau erstmals besuchen konnten, vergingen zwei Jahre; die Reise in uralten Waggons, gezogen von einer Dampflokomotive, in die zerbombte Stadt machte auf mich einen tiefen Eindruck.

Ein spezielles Ereignis: Am 17. August 1945 traf General Guisan den französischen General Pierre Marie Koenig auf der Brücke in Laufenburg. Das denkwürdige Treffen ist in Band 3  des Buches „Laufenburg“ von Alfred Lüthi auf Seite 306  fotografisch festgehalten und im Buch „General Guisan“ von  Willi Gautschi auf Seite 651  beschrieben.

Die Schuljugend von Laufenburg sang ein paar Lieder, darunter ein französisches, wenn ich mich richtig erinnere: „Là haut, sur la montagne“, von Abbé Joseph Bovet. Mutter und ich waren dabei. Mutter hielt zum festlichen Anlass einen kleinen Blumenstrauss in der Hand.

Plötzlich sagte sie zu mir: „Peterli, bring doch dem General das Sträusschen“. Ihr Wunsch traf mich unvorbereitet; ich genierte mich (dumm und gehemmt, wie ich war) und wehrte ab.

Da nahm ein Mädchen – es war wohl ein oder zwei Jahre jünger als ich - das Sträusschen mir nichts, dir nichts aus Mutters Hand und rannte freudestrahlend zum General.

Der hob das Mädchen zu sich hoch, gab ihm, charmant, wie er war, ein Küsschen auf die Wange, und bedankte sich – mir blieb nur, mich bis zum heutigen Tag über meine damalige Schüchternheit zu ärgern.

Eines Tages ein Highlight: Da tauchten im Städtchen Aarburg  amerikanische Soldaten, zum Teil Schwarze, in Jeeps auf; sie waren im Nu von der Schuljugend umzingelt, unterhielten sich mit uns mit Brocken von Deutsch und verteilten uns etwas, das wir noch nie gesehen hatten: Chewing Gum!

Dann zwei Ereignisse, über die am Radio („Sie hören die Abendnachrichten der Schweizerischen Depeschenagentur“) und in den Zeitungen (Vaters Leibblatt: Das „Aargauer Volksblatt“) berichtet wurde: Winston Churchills Rede am 19. September 1946 in Zürich. Und die Besuche von Feldmarschall Montgomery als Privatmann zum Wintersport in der Schweiz.

Kurz nach dem Ende des zweiten Weltkrieges, als die Grenze erstmals wieder offen war, hatte Grossvater etwas Geschäftliches in Säckingen zu erledigen (er besass aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg dort ein Stück Land).

Bei der Kontrolle nahmen es die französischen Soldaten genau; sie fanden in seinem Auto im Handschuhfach ein paar Schrotpatronen. Grosse Aufregung! Grossvater wurde verhaftet, kam zur erwarteten Zeit nicht nach Hause.

Freigelassen wurde er erst mehrere Stunden später, nachdem ein Telefon (das damals nicht einfach zu arrangieren war) der französischen Besatzungsbehörde mit dem Landwirtschafts- und Forstdepartement in Aarau ergeben hatte, dass Grossvater ein unbescholtener, ungefährlicher Bürger sei, der als Jäger lediglich dummerweise ein paar Patronen für seine Flinte im Auto vergessen hatte.

Zu guter Letzt: Als ich 1967 bis 1969 als Assistenzarzt im Veterans Administration Hospital in Miami arbeitete, traf ich dort einen Patienten, der mir, als er erfuhr, dass ich Schweizer war, alle Städte entlang des Rheins von Basel bis Konstanz aufzählte. Ich war baff.

Des Rätsels Lösung: Er hatte als Pilot einer „Fliegenden Festung“ über fünfzig Einsätze nach Süddeutschland geflogen und kannte – dreissig Jahre nach Kriegsende – den Verlauf des Rheins und damit die Grenze zur Schweiz immer noch auswendig (dabei war er nie in der Schweiz gewesen!) Auf anderen Einsätzen - nach Italien - war er damals oft, auf sechstausend Metern Höhe über dem Wiggertal, geflogen, ohne eine Ahnung zu haben, dass weit unten Peterli Grendelmeier im Bett lag und Angst hatte.

Vor 70 Jahren endete der 2. Weltkrieg in Europa. Der heute 89-jährige Renato Noser war damals in der Rekrutenschule in Dübendorf. Er erzählt, wie er den geschichtsträchtigen Tag erlebt hat.

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