Nicht jede Person, die einen Krieg erlebt hat oder geflüchtet ist, braucht eine Therapie. Studien zeigen aber, dass solche Menschen überdurchschnittlich häufig unter Traumafolgestörungen oder Depressionen leiden. In ihrer Heimat oder auf der Flucht haben sie Schlimmes erlebt. Hatten Todesangst, sahen Menschen neben sich sterben.

Es sind Erlebnisse, die jeden stark belasten würden. Albträume, Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme, Hoffnungslosigkeit, Flashbacks: Das sind Symptome, unter denen Betroffene leiden. Sie erschweren oder verunmöglichen es ihnen, alltägliche Aufgaben zu meistern. Eine Therapie würde helfen, das Erlebte zu verarbeiten. Doch in der Schweiz fehlen 500 Therapieplätze für traumatisierte Personen aus dem Asylbereich. Das zeigte eine Studie im Auftrag des Bundes bereits im Jahr 2013. Mittlerweile dürften noch mehr Plätze fehlen.

Keine Anlaufstelle im Aargau

Im Aargau gibt es – anders als im Kanton Zürich oder Bern – keine spezialisierte Abteilung für Kriegs- und Folteropfer. Es gibt auch keine Stelle, wo Flüchtlinge abgeklärt und eine Therapie angeordnet werden könnten. Traumatisierte Flüchtlinge landen oft erst in der Psychiatrie, wenn es nicht mehr anders geht oder sie zum Beispiel einen Suizidversuch hinter sich haben.

Das soll sich ändern. Die Psychiatrischen Dienste Aargau (PDAG) führen im Moment Gespräche mit dem Kanton und verschiedenen Organisationen wie dem Roten Kreuz, Heks oder Caritas. «Es wäre wichtig, dass man spezialisierte Angebote schafft und sich Therapeuten schwerpunktmässig um Kriegs- und Folteropfer kümmern», sagt Wolfram Kawohl, Chefarzt und Leiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der PDAG. Um einen Zeitplan zu kommunizieren, sei es noch zu früh.

«Es ist aber in unserem Interesse, so schnell wie möglich eine Lösung zu finden», sagt Kawohl. Dies vorerst für Erwachsene, weil sie die grössere Patientengruppe seien. «Strukturen für Kinder und Jugendliche wären dann in einem zweiten Schritt vorgesehen.»

Kanton wünscht sich Triage-Stelle

Das Departement Gesundheit und Soziales (DGS) begrüsst professionelle Strukturen grundsätzlich. Der Bedarf an psychologischen und psychiatrischen Angeboten sei im Kanton Aargau hoch, sagt DGS-Sprecherin Karin Müller. «Adäquate therapeutische Angebote sind rar, die ausserkantonalen Ambulatorien für Kriegs- und Folteropfer weisen eine mehrmonatige Wartefrist auf.»

Eine niederschwellige Beratungsstelle, die eine erste Diagnose oder Triage anbieten könnte, wäre deshalb aus Sicht des Gesundheitsdepartements «wünschenswert». Traumafolgestörungen mit spezifischen Programmen zu behandeln, helfe den Betroffenen. «Und es macht auch volkswirtschaftlich mehr Sinn», sagt Müller. Überlasse man die Menschen sich selbst und ihren Traumata, führe dies unter Umständen dazu, dass sie mit verschiedensten psychischen und körperlichen Beschwerden zu verschiedenen Ärzten gehen. «Am Ende sind die Kosten höher, als wenn sie in einem spezialisierten Programm behandelt werden.»

Sara Michalik, Leiterin des Verbands Aargauer Psychologinnen und Psychologen, freut sich, dass im Aargau endlich etwas geht. «Professionelle Strukturen sind notwendig», sagt sie. Michalik hat 2016 das Netzwerk Psy4Asyl gegründet. Seither therapieren Psychologen ehrenamtlich vor allem minderjährige Flüchtlinge. So können Engpässe überbrückt werden, aber es ist keine längerfristige Lösung. Zumal auch Psy4Asyl aufgrund der grossen Nachfrage nicht immer einen Behandlungsplatz vermitteln könne. Es brauche zwingend eine Triage-Stelle, um zu beurteilen, wer was brauche, sagt Michalik. «Im Moment funktioniert das nicht.»

