Fall Anna
Kinderpsychologe: «Es ist schwierig, den Kindswunsch festzustellen»

Anna, ein 9-jähriges Mädchen, soll zu ihrer Mutter nach Mexiko zurückgeführt werden. Der Vater will, dass die Tochter in der Schweiz bleibt. Die Eltern streiten sich – wie geht es dabei der Tochter? Ein Kinderpsychologe erklärt, warum das Gericht

Mario Fuchs
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Markus Landolt, Leitender Psychologe Uni-Kinderspital Zürich, erklärt, wieso das Gericht das entführte Mädchen von seiner Familie trennt.

Markus Landolt, Leitender Psychologe Uni-Kinderspital Zürich, erklärt, wieso das Gericht das entführte Mädchen von seiner Familie trennt.

AZ

Zwischen Arbeit im Spital und einer Weiterbildung, die Markus Landolt leitet, nimmt sich der renommierte Psychologe eine Viertelstunde Zeit für ein Telefongespräch mit der «Schweiz am Sonntag». Landolt arbeitet in Zürich als leitender Psychologe am Universitäts-Kinderspital. Er kenne kaum Details im Fall von Anna, betont er: Es wäre daher unseriös, aus der Distanz zu urteilen. Was sich dann aber entwickelt, ist ein spannendes Gespräch über Druck, Schmerz und ungewollte Beeinflussung.

Herr Landolt, auf dem Kind lastet Druck von allen Seiten: vom Vater, von der Mutter, den Behörden. Kann ein 9-jähriges Mädchen damit umgehen?

Markus Landolt: Das Mädchen steht vor allem zwischen den zwei Eltern. Sie streiten sich um das Kind. Bei Anna kommt noch dazu, dass zwei Länder und zwei verschiedene Kulturen involviert sind. Das ist eine unglaubliche Belastung.

Warum?

In der Regel liebt ein Kind ja beide Eltern. Es kann nicht verstehen, dass die so heftig miteinander streiten und es von ihnen gegeneinander ausgespielt wird.

Anna befindet sich jetzt in der psychiatrischen Klinik. Wie lebt sie dort?

Ihr sollte auf jeden Fall ein kindsgerechtes Umfeld geboten werden. Sie sollte eine Tagesstruktur und Kontakt zu anderen Kindern haben. Das hilft.

Sie ist aber getrennt von Familie und Freunden. Macht das Sinn?

Es kann durchaus Sinn machen. Man nimmt das Kind aus der Konfliktzone, bringt es an einen neutralen Ort. Egal, ob es zuvor bei der Mutter oder beim Vater wohnte: Es ist auf einer Seite. Auch wenn Eltern ihr Kind nicht bewusst beeinflussen, tun sie es doch unbewusst.

Wie kann das passieren?

Das kann ein kurzer negativer Kommentar sein über den anderen Elternteil, seine Wohnung, sein Umfeld. Oder eine gemeinsame schöne Zeit, die ein Elternteil dem Kind in Erinnerung ruft. Das ist schnell passiert, oft ohne bösen Willen.

Wie wirkt sich das auf das Kind aus?

Es hat Schuldgefühle. Lebt ein Kind etwa beim Vater, liebt es aber seine Mutter genauso und vermisst sie sehr wahrscheinlich auch. Es kann dies aber dem Vater gegenüber nicht zeigen. Das ist eine unmögliche Situation für das Kind.

Und dann soll es helfen, wenn man das Kind kurz ganz aus der Familie nimmt?

Ja. Denn wenn es an einem neutralen Ort ist, fällt es ihm viel einfacher, Kontakt auf beide Seiten zu haben.

Sind solche Platzierungen häufig?

Das ist nichts Seltenes. Man macht das in Extremsituationen. Es ist aus zwei Gründen sinnvoll. Erstens: Man kann das Kind wenigstens teilweise vor dem Konflikt schützen. Zweitens: Man kann besser beurteilen, was es wünscht.

Sie meinen den Kindswunsch?

Genau. Es ist schwierig, den Kindswunsch festzustellen, wenn das Kind längere Zeit bei einem Elternteil lebt.

Wieso kann eine psychiatrische Klinik den Kindswunsch besser abklären als ein Gericht?

Das ist eine Zeitfrage. Komplexe Fragen können nicht in einer kurzen Befragung in einer halben Stunde oder Stunde geklärt werden. Zudem ist ein Kinderpsychologe geschult, wie man einem Kind Fragen stellen soll und wie nicht.

Zählt der Wunsch einer 9-Jährigen?

Ja. Im Prinzip können und sollen Kinder ab dem Alter von 6 Jahren richterlich angehört werden. Aber wenn sich Eltern um ihr Kind streiten, genügt eine richterliche Befragung oft nicht und es braucht zusätzlich kinderpsychologische Fachpersonen.

Zweimal wurde Anna entführt: Vom Vater und von der Grossmutter. Wie könnte es ihr dabei ergangen sein?

Das sind ja keine Entführungen im klassischen Sinn, sie erlebte ja keine Gewalt. Es ist zwar juristisch eine Entführung, aber nicht durch eine fremde Person, sondern durch eine Bezugsperson. Wenn das Kind nicht genau weiss, warum es unterwegs ist, kann es das im jungen Alter auch als Ausflug wahrnehmen, wenn ihm das so erzählt wird.

Anna wusste, dass die Grossmutter sie «in Sicherheit bringen» will, dass aber irgendwann die Polizei kommen würde.

Wenn sie wusste, dass sie auf der Flucht ist, ist das natürlich ein riesiger Stress. Mit 9 kann ein Kind nicht genau verstehen, was abläuft. Es hat Angst. Ich kann die Not der Grossmutter nachvollziehen, aber ob eine solche Flucht dem Kind gutgetan hat, ist fraglich.

Wie kann der Fall gut gelöst werden?

Es gibt wohl keine gute Lösung mehr. Die beste Lösung wäre, dass sich die Eltern auf den bestehenden Rechtsgrundlagen einigen. Alles andere hätte Nachteile für das Kind. Man könnte es nochmals mit einer Mediation versuchen. Was die Eltern in einer Mediation miteinander finden, ist in der Regel besser als das, was ein Gericht entscheidet.

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