Klinik Königsfelden
Kinder im Scheidungskrieg: «Sie wollen immer, dass die Eltern zusammenbleiben»

Wenn zwei nicht mehr miteinander können, leidet oft der Nachwuchs. Ein Gespräch mit dem Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Kanton über die Wünsche der Kinder, Strichmännchen und Medikamente.

Mario Fuchs
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«Das Kind muss verstehen, worum es geht»: Jürg Unger steht im Gespräch auf, nimmt einen Filzstift und zeichnet auf ein Whiteboard drei Häuser, dazwischen ein Kind mit hängendem Kopf und einen roten Blitz zwischen den Häusern von Mutter und Vater.

«Das Kind muss verstehen, worum es geht»: Jürg Unger steht im Gespräch auf, nimmt einen Filzstift und zeichnet auf ein Whiteboard drei Häuser, dazwischen ein Kind mit hängendem Kopf und einen roten Blitz zwischen den Häusern von Mutter und Vater.

Mario Heller

Scheidungen sind für Jürg Unger Alltag. Der Chefarzt der Psychiatrischen Dienste Aargau AG (PDAG) leitet in Windisch – bislang bekannt als Klinik Königsfelden – den Bereich Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie. Ist eine Ehe am Ende, wird das Kind oft zum Spielball zwischen Mutter und Vater. Und irgendwann sitzt es in Ungers Büro. Im Auftrag von Familiengerichten erstellt er sogenannte Kinderzuteilungsgutachten. Bekanntes Beispiel ist der «Fall Anna», bei dem vor einem Jahr ein Mädchen nach Mexiko zu seiner Mutter zurückgeführt wurde. Für einmal nehmen keine Eltern und kein Kind am runden Besprechungstisch Platz, sondern Reporter und Fotograf der az.

Jürg Unger-Köppel

In den 1980er-Jahren liess sich Jürg Unger im Aargau, in Luzern, Zürich und London zum Kinder- und Jugendpsychiater ausbilden. Nach acht Jahren als Oberarzt am Kinderspital Zürich wurde er 1996 erstmals Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Windisch sowie Mitglied der PDAG-Geschäftsleitung. Ab 2007 betrieb er in Zürich eine eigene Praxis, bereits 2009 kehrte er aber wieder zurück in den Aargau in seine vorherige Funktion. Seit diesem Jahr ist der 61-Jährige Vorstandsmitglied der Schweizerischen Ärztegesellschaft FMH. Mit seiner Frau ist er seit 31 Jahren verheiratet. Das Paar hat vier erwachsene Kinder und wohnt in Zürich.

Herr Unger, was wollen die meisten Kinder?

Jürg Unger: Ein Kind will immer, dass die Eltern zusammenbleiben und sich einigermassen verstehen. Ich bin in all den Jahren noch nie einem Kind begegnet, das etwas anderes wollte.

Kann es für Sie schmerzvoll sein, ein Kind «zuteilen» zu müssen?

Natürlich. Das tut immer weh. Aber man darf nicht vergessen: Ein Zuteilungsgutachten ist das grässlichste Endstadium einer Scheidung. Die Problematik beginnt viel früher.

Wo?

Das Grundübel ist, dass es im Kanton Aargau kein Jugendhilfegesetz gibt. Deshalb schrumpfen die Jugend- und Familienberatungsstellen zunehmend. Das ist eine Katastrophe!

Wie könnten die Beratungsstellen konkret helfen?

Ihr Angebot ist niederschwellig, ihr Fachwissen gross. Wenn ein Ehepaar rechtzeitig seine Probleme erkennt und sich auf eine Beratung einlässt, könnte viel Leiden bei den Kindern verhindert oder allermindestens abgefedert werden.

Für ein Gutachten braucht es konkrete Ausgangsfragen. Wer formuliert diese?

Der Auftraggeber, also das für den Fall zuständige Familiengericht. Es gibt Richter, die gerne ganz genaue Fragen stellen, gleichermassen gibt es auch Gutachter, die ganz präzise Fragen haben wollen. Anderen ist das weniger wichtig. Die Grundfrage, die am Schluss beantwortet werden muss, ist immer die gleiche: Soll ein Kind künftig beim Vater, bei der Mutter oder an einem dritten Ort leben?

Wie werden die Kinder während des Gutachtens untergebracht?

Wir machen Gutachten fast nur ambulant. Zuerst führe ich ein Vorgespräch mit den Eltern und, wenn andere Personen wichtig sind, mit weiteren Verwandten oder Bekannten. Dann bitte ich Vater oder Mutter, nächstes Mal das Kind mitzubringen.

Wozu diese Vorgespräche?

