Nach Suizid im Fricktal

Kesb in der Dauerkritik: «Wir haben ein riesiges Informationsdefizit»

Kesb-Vertreter nehmen Stellung zur Dauerkritik

Warum erklärt die Kesb ihre Entscheide nicht und macht sie, was sie will?

Die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) ist nach dem Suizid einer fünffachen Mutter im Fricktal zum wiederholten Mal in die Kritik geraten. Das Familiengericht, dem die Kesb im Aargau angegliedert ist, hatte dem Vater die Obhut der Kinder zugesprochen, obwohl er gewalttätig war.

In der Sendung "Talk Täglich" auf "Tele M1" stellen sich ein Experte und eine Expertin der Kritik, die die Kesb von innen kennen und nicht in den Fall involviert sind.

Warum erklärt die Kesb ihre Entscheide nicht, wenn Kritik aufflammt?

Die Kesb steckt in einem Dilemma: Sie darf keine Auskunft geben, weil sie an das Amtsgeheimis gebunden ist. "Wir können nicht einfach unsere Akten öffnen", sagt Claudia Ziltener von der Kesb Willisau-Wiggertal.

Versteckt sich die Kesb hinter dem Amtsgeheimnis?

Dieser Vorwurf stehe im Raum, anerkennt Guido Marbet, Präsident der Konferenz für Kindes- und Erwachsenenschutz. Der Schutz der Betroffenen stehe aber zuoberst. "Der Schutz der Kinder heisst: kein öffentlicher Diskurs über den Einzelfall." Sonst würden die Kinder irgendwann damit konfrontiert und in ihrer Entwicklung gefährdet.

Hätte der Suizid im Fricktal verhindert werden können?

Die Kesb und Ärzte haben die Möglichkeit, einer Person fürsorgerisch die Freiheit zu entziehen, wenn Anzeichen auf eine Selbstgefährdung bestehen. Das könne aber einen Suizid nicht verhindern, wenn jemand mit seinem Leben abgeschlossen habe, sagt Ziltener: "Man sieht nicht in die Köpfe rein."

Macht die Kesb, was sie will?

Dieser Eindruck sei falsch, sagt Marbet. Die Behörde arbeite gerade im Aargau mit einem minimalen Personalaufwand. "Sie muss sich gegen die Arbeit wehren und hat keine Lust, zu überborden." Die Kesb untersuche nie von sich aus, sondern nur auf Gefährdungsmeldungen hin. Und diese ziehen nicht immer eine Kesb-Massnahme nach sich: "Nur rund 50 Prozent der Meldungen münden in einer Massnahme." Marbet räumt ein, dass der Start der Behörde Anfang 2013 schwierig gewesen ist: "Es gab eine absolute Überschwemmung von Gefährdungsmeldungen."

Wie fällt die Kesb einen Entscheid?

Einem Entscheid geht eine lange Zeit der Abklärung voraus. In komplizierten Fällen werden nebst den Gesprächen mit den Betroffenen die Meinungen von Schulen und involvierten Psychologen abgeholt und Erziehungsfähigkeitsgutachten erstellt. Bei Kindern stehen laut Marbet zwei Fragen im Vordergrund: "Wo hat das Kind die stabilsten Verhältnisse? Wo können sie sich am harmonischsten entwickeln?"

Auch ein Entscheid, der auf einer soliden Grundlage basiert, kann Ärger nach sich ziehen. Ziltener sagt: "Wir können nie so entscheiden, dass beide Parteien zufrieden sind." Wenn die Kesb im Spiel sei, seien die Familienverhältnisse sehr schwierig. Ende es so wie im Fricktal, sei das äusserst tragisch.

Woher rührt die Abneigung gegenüber der Kesb?

Marbet führt das auf die Deutschschweizer Behördenskepsis zurück. "Es gibt in der Deutschschweiz eine Abwehrhaltung gegenüber neuen Behörden." In der Westschweiz gebe es das nicht.

Sind Kesb-Verfahren zu kompliziert?

"Die Kesb ist ein Kind ihrer Zeit", sagt Ziltener. Es gebe generell immer mehr Gesetze und Regulierungen. Marbet ergänzt, die vielen Verfahrensschritte dienten der Sicherheit der Betroffenen. Das rechtliche Gehör müsse beispielsweise immer gewährleistet sein. Das führe unweigerlich zu einer gewissen Komplexität.

Hat die viele Kritik bei der Kesb eine Sensibilisierung bewirkt?

"Ja, auf jeden Fall", sagt Ziltener. Sie plane mehr Zeit für Gespräche mit Betroffenen ein, auch um die Kritik an der Kesb zu thematisieren.

Warum informiert die Kesb nicht aktiver über ihre Arbeit?

"Wir haben ein riesiges Informationsdefizit", gibt Marbet zu. Dabei gäbe es durchaus positives zu berichten: Die Zahlen zeigten etwa, dass im Vergleich zu früher weniger Kinderschutzmassnahmen angeordnet würden. Ziltener führt das Defizit darauf zurück, dass man am Anfang personell unterbesetzt gewesen sei: "Sich da um die Medien zu kümmern, ist ein Ding der Unmöglichkeit." (mwa)

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1