Der Beinahe-Vollmond leuchtet noch weiss in der Dämmerung, als Ruedi Siegrist gestern um 6 Uhr in Lenzburg in seinen Riley 2 Seater Sport steigt. Beine voran, halb aufs Heck sitzen, in den Ledersitz rutschen, Steuerrad montieren. Ein Kontrollblick auf die Instrumente, einige Schalter kippen, Zündung. Unter der blauen Karosserie heult etwas auf: 6-Zylinder-Viertakt-Reihenmotor, wassergekühlt, 1726 Kubikzentimeter Hubraum, 95 PS. «Jetzt zittere bi dä Nochbuure d Gläser, die wärde Freud ha», witzelt Ruedi unter dem Helm.

Die schönsten Bilder vom 8. GP Mutschellen: 

Er legt den Gang ein. Eine halbe Stunde kühle Sonntagsluft später rollen wir in Rudolfstetten ein. «Guete Morgä!», begrüsst uns der Kontrollposten vor dem Fahrerlager, «wa händ er füre Nummere?» – «313.» – «Grad do links ine!» Ruedi parkiert im Rennfeld 3, «Rennwagen Vorkrieg».

Vor dem Anhänger des Automobil-Clubs Schweiz, Sektion Mitte, stehen die ersten Piloten bereits in der Reihe: Anmelden, Startnummer abholen, unterschriebenen Haftungssausschluss abgeben: «Jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer ist selbst für genügenden Versicherungsschutz für sich selbst (Personenschäden bei Unfällen) und für sein Fahrzeug (Sachschäden bei Unfällen) verantwortlich.»

Wer hier ansteht, kennt sich, nennt sich beim Vor- oder Übernamen. Gelächter, Geschäker, Gwunder: «Häsch dä Kompressor etz no änebrocht?» – «Du, wie gohts dim Abarthli?» Fahrausweis vorzeigen, Unterlagen entgegennehmen, auf die technische Fahrzeugabnahme warten. «Eifach d Winterpneu no drab näh», scherzt der Experte, als er nach einem Rundgang um Ruedis Riley das OK gibt, heute starten zu dürfen. Eine Welt, in der sogar die Kontrolleure gut aufgelegt sind, muss eine gute sein.

Microcars und GP-Oldtimer erobern Mutschellen

Microcars und GP-Oldtimer erobern Mutschellen

Nicht nur die Rennwagen des GP Mutschellen lassen die Herzen der Oldtimer-Fans höher schlagen. Im Freiamt treffen sich auch legendäre Kleinwagen.

«Häbe mer zäme»

7 Uhr. Noch ist das Vogelgezwitscher das Lauteste, das Kassenzelt noch unbesetzt. Die Fahrer tauschen ihre feuerfesten Handschuhe gegen Kaffeebecher. «Roland, hoi! Met wa besch do? Met em Formeli?» – «Jojo.» – Ou, guet hani e chli Vorsprung.» – «Defür hesch du e Doppelbereifig!» Ein Schwatz später ruft Rennleiter Sepp Ludin alle Piloten zu sich. Fahrerbriefing.

«Es freut mi riesig, das ehr do send. Und es freut mi riesig, dass s Wätter au do esch.» Die vorletzte Austragung 2014 war durchzogen, die letzte 2016 verregnet. Die Freude über die Sonne, die langsam über den Mutschellen steigt, strahlt aus allen Gesichtern. «Es werd warm hüt, nähmed gnueg Flüssigkeit zu eu», sagt Sepp. Und kommt ohne Umweg auf das Wesentliche: «Gas gäh erscht ab dä Startlinie. Üsi Bsuecher chönd eue Sport nur gnüsse, wenns z Obed auf wieder hei chömed.»

Sepp weiss, welche Sprache hier verstanden wird. Er sagt, man sei eine verschworene Gemeinschaft, und es gebe Strömungen, die nicht mehr wollten, was man hier mache. «Drum: Häbe mer zäme und sind aständig. Alli. Ich wünsch eu en affegeile Tag. Ihr sind d Könige do, nöd mir, aber nur so lang ehr eu au wie Könige benähmed.» Applaus.

Der erste Lauf, sagt Ruedi, sei ein Herantasten. Fahrer und Auto müssen zuerst warm werden. «Luege, wies tuet.» Der GP Mutschellen ist traditionellerweise die erste Veranstaltung der Rennsaison. Auch wenn er eigentlich gar kein Rennen ist. Eine Zeitmessung gibt es hier nicht. Und die Strecke ist eigentlich zu kurz, um sich wirklich mit anderen messen zu können. Deshalb wird einzeln gestartet, Überholen verboten. Was zählt, ist die Show.

