Schütteltrauma

Kinderarzt: «Die wenigsten Eltern wollen ihr Kind bewusst verletzen oder umbringen»

Markus Woppmann: «Hirngefässe platzen, was das Gehirn anschwellen lässt. In rund einem Viertel führt dies zum Tod.»

Markus Woppmann: «Hirngefässe platzen, was das Gehirn anschwellen lässt. In rund einem Viertel führt dies zum Tod.»

Ein Vater wurde verurteilt, weil er seine sechs Wochen alte Tochter geschüttelt hatte. Markus Wopmann, Leiter Fachgruppe Kinderschutz der schweizerischen Kinderkliniken, spricht über seine Erfahrungen mit Schütteltraumata.

Herr Wopmann, wie häufig müssen Kinder im Spital behandelt werden, weil sie grob geschüttelt worden sind?

Markus Wopmann: Das kommt selten vor. Gesamtschweizerisch werden pro Jahr weniger als zehn Säuglinge mit Verdacht auf Schütteltrauma in Kinderkliniken behandelt. Das heisst aber nicht, dass das Problem nicht besteht. Einerseits kommen jene Kinder, die an den Folgen sterben, nicht ins Spital, andererseits muss es nicht immer zu sichtbaren gesundheitlichen Schäden kommen.

Warum ist Schütteln bei Säuglingen so gefährlich?

Kinder unter einem Jahr können den Nacken nicht stabilisieren, weil die Muskulatur dazu noch zu schwach ist. Zudem ist der Kopf im Verhältnis zum übrigen Körper sehr schwer. Bei grobem Schütteln wird der Kopf deshalb ungebremst nach hinten und nach vorne geschleudert. Dadurch können Hirngefässe platzen, was das Gehirn anschwellen lässt. In rund einem Viertel führt dies zum Tod, in der Mehrheit der übrigen drei Viertel kommt es zu Hirnschäden wie epileptische Anfälle oder Bewegungsstörungen.

Schüttle nie ein Baby – dieses Präventionsvideo warnt vor dem Schütteltrauma.

Schüttle nie ein Baby – dieses Präventionsvideo warnt vor dem Schütteltrauma.

Was bringt Eltern dazu, ihr Baby dieser Gefahr auszusetzen?

Die wenigsten wollen ihr Kind auf diese Weise bewusst verletzen oder gar umbringen. Meist handelt es sich um tragische Ereignisse, die den Gipfel chronischer Überforderung und Übermüdung, verbunden mit fehlender Impulskontrolle, darstellen. Der Auslöser ist letztlich häufig, dass das Baby nicht aufhört zu schreien.

Sind Väter häufiger Täter als Mütter?

Ja, Männer sind öfter für ein Schütteltrauma verantwortlich als Frauen. In rund der Hälfte der Fälle geht die Gewalt von den biologischen Eltern aus, in der anderen Hälfte von Stiefvätern, Stiefmüttern oder Babysittern.

Eindrücklich: Markus Wopmann, Chefarzt der Kinderklinik am Kantonsspital Baden, schildert im «TalkTäglich» vom 22.1.2015 mit Worten und Bildern Fälle von Kindsmisshandlungen.

Eindrücklich: Markus Wopmann, Chefarzt der Kinderklinik am Kantonsspital Baden, schildert im «TalkTäglich» vom 22.1.2015 mit Worten und Bildern Fälle von Kindsmisshandlungen.

Wie reagieren Sie, wenn Sie ein Schütteltrauma feststellen?

Ein Arzt muss meines Erachtens in dieser Situation Strafanzeige einreichen. Einerseits ist die Anzeige wichtig, weil nur die Strafverfolgungsbehörde klären kann, wer dafür verantwortlich ist. Andererseits muss auch der Täter zur Rechenschaft gezogen werden, schliesslich handelt es sich dabei um schwere Körperverletzung.

Hören Sie dabei auch Ausflüchte der Eltern, die ihr Kind nach dem Vorfall ins Spital bringen?

Ich habe schon die unterschiedlichsten Geschichten gehört, mit denen die Verletzungen erklärt werden. Die einen erzählen, sie hätten das Baby wiederbeleben müssen, weil es blau geworden sei. Andere sagen, es sei ihnen aus der Hand gerutscht und sie hätten es unsanft auffangen müssen. Dabei ist erwiesen, dass nur grobes Schütteln zu einem Schütteltrauma führt.

Welchen Rat geben Sie Eltern, die mit dem schreienden Baby ständig überfordert sind?

Zuerst für einige Zeit den Raum verlassen, um sich zurückzuziehen und kurz zu erholen. Nützt das nichts und droht der Zusammenbruch, können Säuglinge ins Spital gebracht werden. Diese sogenannten Entlastungshospitalisationen werden bei uns im Kantonsspital immer wieder von Eltern in Anspruch genommen, die an ihre Grenzen kommen.

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