Ich habe selber Kinder. Und würde die auch nicht einfach einem Mann bringen, von dem ich nicht weiss, wer er ist und warum er mit meinem Kind reden will. Es braucht Vertrauen.

Vertrauen ist ein gutes Stichwort. Sind nebst dem Gutachter weitere Personen bei der Befragung dabei?

Das Kind kommt mit Mutter oder Vater auf diesen Stock. Ein Psychologe und ich reden mit ihnen. Irgendwann fragen wir dann das Kind, ob es in Ordnung wäre, wenn Mami oder Papi jetzt rausginge.

Versteht ein Kind, warum es alleine persönliche Fragen beantworten soll?

Nicht immer. Dann müssen wir es ihm erklären, in seiner Sprache.

Unger steht auf, nimmt einen Filzstift und zeichnet auf ein Whiteboard drei Häuser, dazwischen ein Kind mit hängendem Kopf und einen roten Blitz zwischen dem Haus von Mutter und Vater.

Sehen Sie: Das Kind muss verstehen, worum es geht. die Situation aufzuzeichnen, funktioniert meistens.

Er zeichnet weiter: zwei Strichmännchen, je eines für die Mutter und den Vater, ohne Arme.

Arme zeichne ich bei den Eltern meistens keine mehr, weil sie sich zu diesem Zeitpunkt durch ihren Streit oft gegenseitig handlungsunfähig machen.

Je nach Fall ist der Auftrag ein anderer

In der Kinder- und Jugendpsychiatrie gibt es drei verschiedene Arten von Gutachten:

- Kinderzuteilung

Wenn Kinder «zwischen die Mühlen von sich streitenden Eltern geraten» (Unger), wird mit einem Kinderzuteilungsgutachten (siehe Interview) geklärt, was für das Kind die beste Lösung ist: Soll es künftig beim Vater leben, bei der Mutter oder an einem dritten Ort? Ein solches Gutachten nimmt bei den PDAG mindestens vier Monate ab Auftragsbestätigung in Anspruch. Die Kosten werden vom Auftraggeber bezahlt.

- Invalidenversicherung

Im Auftrag der Invalidenversicherung wird eine konkrete medizinische Frage beantwortet. Klassisches Beispiel: Ein Kind ist in der Schule ständig unruhig, der Kinderarzt stellt ein Psycho-Organisches Syndrom (POS) oder ein Aufmerksamkeitsdefizit (ADHS) fest. Die Experten der PDAG prüfen im Auftrag der IV die Diagnose des Hausarztes und klären damit, ob das Kind Anrecht auf IV-Unterstützung hat.

- Minderjährige Straftäter

Jugendliche, die straffällig werden, bevor sie 18-jährig sind, kommen vor Jugendgericht. Oft lässt sich die Tat nicht (allein) rational erklären – dann benötigen die Richter ein psychiatrisches Gutachten. Klassisches Beispiel: Kris V., der als 17-Jähriger die Vietnamesin Boi im Tessin mit einem Holzscheit totgeschlagen hatte. Er gab an, sie habe ihn genervt, weil sie so viel geredet habe. Solche Gutachten werden von den PDAG nicht erstellt, in der Schweiz machen dies die universitären Zentren Zürich, Bern und Basel. (rio)

Gibt es Kinder, die nicht antworten?

Kaum. Aber es gibt Kinder, die ganz klar von einem Elternteil beeinflusst wurden. Dies bis zu einem Grad, bei dem wir sagen müssen: Wir kommen nicht dahinter. Dann schreiben wir eben das.

Müssen Sie ein Kind anders befragen als einen Erwachsenen?

Genau. Die meisten Erwachsenen stellen einem Kind oft nur Suggestivfragen. Sie fragen etwa: «Gohts der guet?» oder «Gäll, hüt isch en lässige Tag?». Das geschieht in den meisten Fällen nicht mal bewusst. In einem Gutachtensprozess geht das natürlich nicht. Zudem passen wir unser Vokabular an das Kindesalter an.

Wenn es um Kinderpsychiatrie geht, kommt oft der Vorwurf, die Kinder würden unter Medikamente gesetzt. Was ist daran?

Das sind absolute Ausnahmefälle. Und: Der Gutachter darf nie gleichzeitig der behandelnde Arzt sein. Ideal ist, wenn ein privater, von der PDAG unabhängiger Arzt die Behandlung übernimmt, falls eine Medikation Thema ist. So kann nicht einmal der Verdacht aufkommen. Wir müssen absolut transparent arbeiten, denn die Situation ist für eine Familie sonst schon unfair genug.

Kann ein Kind während des Gutachtens bei den PDAG wohnen?

