Windisch

Klinik für Kinder und Jugendliche: «Am Anfang dachte ich: Wo bin ich denn hier gelandet?»

Vor drei Monaten eröffneten die Psychiatrischen Dienste Aargau AG ihren neusten Bau. Wie Kinder behandelt werden, wurde von Grund auf neu konzipiert. Die Reportage.

Wer im ersten Stock von Haus KKJ die Glastür öffnet, wird von Filterkaffee begrüsst. Wenn der Duft in einem Raum für den ersten Eindruck sorgt, ist Kaffee doch gar kein so schlechter Start. Auch wenn man sich, beim zweiten Eindruck, wundert, wer hier so viel Koffein verträgt: KKJ steht für «Klinik für Kinder und Jugendliche». Sie ist der neuste Bau der Psychiatrischen Dienste Aargau AG (PDAG), auf deren grossen Campus in Windisch. Und: Sie ist eine kleine Revolution.

Zwei Gläser zum Mittagessen

Michael (alle Kindernamen geändert) verteilt Tischsets, laminierte Kinderzeichnungen, und stellt Gläser und Teller darauf. Das Menü an diesem Donnerstagmittag: Poulet-Cordon-Bleu, Bratkartoffeln, Gurkensalat mit Sauerrahm. An einer Tafel hängen mit Magneten befestigt Sitzplan, Ämtliplan, Tischregeln. Was gilt, haben die Kinder gemeinsam definiert, und Nina, sie mit der schönsten Schrift, notierte mit Filzstift: «Nach dem Schöpfen ruhig machen. / Wenn einer spricht hören die anderen zu. / Jeder trinkt 2 Gläser zum Mittagessen, 1 Glas zum Zvieri.»

Reportage aus der Tagesklinik für Kinder und Jugendliche der Psychiatrischen Dienste Aargau PDAG in Windisch.

Tagesklinik Kinder und Jugendliche PDAG

Reportage aus der Tagesklinik für Kinder und Jugendliche der Psychiatrischen Dienste Aargau PDAG in Windisch.

Heute sind Michael, Nina und ihre sechs Gspänli in der Tagesklinik aufgeregt. Besuch von der Zeitung gibts nicht jeden Tag. Betreuerin Anja Schimak sagt: «Ich find’ das super, dass ihr alle so mega schnell am Tisch wart. Aber ich wär’ froh, wenn ihr noch die Hände waschen geht.» Niemand widerspricht. Alle wissen, dass auch das mit Filzstift festgehalten wurde.

Momentan ist die Jüngste 7-jährig, der Älteste 14. Die Tagesklinik ist eine Zwischenlösung: Wenn es zu Hause oder in der Schule nicht mehr geht, ein stationärer Klinikaufenthalt aber nicht oder nicht mehr nötig ist. Wer hier am Tisch sitzt, tut das freiwillig, muss sich aber vorher angemeldet haben. Am Morgen das Handy abgeben, die Klinikschule besuchen, Therapiesitzungen absolvieren.

Auch die az darf nicht ohne Auflagen reinschauen. So exklusiv der Einblick ist, so eng ist auch die Begleitung von Chefarzt Stephan Kupferschmid (40). Es geht um Patienten, ihr Schutz ist das Wichtigste. Sie haben Essstörungen, Verhaltensprobleme, Ängste. Depressionen, Suizidgedanken, Selbstverletzungen. Psychische Erkrankungen bei Kindern sind häufiger, als man denkt. Nach aktuellen Studien sind 20 Prozent aller Kinder belastet, 10 Prozent konkret behandlungsbedürftig.

Temporäre Geschwister

Die Mithilfe am Mittagstisch ist Teil der Behandlung. In der Fachsprache heisst das: Milieutherapie. Kupferschmid: «In einer Psychiatrie waren die Patienten früher oft auf dem Zimmer, wurden für Therapien rausgeholt, das Essen wurde auf Tabletts serviert. Das möchten wir nicht. Wir möchten ein Milieu haben, das die Kinder fördert und fordert. Ihnen Ämtli zumutet, Regeln zumutet. Ein normales Milieu, in dem sich auch Kinder ohne psychische Probleme entwickeln könnten.»

Von einem chromstählernen Servierwagen werden Porzellanschüsseln mit farbigen Plastikdeckeln gehoben und im Kreis herumgereicht. Nina sagt: «Das sieht gut aus heute. In meinen Skiferien habe ich die ganze Zeit das Gleiche gegessen.» Ein Bub fragt: «Darf ich in der Zeitung Thomas heissen?» Er sagt, am Anfang habe er auch gedacht, «wo ich denn hier gelandet bin, aber dann habe ich gemerkt: es ist ja gar nicht so schlimm.» Nach zweieinhalb Monaten auf der Stationären konnte Thomas in die Tagesklinik wechseln. Er kommt jeden Tag mit dem Zug, und bald kann er wieder in seine alte Schule.

35 Jahre Erfahrung verbaut

Céline erzählt einen nicht druckreifen Witz. Alle lachen, inklusive Chefarzt. Dieser betont, man wolle «bewusst kein Familienersatz sein», aber es soll eine «entwicklungsfördernde Umgebung» sein. In der Theorie können ältere Patienten für jüngere temporäre Geschwister sein. Am Tisch bei den Kindern, die nichts von der Theorie wissen, tönt das so: Paolo fragt Thomas, ob er wisse, wer Cola Zero erfunden habe. Thomas: «Werum fröget ihr mich immer sönig Sache?» Paolo: «Will du gross bisch.» – «Aber ich bi kein Lehrer!» – «Doooch. Alli wo gross sind, sind Lehrer.»

