Kolumne

Klima: Die Politik agiert zu langsam

Während die Grossräte eintreffen, protestieren Jugendliche vor dem Gebäude gegen die Klimaerwärmung. Aufgenommen am 07. Mai 2019 in Aarau.

Klimademonstration vor dem Grossratsgebäude: Während die Grossräte eintreffen, protestieren Jugendliche gegen die Klimaerwärmung.

Während die Grossräte eintreffen, protestieren Jugendliche vor dem Gebäude gegen die Klimaerwärmung. Aufgenommen am 07. Mai 2019 in Aarau.

Das «Magazin» der Tages-Anzeiger-Gruppe hat jüngst einen unideologischen, für jeden Menschen direkt anwendbaren Ratgeber zur Vermeidung umweltschädigenden Verhaltens publiziert. Autor war Mathias Plüss, gebürtiger Zofinger, ehemaliger Redaktor der «Aargauer Zeitung» und frischgebackener Träger eines aargauisch-solothurnischen Medienpreises. In den Folgeheften beantwortet Plüss nun Leserfragen. Eine davon: «Sie empfehlen in Ihrem Ratgeber ausschliesslich individuelle Massnahmen. Wäre es nicht viel effizienter, auf die Politik zu setzen?» Plüss betont in seiner Antwort, es brauche natürlich beides. Doch die Politik agiere viel zu langsam, «sonst stünden wir nach 30 Jahren Klimadebatte nicht da, wo wir heute stehen». Nämlich ziemlich am Anfang. Oder im Schilf. So steige der CO2-Ausstoss immer noch, anstatt endlich zu sinken.

Das führt uns direkt in die Grossratssitzung vom letzten Dienstag. Unter scharfer Beobachtung durch klimastreikende Jugendliche kreuzten die Fraktionen ihre weltanschaulich geschliffenen Klima-Klingen. Am selben Tag publizierte die «Aargauer Zeitung» einen ziemlich deprimierenden Befund: Die Schweiz hat am 7. Mai, also am 127. von 365 Tagen, ihren Jahreskredit an Natur-Ressourcen bereits aufgebraucht. «Ab jetzt leben wir auf Kosten anderer, vor allem künftiger Generationen.» Ich bin auch gegen Alarmismus. Und ich finde den Begriff «Klimanotstand» auch nicht originell (Notstand klingt nach Diktatur oder Naturkatastrophe). Aber ich frage mich schon: Was braucht es noch, damit wir die Alarmglocken, die schon lange durchdringend schrillen, endlich hören?

Im liberalen Gedankengebäude agiert die Politik subsidiär: Der Staat setzt auf die Eigenverantwortung der Menschen und greift nur dort ein, wo das Individuum Schutz braucht oder die Interessen der Gemeinschaft höher zu gewichten sind als jene der Individuen. Wo stehen wir aktuell im Umwelt- und Klimaschutz? Die Mehrheit der Individuen handelt zu wenig entschlossen. Entweder sie unterschätzt die Brisanz des Themas oder sie ist zu bequem. Also ein Fall für die Politik. Doch diese, statt eine Führungsrolle zu übernehmen, verheddert sich in ideologischem Geplänkel. So wie am Dienstag im Grossen Rat. Und wohl wieder bei der Beratung des kantonalen Energiegesetzes. Die Individuen schrecken zurück, wenn es wehtut. Die Parteien aber wollen den Menschen auch nicht wehtun. Denn im Herbst sind Wahlen. Dass Nichthandeln den kommenden Generationen wehtut, spüren wir heute nicht. Mathias Plüss hat leider recht: Die Politik agiert viel zu langsam.

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