Katholiken

Kirchenaustritte nehmen zu – Grund sind oft die Missbrauchsskandale

Die Reihen lichten sich: Über 4000 Menschen sind letztes Jahr aus der Römisch-Katholischen Kirche im Aargau ausgetreten. (Symbolbild)

Die Reihen lichten sich: Über 4000 Menschen sind letztes Jahr aus der Römisch-Katholischen Kirche im Aargau ausgetreten. (Symbolbild)

4093 Aargauer Katholiken haben 2018 die Kirche verlassen. Das sind 1000 mehr als 2017. Oftmals werden die Missbrauchsskandale als Grund für einen Austritt angegeben. Es gab aber auch deutlich mehr Neueintritte.

Die Statistik der Römisch-Katholischen Landeskirche Aargau zeigt kein positives Bild. Wie das Pfarrblatt «Horizonte» schreibt, sind letztes Jahr 33 Prozent mehr Menschen aus der Kirche ausgetreten, als noch im Jahr 2017. 4093 Aargauer Katholikinnen und Katholiken haben sich dazu entschieden, nicht mehr Teil der Kirche zu sein.

Luc Humbel, Kirchenratspräsident der Römisch-Katholischen Kirche im Aargau sagt, jeder dieser 4093 Austritte sei bedauerlich, «die Vielzahl der Austritte schmerzt entsprechend.» Die Gründe, weshalb sich so viele Kirchenmitglieder zu einem Austritt entschieden haben, seien vielfältig: «Die Säkularisierung und die schwindende Weitergabe des Glaubens sind das eine, die Negativschlagzeilen, für welche die Kirche verantwortlich ist, sind das andere», erklärt Humbel. Immer wieder geraten Vorwürfe über sexuellen Missbrauch innerhalb der katholischen Kirche in die Schlagzeilen. Erst vor wenigen Wochen wurde bekannt, dass ein australischer Kardinal wegen sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen schuldig gesprochen worden war. Unter anderem wegen Oralverkehr mit zwei dreizehnjährigen Chorknaben.

Austritte wegen Steuern

Tatsächlich seien die Skandale innerhalb der katholischen Kirche durchaus ein Grund für Austritte, wie «Horizonte» schreibt. Dies habe eine Umfrage bei den Pfarreisekretariaten gezeigt. Oftmals reichten Austretende einen Brief ein und machten die Missstände innerhalb der Kirche für den Austritt verantwortlich. Die grosse Mehrheit jedoch reiche Standardformulare aus dem Internet ohne jegliche Begründung ein. Dahinter werden Austritte aus Steuergründen vermutet. Dass die Kirche aufgrund der Missbrauchsskandale an Glaubwürdigkeit eingebüsst habe, sei schmerzhaft, sagt Humbel, «auch wenn diese Fehler von Personen begangen wurden, welche heute nicht in der Verantwortung der Kirche stehen, so ist es uns wichtig, dafür hinzustehen». Es sei zentral, nach den Ursachen zu forschen, welche diesem Versagen zugrunde liegen um die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen.

Wertschätzung für Mitglieder

Auch aus finanzieller Sicht stellen die zahlreichen Austritte für die Kirche ein Problem dar. Wie «Horizonte» schreibt, bleiben 86 Prozent der Kirchensteuern in der eigenen Kirchgemeinde. «Wie jede Institution können und wollen wir nicht mehr Mittel ausgeben, als wir einnehmen. Also geht mit jedem Austritt ein Stück Engagement für die Gesellschaft verloren», sagt Luc Humbel. Obwohl die Gesamtzahl der Mitglieder im Aargau relativ stabil sei und der Mitgliederrückgang unter einem Prozent liege, sei es vor allem wichtig, dass die Kirche glaubwürdig sei, sagt der Kirchenratspräsident: «Nur dies rechtfertigt eine Mitgliedschaft».

Die Römisch-Katholische Landeskirche des Kantons Aargau will etwas gegen die Austritte tun, und distanzierten Kirchenmitgliedern «mehr Wertschätzung» entgegenbringen. Dafür brauche es einen gewissen Sinneswandel, sagt Luc Humbel: «Wir sind den Mitgliedern gegenüber verstärkt verpflichtet, über die Verwendung ihrer Gelder Rechenschaft abzulegen. Das machen wir gerne, weil wir überzeugt sind, dass die Steuern gut investiert werden und schlussendlich der Gesamtgesellschaft zu Gute kommen.» So sei das Wirken der Kirche beispielsweise in Spitälern oder Gefängnissen, aber auch im Gemeindeleben von hohem Nutzen. Würden diese Leistungen vom Staat oder durch Dritte erbracht, würde es mehr kosten, erklärt Humbel. Zwar sei die Verwendung der Mittel bereits transparent, die Kirche müsse aber verstärkt über den Einsatz der Steuergelder berichten: «Tu Gutes und sprich darüber, ist nicht so katholisch. Da müssen wir dazulernen», so Humbel. Weiter werde die Kirche vor Ostern gezielt distanzierte Mitglieder anschreiben, um sie an den Ursprung des Festes zu erinnern.

Neueintritte nahmen zu

Immerhin sind im letzten Jahr 133 neue Gläubige der Römisch-Katholischen Kirche im Aargau beigetreten. Das sind 30 Prozent mehr als im Vorjahr. Dabei handle es sich nicht um neugetaufte Kinder oder Zuzüger, wie das Pfarrblatt schreibt, sondern um Erwachsene, die sich bewusst für die Kirche entschieden haben.

Ob auch die reformierte Kirche im Aargau aktuell mit Austritten kämpfen muss, zeigt sich im April, dann werden die aktuellen Mitgliederzahlen veröffentlicht.

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