Bundesgericht
Kopfstoss à la Zidane – nach diesem Urteil kommt der Aargauer ohne Strafe davon

Das Aargauer Obergericht hat einen Mann, der seinem Widersacher einen Kopfstoss versetzt hat, zu Unrecht wegen versuchter schwerer Körperverletzung verurteilt.

Urs-Peter Inderbitzin
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Laut Bundesgericht ist es falsch, zu behaupten, ein Kopfstoss mit massiver Kraft habe regelmässig schwere und bleibende Schäden oder eine lebensgefährliche Verletzung zur Folge. (Archivbild)

Laut Bundesgericht ist es falsch, zu behaupten, ein Kopfstoss mit massiver Kraft habe regelmässig schwere und bleibende Schäden oder eine lebensgefährliche Verletzung zur Folge. (Archivbild)

Ob Zinedine Zidane, ehemaliger Fussballstar und heutige Trainer von Real Madrid, sein Vorbild war, ist nicht bekannt. Tatsache ist, dass ein Mann vor fünf Jahren seinem Widersacher – in der Meinung, dieser habe ihm den Mittelfinger gezeigt – einen Kopfstoss versetzt hatte.

Das Opfer zog sich dabei einen Nasen- und Augenhöhlenbruch zu, die ambulant behandelt werden mussten. Während drei Tagen war das Kopfstoss-Opfer arbeitsunfähig.

Ein Jahr und 1000 Franken Busse

Das Obergericht des Kantons Aargau verurteilte den Täter im letzten Dezember wegen versuchter schwerer Körperverletzung zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 1 Jahr sowie zu einer Busse von 1000 Franken.

Das Obergericht ging – wie zuvor schon das Bezirksgericht Zofingen – davon aus, dass der Schlag/Stoss gegen den Kopf des Opfers von erheblicher Intensität gewesen war. Es folgte dabei auch der Einschätzung des Bezirksgerichts, dass Kopfstösse neben Knochenbrüchen regelmässig zu dauerhaften Augenschäden, Schädel-Hirn-Traumata oder Hirnblutungen mit bleibenden Hirnschäden führen. Damit seien die Voraussetzungen für die Verurteilung wegen versuchter schwerer Körperverletzung gegeben.

Falsche Einschätzung

Dieser Auffassung konnte das Bundesgericht nicht zustimmen. Zwar könne als bekannt vorausgesetzt werden, dass der Kopf gegenüber Schlägen, Stössen und Tritten besonders sensibel ist und Kopfstösse zu Verletzungen wie Riss-Quetsch-Wunden, Nasenbluten und Nasenbeinbrüchen führen können.

Laut Bundesgericht ist es jedoch falsch, zu behaupten, ein Kopfstoss mit massiver Kraft habe regelmässig schwere und bleibende Schäden oder eine lebensgefährliche Verletzung zur Folge. Wenn man sieht, wie viele Fussballer bei Flankenbällen hart mit den Köpfen zusammenknallen und nach kurzer Behandlungszeit meist wieder mitkicken, dürfte die Auffassung des Bundesgerichts nicht falsch sein.

Kein Eventualvorsatz

Im konkreten Fall kann dem Täter nach Meinung der Bundesrichter auch nicht vorgeworfen werden, er habe eine lebensgefährliche Verletzung oder eine andere schwere Schädigung des Opfers für möglich gehalten und billigend in Kauf genommen.

Sie haben deshalb die Verurteilung wegen versuchter schwerer Körperverletzung aufgehoben. Da das Opfer den Strafantrag zurückgezogen hatte, kommt auch eine Verurteilung wegen einfacher Körperverletzung nicht in Betracht.

Das Bundesgericht hat nun entschieden, dass das Verfahren einzustellen ist, der Kopfstösser also straffrei davonkommt. Der Kanton Aargau muss dem Täter für das höchstrichterliche Verfahren eine Entschädigung von 3000 Franken überweisen.