Aargau

Kraftwerke verdienen Geld, wenn sie Wasser vorbeifliessen lassen

Unterbrochene Produktion kann sich auszahlen: Kraftwerk Laufenburg. (Archivbild)

Unterbrochene Produktion kann sich auszahlen: Kraftwerk Laufenburg. (Archivbild)

Wasserkraftwerke können seit kurzem daran verdienen, dass sie Wasser ungenutzt vorbeifliessen lassen. So verdienen die Betreiber mit den Produktionsstopss Geld.

Der Ausstieg aus der Atomenergie ist beschlossen. Die erneuerbaren Energien sollen einen Teil der wegfallenden Strommengen ersetzen. Im Wasserkanton Aargau soll auch die Wasserkraft einen Beitrag dazu leisten. 26 Flusskraftwerke produzieren Strom. Doch längst nicht alles Potenzial wird ausgeschöpft. Bei hohem Pegelstand der Flüsse – wie dies aktuell der Fall ist – fliesst ein Teil des Wassers ungenutzt vorbei.

Aber auch aus wirtschaftlichen Gründen verzichten Betreiber zeitweise auf die volle Leistung. Denn der Verkauf von Strom kann zum Verlustgeschäft verkommen. Wird der europäische Markt – insbesondere an Feier- oder Sonntagen – mit Strom aus Wind- und Sonnenergie überschwemmt, ist es schwierig, einen Abnehmer zu finden. Die Netze können nur so viel Strom aufnehmen, wie verbraucht wird. Die Folge sind Negativpreise. Das heisst: Die Produzenten bezahlen dafür, um den Strom loswerden zu können.

Als bislang einziges Unternehmen im Aargau hat die Energiedienst Holding AG, welche die beiden Kraftwerke in Laufenburg und Rheinfelden betreibt, die Möglichkeit eines vorübergehenden Produktionsstopps – aus rein wirtschaftlichen Gründen. Das war im Aargau bis vor kurzem unvorstellbar. Die Konzessionen, die der Kanton den Betreibern erteilt, verlangen die volle Nutzung des Flusses. Seit Dezember profitiert die Energiedienst Holding nun von einer angepassten Konzession, die vorerst auf drei Jahre beschränkt ist. Sie dürfen die beiden Kraftwerke in Rheinfelden und Laufenburg auf maximal 50 Prozent der Leistung und drei Prozent der Jahresproduktion runterfahren. Das ermöglicht den Betreibern nicht nur finanzielle Verluste zu verhindern, indem sie die Produktion vorübergehend einschränkt, sie kann mit den Unterbrüchen gar Geld verdienen. Die sogenannte negative Regelenergie wird auf dem Strommarkt gehandelt. Wer auf den entsprechenden Auktionen den Zuschlag erhält, wird für den Produktionsstopp entschädigt.

Welche Beträge dadurch in die Kasse der Energiedienst Holding geflossen sind, gibt das Unternehmen nicht preis. Sprecher Alexander Lennemann verrät nur so viel: «Wir erhalten einen ebenbürtigen finanziellen Ersatz, sonst würden wir es nicht machen.» Zum Handel mit der negativen Regelenergie sei es bislang erst wenige Male zu kurzen Zeiten über Weihnachten gekommen. «Unser Ziel ist es, möglichst viel Strom zu erzeugen.»

Und auch bei Netzbetreiber Swissgrid heisst es, die Stromerzeugung werde nur in Ausnahmefällen eingeschränkt. «Natürlich probiert man, möglichst alle Wasserkraft zu nutzen», sagt Sprecher Andreas Schwander. In weniger als einem Prozent der Zeit bestehe überhaupt ein Anreiz aufgrund von negativen Preisen. Die Auktionen vergleicht er mit dem Online-Händler Ricardo: Wer das beste Angebot macht, gewinnt. Die Konkurrenz ist gross, der Zuschlag selten. «Als Betreiber kommt man nicht oft zum Zug, aber wenn doch, verdient man gut», sagt Schwander.

Ganz glücklich ist man beim Kanton über die neue Regelung nicht; sie läuft dem Ziel entgegen, die Flüsse möglichst effizient zu nutzen. Doch die zeitweise negativen Strompreise haben die Ausgangslage verändert. Patrick Rötheli, Leiter Gewässernutzung im Departement Bau, Verkehr und Umwelt, spricht von «Verzerrungen» auf dem europäischen Markt. Der Grund: Sonnen- und Windenergie werden stark subventioniert und primär ins Netz eingespeist – die Wasserkraft hat das Nachsehen. «Die Kraftwerkbetreiber haben nach einer Möglichkeit gesucht, das Wasser ungenutzt ableiten zu können.» Ob das Pilotprojekt in Rheinfelden und Laufenburg auf die anderen Aargauer Kraftwerke ausgeweitet wird, ist offen. «Um die Gleichbehandlung sicherzustellen, müssten wir entsprechende Gesuche wohl ebenfalls bewilligen», sagt Rötheli. Bis jetzt lägen allerdings noch keine vor.

Bei der IB Aarau, Betreiberin des Aarauer Wasserkraftwerks, bestehen keine Pläne dieser Art. Das Ziel sei, möglichst viel erneuerbaren Strom zu produzieren, sagt Hans-Kaspar Scherrer, Vorsitzender der Geschäftsleitung.

Und die Axpo, die im Aargau mehrere Wasserkraftwerke betreibt, teilt mit: Bis heute habe man noch nie wegen eines Energieüberangebots Wasser ungenutzt an Turbinen vorbeigelassen. Weil die Tendenz der negativen Preise steigend sei, prüfe die Axpo die Möglichkeiten, kurzfristig die Produktion zu reduzieren.

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