Bezirksgericht Baden

Keine Reue: Groteske Show eines Betrügers endet im Gefängnis

Der 29-jährige Burak auf dem Weg ins Gericht.

Der 29-jährige Burak auf dem Weg ins Gericht.

Ein Türke prellte Frauen um ihr Geld und muss für 6¾ Jahre ins Gefängnis. Vom Vorwurf der mehrfachen Vergewaltigung und der Nötigung zum Suizid wurde er «im Zweifel für den Angeklagten» freigesprochen.

Es ist dieser Blick. Dieser durchdringende Blick, mit dem er alle im Gerichtssaal fixiert – Burak (Name geändert), 29 Jahre alt, angeklagt der mehrfachen Vergewaltigung, der versuchten Verbreitung von Hepatitis C, der Nötigung und Erpressung und weiterer Delikte. Burak sagt: «Herr Gerichtspräsident, ich stehe unschuldig vor Ihnen und werde das heute aufzeigen.»

Das ist der Beginn einer langen Verhandlung, die immer wieder ins Absurde kippen wird. Denn der vorbestrafte Burak ist ein armer Tropf, ein Kämpfer für Gerechtigkeit und ein Menschenfreund – zumindest in seinen Augen. Und der Türke redet gern. Mehrere Mäppchen mit Unterlagen hat er dabei. Er tut wichtig, geniesst, dass sich alles um ihn dreht, gebärdet sich wie ein Held, obwohl er die Rolle des Bösewichts innehat im Gerichtssaal.

Opfer Christine B. erzählt, was sie mit Burak erlebt hat.

Opfer Christine B. erzählt, was sie mit Burak erlebt hat.

Zum Suizid aufgefordert

Vor Gericht anwesend sind zwei der fünf Opfer. Was sie erlebt haben mit Burak, dem selbst ernannten Menschenfreund, steht in der Anklageschrift. Zum Beispiel Christine B.: Kennen gelernt hatte sie Burak im Chat, sie haben sich verabredet, sie verliebte sich. Er versprach ihr die Liebe und eine gemeinsame Zukunft. Am Anfang war alles schön. Sie gab dem arbeitslosen Burak sogar die Vollmacht über ihr Konto.

Doch Burak soll mehr gewollt haben. So hat sie es der Polizei geschildert: An einem Sommertag zwang Burak sie, einen Abschiedsbrief zu verfassen, darin ihren Suizid anzukünden und festzuhalten, dass sie ihm die Vollmacht über alle ihre Konten gebe. Dann reichte er ihr ein Messer und forderte Christine B. auf, sich in die Badewanne zu setzen und sich die Pulsadern aufzuschneiden. Sie sagte: «Ich will nicht sterben.» Daraufhin vergewaltigte er sie zweimal. Dann sperrte er sie in seiner Wohnung ein und plünderte ihr Konto.

«Was sagen Sie dazu?», fragt Gerichtspräsident Lukas Cotti. Burak antwortet: «Christine B. hat viel gesagt, ihr Aussageverhalten ist widersprüchlich. Ausserdem hat sie eine bipolare affektive Störung.» Er wisse das, weil er einen Wärter im Gefängnis darum gebeten habe, ihm zu dieser Krankheit einen Wikipedia-Ausdruck zu besorgen. «Ich habe darin klar gesehen, dass sie diese Krankheit hat.» Gerichtspräsident Cotti: «Ihre Wikipedia-Abklärungen in Ehren, aber das Aussageverhalten des Opfers ist laut Gutachten glaubwürdig.»

Die Verliebtheit ausgenutzt

Burak hatte alle Akten akribisch studiert. Immer wieder wendet er sich an die Richter: «Ich sage euch, schaut die Akten gut an. Dort findet ihr die Widersprüche.» Burak sucht mit allen Anwesenden im Gerichtssaal Blickkontakt – auch mit seinen Opfern.

Was Burak sonst noch vorgeworfen wird: verbreitung gefährlicher Krankheiten. Der Türke hatte sich als Teenager mit Hepatitis C angesteckt. Eine Krankheit, die im schlimmsten Fall zum Tod führt. Trotzdem verlangte er von allen Frauen ungeschützten Geschlechtsverkehr. Glücklicherweise hat sich keine der Frauen angesteckt. Um Geld betrogen hat er sie alle. Vorgegangen ist er dabei immer nach dem gleichen Schema: Die grosse Liebe vorgegaukelt, eine gemeinsame Zukunft versprochen und Geld gefordert für eine angeblich gemeinsame Investition. Alle hatten sie dem Türken geglaubt. Ihm insgesamt 125 000 Franken in die Hände gedrückt – sogar Kleinkredite aufgenommen.

Als Ungeheuer bezeichnet einer der Opferanwälte den Türken. Burak lässt das kalt. Er lacht während der Ausführungen des Staatsanwalts, sagt, er habe niemanden Geld abgenommen und um Sex sei es ihm nie gegangen.

«Ja, ist die ganze Welt gegen Sie, oder wie erklären sie sich das Ganze?», fragt der Gerichtspräsident daraufhin. Und dann redet und redet Burak wieder und liest seitenweise seine vorbereitete Reden vor. Sein Verteidiger führt aus, dass sämtlichen Opfern jegliche Glaubwürdigkeit abzusprechen sei. Und forderte einen Freispruch.

Das Schauspiel ist bald zu Ende. Noch einmal darf Burak sich äussern. Das letzte Wort steht ihm zu vor der Urteilsberatung. Üblicherweise sagen Beschuldigte ein paar wenige Sätze. Nicht Burak. 15 Minuten spricht er, reiht wirre Aussagen aneinander. Es ist das Ende seiner Show. Burak muss für 6¾ Jahre ins Gefängnis. 21 Monate davon sind der Widerruf einer früheren bedingten Freiheitsstrafe. Von der Vergewaltigung und dem geforderten Suizid sprach ihn das Gericht frei, nach dem Grundsatz «Im Zweifel für den Angeklagten».

Nun muss Burak also die Rolle des Gefangenen spielen.

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