Kinderbetreuung
Aargauer Kitas sparen dank Billigpraktikanten – ohne sie würden die Kosten explodieren

Tiefstlöhne von Praktikantinnen und Praktikanten finanzieren günstige Kitaplätze, auch im Aargau. Zwei FDP-Grossrätinnen wollen das mit verhindern. Die Gewerkschaften und der Kita-Verband unterstützen ihr Anliegen.

Ann-Kathrin Amstutz
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Über ein Jahr Praktikum und noch immer keine Lehrstelle: So ergeht es manchen Kita-Praktikanten und -Praktikantinnen im Aargau.

Über ein Jahr Praktikum und noch immer keine Lehrstelle: So ergeht es manchen Kita-Praktikanten und -Praktikantinnen im Aargau.

Severin Bigler

Hungerlöhne, ausgebranntes Personal, zu wenig Fachkompetenz: So berichteten die NZZ und der «Blick» über schlechte Arbeitsbedingungen in Kindertagesstätten. Auch im Aargau sind die Kitas ein heisses politisches Eisen: Derzeit sind im Grossen Rat gleich zwei Vorstösse hängig, die sich um die Kinderbetreuung drehen.

Zwei FDP-Frauen fordern eine verbindliche Regelung für Praktika

Der eine kommt von zwei FDP-Grossrätinnen. Karin Faes und Sabina Freiermuth forderten den Regierungsrat mit dem Postulat auf, verbindliche Regeln für Praktika in Aargauer Kitas zu prüfen. Den Beruf zuerst in einem Praktikum kennen zu lernen, könne sinnvoll sein, schreiben die Verfasserinnen. Aber: «Es macht weder Sinn noch ist es gerecht, wenn Schulabgängerinnen und Schulabgänger als günstige Arbeitskräfte missbraucht werden.»

Die gängige Praxis mit den Praktikumsstellen verhindere, dass mehr Lehrstellen geschaffen würden. Überall mangle es an ausgebildetem Fachpersonal. Darunter leide auch die Qualität der Betreuung, kritisieren sie.

Silvia Dell'Aquila, Regionalleiterin des VPOD Aargau/Solothurn.

Silvia Dell'Aquila, Regionalleiterin des VPOD Aargau/Solothurn.

zvg

Die Gewerkschaften unterstützen das Anliegen der beiden FDP-Frauen. Silvia Dell’Aquila, Regionalleiterin des VPOD Aargau/Solothurn, sagt: «Es müsste besser geregelt sein, wo Praktika nötig und sinnvoll sind und wie lange sie maximal dauern dürfen.» Dass ein Praktikum ohne Aussicht auf Lehrstelle angeboten oder gar mehrmals verlängert werde, gehe nicht. «Bei manchen Kitas scheint das der Fall zu sein», sagt sie. Wie viele missbräuchliche Fälle es im Aargau gibt, wisse sie aber nicht.

Ohne Praktika würden Kita-Kosten explodieren

Ein anderes Problem sind laut Dell’Aquila die fehlenden Ausbildungsplätze. Eigentlich braucht es für die Ausbildung zur Fachperson Betreuung Kind kein Vorpraktikum, aber: «Es hat sich einfach so eingebürgert, dass man das macht, um überhaupt einen Ausbildungsplatz zu bekommen», sagt Dell’Aquila. Von Kitas höre sie, dass die Kosten explodieren würden, wenn es keine Praktika gäbe. «Das ist alarmierend», so Dell’Aquila.

Auch Esther Warnett, Geschäftsführerin der Organisation der Arbeitswelt Gesundheit und Soziales im Aargau, wünscht sich klare Regeln zur Laufzeit von Praktika. Warnett hat Verständnis dafür, dass die Betriebe vor einer Lehranstellung prüfen wollen, ob jemand geeignet ist und die grosse Verantwortung tragen kann. Sie sagt aber auch:

«Spätestens nach sechs Monaten, wenn nicht bereits nach drei, muss klar sein, ob es passt oder nicht.»

Laut Warnett haben sich die Arbeitsbedingungen in Kitas in den letzten beiden Jahren «extrem verbessert». Die Betriebe würden die Zahl der Ausbildungsplätze kontinuierlich erhöhen. «Es gibt nur noch wenige schwarze Schafe, die mehr Praktika als Lehrstellen anbieten», erklärt Warnett.

Sie müssen billig, aber qualitativ gut sein: Ein Spagat für alle Kitas

Diese positive Entwicklung ändert nichts daran, dass die Kitas unter grossem Druck stehen: Sie müssen günstig sein, aber auch eine qualitativ gute Betreuung anbieten. «Das ist für alle Kitas ein Spagat», sagt Warnett. Und sie fügt an: «Es darf nicht sein, dass dieses Problem auf dem Rücken von Praktikantinnen ausgetragen wird.»

Für Warnett ist klar: Um den Spagat zu schaffen, braucht es mehr Gelder von der öffentlichen Hand. Genau dies fordern auch Grossrätinnen von SP, Grünen, GLP, Mitte und EVP in einem zweiten Vorstoss.

Regierungsrat lehnt beide Kita-Vorstösse ab

Doch beim Regierungsrat finden die Kita-Anliegen kein Gehör: Er lehnt den Vorstoss zur Praktika-Regelung ab. Hier sieht die Regierung keinen Handlungsbedarf. In einer Untersuchung im Jahr 2018 sei keine missbräuchliche Branchensituation festgestellt worden. Eine verbindliche Regelung könnte nur die Lohnhöhe festlegen, nicht aber die Praktikumsdauer oder die Verknüpfung mit einer Lehrstelle. Empfohlen werden aber ein Lohn von mindestens 700 Franken pro Monat und eine maximale Praktikumsdauer von 12 Monaten.

Nein sagt der Regierungsrat auch zur Motion für mehr öffentliche Gelder für Kitas. Sie ist aber bereit, das Anliegen als Postulat entgegenzunehmen und zu prüfen, ob die Kita-Finanzierung ausreicht oder ob es Lücken im Angebot gibt.

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