Während die Kinder Siesta machen, bevor um 14 Uhr die Schule wieder beginnt, nimmt uns Kupferschmid mit auf einen Rundgang. Er sagt: «Es ist schon ein Traum, ein solch tolles neues Gebäude zu kriegen.» Genau genommen war es das Abschiedsgeschenk seines Vorgängers. Jürg Unger, nationale Koryphäe auf dem Gebiet der Kinder- und Jugendpsychiatrie, war bis im November 2016 Chefarzt und liess 35 Jahre Berufserfahrung in die Planung einfliessen. Hier wurde kein Haus gebaut, sondern eine Idee. Aus vier Standorten wurde einer. Neben der Tagesklinik mit 18 Plätzen gibt es eine zentrale Anmeldung, zwei Stationen für stationäre Aufenthalte mit 36 Betten, Schule, Turnhalle, Gruppentherapieräume, Aussenspielplatz. Investitionen von 17,5 Millionen Franken.

«Wechsel sind ganz schwierig.» Kinder, die ankommen, haben meistens bereits einen langen Leidensweg hinter sich. Eltern mussten die Geschichte x-mal erzählen.

Ümran Bektas, leitende Psychologin auf der Station 2.

 «Wechsel sind ganz schwierig.» Kinder, die ankommen, haben meistens bereits einen langen Leidensweg hinter sich. Eltern mussten die Geschichte x-mal erzählen.

Mehr Platz und Effizienz sind das eine. Für die wirkliche Revolution aber sorgen die Mitarbeitenden. Sie haben, als Erste in der Schweiz überhaupt, ein neues Konzept eingeführt: die kontinuierliche Fallführung. Ein Kind hat von Ein- bis Austritt die immer gleichen zwei Bezugspersonen (Therapie, Schule). Damit wurde ein Hindernis, das oft zu kritischen Situationen oder gar zum Abbruch einer Behandlung führte, beseitigt: Wechsel. Ümran Bektas, leitende Psychologin auf der Station 2, sagt: «Wechsel sind ganz schwierig.» Kinder, die ankommen, haben meistens bereits einen langen Leidensweg hinter sich. Eltern mussten die Geschichte x-mal erzählen.

"Es riecht ein bisschen wie zu Hause"

Auch in Windisch müssen sie das einmal, bei der Fallaufnahme. Danach nie mehr. Im Aufnahmegespräch wird geklärt, was Ziel der Behandlung sein soll. Im Extremfall wollen alle etwas anderes: Kind, Eltern, vorbehandelnder Therapeut, Schule. «Das ist dann nicht immer ganz einfach zusammenzubringen», sagt Bektas. Wichtig sei, realistische Ziele zu setzen.

«Da muss man manchmal bescheiden sein. Das kommunizieren wir den Eltern auch so. Sind Ziele unrealistisch, gibt es nur neue Versagensängste.» Alles wird digital erfasst, die Betreuenden in allen Abteilungen können etwa bei einem Übertritt von stationär zu ambulant die gleichen Infos abrufen. Ümran Bektas sagt es so: «Wir können mit den Kindern viel üben, ohne dass wir wieder bei Null beginnen müssen.»

Reportage aus der Tagesklinik für Kinder und Jugendliche der Psychiatrischen Dienste Aargau PDAG in Windisch. Im Bild: In der Tagesklinik wird am Mittag gemeinsam am Mittagstisch gegessen. Die Küche liefert das Essen, jedes Kind hat sein Ämtli (z.B. Abräumen, Tischen).

Tagesklinik Kinder und Jugendliche PDAG

Reportage aus der Tagesklinik für Kinder und Jugendliche der Psychiatrischen Dienste Aargau PDAG in Windisch. Im Bild: In der Tagesklinik wird am Mittag gemeinsam am Mittagstisch gegessen. Die Küche liefert das Essen, jedes Kind hat sein Ämtli (z.B. Abräumen, Tischen).

Die Siesta ist vorbei. In der Turnhalle spielt eine Klasse Brennball, dann werden Sprünge vom Schwedenkasten auf eine Matte geübt. Der Turnlehrer sagt: «Spiele sind meistens nicht so langlebig.» Er kennt alle Krankheitsbilder, kann sofort reagieren. Den Unterricht passt er laufend an das Befinden der Schüler an. In der Halle, mit viel Lärm und Bewegung, ist das Risiko von Konflikten besonders gross. Ruhig ist es dafür in der altersdurchmischten Lernwerkstatt. Paolo löst Multiplikationen.

Nur flüchtig blickt er auf, «es geht ganz gut», sagt er, konzentriert sich sofort wieder auf das Blatt. Wie er es gelernt hat. Als er zum ersten Mal hierher kam, war auch ihm der Kaffeegeruch hinter der Glastür im 1. Stock aufgefallen.

Er war etwas irritiert. Heute sagt er: «Es riecht ein bisschen wie zu Hause.»

Autor

Mario Fuchs

Mario Fuchs

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