In seltenen Fällen. Etwa, wenn die Bedrohungslage zu Hause zu gross ist und Erwachsene, die es sonst betreuen, bei uns für eine Therapie stationiert sind. Oder wenn wir bemerken, dass das Kind stark von Erwachsenen beeinflusst wird.

Wo kann ein Kind in einem solchen Fall untergebracht werden?

Im benachbarten Kinderheim Brugg gibt es die Notaufnahmegruppe Sternschnuppe. Eine wunderbare Einrichtung. Ein Kind kann bis zu drei Monate bleiben und in dieser Zeit Mami oder Papi leicht besuchen, wenn er oder sie in unserer Klinik stationiert ist. Es hat Kontakt mit anderen Kindern. Es sollte möglichst in seiner gewohnten Umgebung bleiben und nicht auch noch aus dem Kreis der Gleichaltrigen herausgerissen werden, wenn schon die Eltern nicht mehr richtig da sind.

Es sind die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden, die ein Gutachten in Auftrag geben. Hat die Behörde Ihre Arbeit verändert?

Dazu möchte ich etwas Wichtiges loswerden: Die Kesb steht immer wieder in der Kritik. Diese Diskussion ist falsch. Die Kritik schiesst auf die Organisation, meint aber den Inhalt. Dass man Kinder zu ihrem eigenen Schutz den Eltern wegnehmen muss, war aber schon immer ein Problem. Das hat nicht die Kesb erfunden. Zu Zeiten der Vormundschaftsbehörden war es unprofessioneller. Man muss den Kesb jetzt ein paar Jahre Zeit geben, bis sie eingespielt sind.

Wie hat sich die Einführung der Kesb auf Ihre Gutachtertätigkeit ausgewirkt?

Wir haben jetzt weniger Aufträge. Weil in der Kesb keine Laien mehr, sondern Profis arbeiten, können sie die meisten Fälle selber lösen. Zu uns gelangen nur noch die komplexeren.

Welche sind das?

Fälle mit jüngeren Kindern, diese sind beeinflussbarer und es ist entsprechend schwieriger, ihren Willen einzuschätzen.

Jürg Unger-Köppel, Chefarzt der kantonalen Kinder- und Jugendpsychiatrie

Jürg Unger-Köppel, Chefarzt der kantonalen Kinder- und Jugendpsychiatrie

Mario Heller

Wie entsteht der abschliessende Bericht?

Alles Wichtige muss drinstehen. Wir dürfen nichts verschweigen. Erlaubt ist einzig zu ordnen und zu verdichten. Am Schluss muss der Kindeswille zum Ausdruck kommen. Der Bericht endet mit einer Empfehlung zuhanden des Familiengerichts, das den Auftrag für das Gutachten gab.

Wer erhält alles Zugang zu den Aufzeichnungen?

Unsere Notizen bleiben Privatsache. Das fertige Gutachten geht ausschliesslich an den Auftraggeber. Die beteiligten Parteien erhalten ein Akteneinsichtsrecht.

Kann einem ein solches Gutachten später nochmals begegnen?

Möglicherweise, falls sich der Elternteil, der das Sorgerecht für das Kind erhält, in einer nächsten Ehe erneut scheiden liesse. Dann kann bei der zuständigen Kesb ein Gesuch um Herausgabe gestellt werden. Ansonsten hat niemand Einsicht. Nicht einmal bei uns intern. Wenn etwa ein Kind nach zwei Jahren zu uns in eine Behandlung käme, dürfte unser Arzt das Gutachten nicht lesen.

Bei medienwirksamen Fällen fordern Journalisten Einblick in das Vorgehen der Gutachter. Sie stellen mitunter in den Persönlichkeitsschutz eingreifende Fragen. Wie gehen Sie damit um?
Da haben wir eine klare Haltung: Immer, wenn es um Aargauer Kinder geht, sagen wir nichts. Denn als einziges Zentrum im Kanton, das solche Fälle beurteilt, besteht immer die Möglichkeit, dass wir früher oder später selber involviert werden.

Kann Ihnen eine Berichterstattung die Arbeit erschweren?

Grundsätzlich ist es nicht gut für ein Kind, wenn es in den Medien vorkommt. Irgendwann wird es älter und liest möglicherweise über «seinen Fall». Gott sei Dank haben wir wenig Erfahrung, was das anbelangt. In 20 Jahren hatte ich vielleicht zwei Fälle, die öffentlich für Aufsehen sorgten.

Wie gehen Sie damit um, wenn doch mal einer Ihrer Fälle medial zum Thema wird?

Ziemlich locker, indem ich es möglichst ausblende. Einen Grundsatz habe ich: Wenn absehbar wird, dass ein Fall für Medieninteresse sorgen könnte, übernehme ich ihn selber. Um meine Mitarbeitenden zu schützen.