Hilfe erhalte, wer ein aufmerksames Umfeld habe. Wer nicht auffalle, gehe vergessen. Wer über Schmerzen klage, werde abgeklärt, oft mehrfach. «Dabei geht vergessen, dass Schmerzen auch eine Reaktion auf ein Trauma sein können», sagt die Psychologin und kritisiert die unnötigen Kosten, die so entstehen.

«Natürlich, Therapien kosten auch, aber sie verhindern hohe Folgekosten», sagt sie. Nicht nur im Gesundheitswesen. «Eine Traumafolgestörung kann sich negativ auf den Integrationsprozess und die wirtschaftliche Unabhängigkeit auswirken.» Schlimmstenfalls könne ein Trauma zu Fremdgefährdung führen. «Das wiederum verursacht Kosten im Justizbereich, wenn es zu strafbaren Handlungen kommt», sagt Michalik.

Sprache ist das Mittel zum Erfolg

Professionelle Strukturen ermöglichen, dass behandelt wird, wer behandelt werden muss, und verhindern unnötige und teure medizinische Abklärungen. Doch ein zentrales Problem lösen sie nicht. Damit eine Therapie möglich ist, müssen sich Patient und Psychologe verstehen. Es braucht Dolmetscher. Die Kosten übernehmen aber weder die Krankenkassen noch der Bund oder die Kantone.

Die Psychiatrien und Spitäler müssen die Dolmetscher aus der eigenen Tasche bezahlen, mit absurden Folgen: «Ein Dolmetscher kostet pro Stunde etwa so viel wie ein Therapeut – oder sogar mehr», sagt Kawohl. «Gleichzeitig haben alle Menschen Anspruch auf eine entsprechende Versorgung, egal, welche Sprache sie sprechen. Und da haben wir ein Problem, weil wir am Ende des Tages mehr Geld ausgeben, als wir einnehmen.»

Angehörige als Dolmetscher einzusetzen, sei weder möglich noch professionell, sagt Kawohl. «Erstens will niemand, dass ein Angehöriger bei einem Therapiegespräch dabei ist, und zweitens machen wir die Erfahrung, dass Laiendolmetscher oft nicht das übersetzen, was gesagt wird, sondern ihren eigenen Standpunkt einbringen.» In der Psychiatrie sei es aber essenziell, dass genau übersetzt werde.

Rotes Kreuz ist kein Lückenbüsser

Die Dolmetscherkosten sind ein seit Jahren bekanntes Problem. Das Bundesgericht hat entschieden, dass Krankenkassen nicht zur Kostenübernahme verpflichtet sind, weil Übersetzungen keine medizinische Leistung sind.

Auch die Kantone sind zurückhaltend, obwohl die Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektoren ihnen 2010 empfahl, Dolmetscherdienste in die Leistungsvereinbarungen aufzunehmen. Immerhin: Das Bundesamt für Gesundheit prüft zurzeit, ob und wie die Finanzierung von Dolmetschern im Gesundheitsbereich einheitlich geregelt werden könnte. Seit Januar übernimmt das Staatssekretariat für Migration die Dolmetscherkosten für Pflegefachpersonen und Ärzte in Bundeszentren.

Das Aargauer Gesundheitsdepartement lässt die Frage, ob der Kanton bei den Dolmetscherkosten Möglichkeiten sehe, die PDAG finanziell zu unterstützen, offen. Das Netzwerk Psy4Asyl erhält vom Kanton seit 2016 einen Beitrag von 130 bis 160 Franken pro Stunde an die Dolmetscherkosten für die Therapien von unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden.

Das Aargauer Rote Kreuz begrüsst es sehr, dass professionelle Strukturen entstehen sollen. Es sei aber nicht seine Aufgabe, kantonale Institutionen über Spendengelder zu subventionieren. «Wir müssen schauen, dass wir nicht zum Lückenbüsser werden», sagt Geschäftsführerin Regula Kiechle. Es könne aber zum Beispiel sein, dass das SRK Kanton Aargau Freiwillige vermittle, die Menschen mit Kriegstraumata in ihrem Alltag neben der Therapie unterstützen.