8.20. Nach den Motorrädern, den Motorrad-Gespannen und den Renntourenwagen ist das Rennfeld 3 an der Reihe. Wagen für Wagen reiht sich ein. Der Helm sitzt gut auf dem Kopf, Ruedi half, richtig anzuziehen. Das Rennkombi ist weich und warm. Die Sonnenbrille gegen Insekten, Blütenstaub.

«Alles klar?», fragt Ruedi. Es ist ein rhetorische Frage. Sekunden bis zum Start. Wir rollen auf den Funktionär mit gelber Warnweste und Funkkopfhörer zu. Er winkt ab: «Biifahrer verbote!» Wir erklären ihm, dass die exklusive Ausnahme bewilligt sei, abgesprochen mit dem OK-Präsidenten, der Rennleitung, dem Sicherheitschef. Er funkt. Warten. Nervös werden, sich selber beruhigen.

«OK!», hebt der Funktionär den Daumen, «isch guet!» Ruedi gibt Gas, aber nicht zu viel in der Anlaufzone, das Dorft endet, der Startbogen taucht auf, der Postenchef winkt mit einer Schweizer Fahne: Go! Wir werden in den Sitz gedrückt. Der Fahrtwind hebt den Helm an. Keine Zeit zum Atmen, die Aussicht zu geniessen, die Zuschauer zu beachten. Im Sitz halten, die Hände suchen in der Kurve das Chassis.

Platz zum Hinausrutschen hat es keinen, so anfühlen tut es sich trotzdem. Schikane aus Plastikpylonen, Tempo rausnehmen vor den engen Kurven. Und dann schon Friedlisberg. Anhalten, Durchatmen. Ruedi fuhr nur 100 km/h. Der Körper hat mindestens 150 gemeldet. Auch ein kontrollierter Geschwindigkeitsrausch ist für den Novizen ein Rausch.

«Ohni Ussetzerli»

10.30. Ökumenischer Gottesdienst im Fahrerlager. Während wir Bratwurst und Cola bestellen, sagt Pastoralassistent Michael Jablonowski unter einem gelben Pavillon ins Mikrofon: «Liebe Motorsportfreunde, ich begrüsse euch. Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.» Unten im Wagenpark erklärt ein Vater seinem Sohn einen Ford-Motor.

Auf den Festbänken sitzen Kinder mit pinkfarbenen Gehörschützen, Biker mit langen grauen Haaren, Senioren mit Campingstühlen im Rollatorkörbchen. Der reformierte Pfarrer Christian Scharpf sagt: «Für die Schönheit und die Liebe lohnt es sich immer, zu warten.» Der Pfarrer bittet darum, anständig zu fahren. Er verheirate lieber junge Leute, als dass er sie beerdige. Die Kollekte gehe an Roadcross.

Im 2. Lauf kommt nicht nur Ruedis Riley besser in Fahrt, auf der Tribüne beim Startbogen sitzt Speaker Elio Crestani und redet sich warm. «Do die wunderschöni Moto Guzzi Dondolino, das heisst übrigens Schaukelstuehl. Gfahre vom Stefan und em Martin Granwehr. Die isch au gfahre worde vom unvergessliche Luigi Taveri, bim grosse Priis vo de Schwiiz in Bern im Johr 1954.»

Elio hat kaum Spickzettel vor sich – er ist ein Motorsportlexikon auf zwei Beinen. In der Mittagspause wird er sagen, er schreibe sich schon ein paar Sachen auf. «Aber eigetli chönt is au sii loh.» Seit 20 Jahren kommentiert der hauptberufliche Chauffeur Rennsportveranstaltungen live.

Sein Liebling heute? «Ich kommentiere alles gern», lächelt er unparteiisch. Und hängt an: «Schön isch, dass die Regionalgruppe mitfahrt. Nöd immer nume die gliiche Formel-Auto. Die Lüüt us dä Gägend chönd do au ihri Schätzlis zeige. Das sind Gschichte!»

Doch der unbestrittene Star des Tages ist ein Formel-Auto: Der Sauber C2 von Ernst «Ernesto» Sigg aus Widen. «Keis Ussetzerli», freut sich der 76-jährige Pilot, der das legendäre Schweizer Auto mit viel Arbeit in der eigenen Werkstatt in Bremgarten in den Ursprungszustand zurückversetzt hat.

Er tat das so gewissenhaft, dass während der Restauration Sauber-Leute anriefen – und zwei aufgetauchte fabrikneue Originaltüren vorbeibrachten. Geld wollten sie keines. Ernesto schickte einen herzlichen Brief nach Hinwil.

Siegrist absolviert die Läufe 3 und 4 «ohni Ussetzerli». Nur ein Pilot setzt seinen Wagen in eine Betonleitplanke. «So langs bim Blechschade bliibt, isch das keis Problem», sagt OK-Präsident Stefan Baur. Abgehoben ist am 8. GP Mutschellen keiner. Dafür halten die Könige im Kombi zu gut zusammen.