Ein verurteilter Mörder flieht aus einer geschlossenen Psychiatrie-Abteilung – so geschehen am Samstagmorgen in Windisch, als Kris V. (22) gewaltsam aus der Klinik Königsfelden der Psychiatrischen Dienste Aargau (PDAG) ausbrach.

Umgehend fordern Politiker härtere Massnahmen. Die Frage ist berechtigt: Wie kann ein junger Mann, der eine junge Frau mit einem Holzscheit totgeschlagen hatte, aus einer Therapie-Einrichtung entkommen?

Hätte es keine noch sicherere «Unterkunft» für ihn gegeben? Die Kurzantwort darauf: Jein. Denn der Fall ist eben doch nicht so einfach.

Problematik 1: das knappe Angebot an Plätzen für psychisch kranke Täter. Es gibt im Kanton Aargau keine sicherere psychiatrische Klinik als jene in Königsfelden. Sie ist die einzige, die über eine geschlossene Abteilung verfügt. Das bestätigt Nicole Payllier, Sprecherin der Gerichte Kanton Aargau, auf Anfrage.

Bei der Eröffnung des neusten Pavillons 7 im Jahr 2014 – aus diesem war Kris V. abgehauen – sagte der damalige Chefarzt Josef Sachs: «Aktuell würde es hierzulande 800 Plätze brauchen, vorhanden sind nur 500.»

Wie genau V. entkommen und welche Art von Behandlung er zuletzt erhalten hatte, blieb auch gestern unklar.

PDAG-Sprecherin Eva Fuchs: «Wir möchten in Anbetracht der noch laufenden Untersuchung hierzu im Moment noch nicht Stellung nehmen.»

Zürcher Spezialklinik lehnte ab

Problematik 2: die Wahlfreiheit von Kliniken in anderen Kantonen. Ausserhalb des Aargaus gibt es sehr wohl Einrichtungen, die besser abgeriegelt sind als jene in Windisch.

Eine solche Verlegung wurde laut Nicole Payllier auch geprüft. Allerdings erfolglos: «Wir haben bei mehreren ausserkantonalen Kliniken mit höherem Sicherheitsstandard angefragt. Die Aufnahme wurde aber überall abgelehnt.» Ausserkantonale Kliniken haben keine Pflicht, jemanden aufzunehmen.

Wie az-Recherchen zeigen, war eine der Angefragten die Universitätsklinik für Forensische Psychiatrie in Rheinau ZH.

Sprecher Marc Stutz bestätigt die Anfrage aus dem Aargau – kann aber nicht sagen, warum man Kris V. abgelehnt hatte: «Wir dürfen aufgrund des Datenschutzes grundsätzlich keine Informationen geben, die Rückschlüsse auf individuelle Behandlungen zulassen könnten.»

Sicherheitstechnisch kennt er die Situation in Königsfelden nicht genau. Die Vorkehrungen in Rheinau entsprächen aber «einem sehr hohen Standard». Ein Entweichen sei sehr unwahrscheinlich, könne jedoch nie ganz ausgeschlossen werden.

Klar ist: Eine Klinik muss einerseits Platz haben, der Patient muss andererseits aber auch zu ihr «passen».

Stutz betont, man sei auf den Vollzug von strafrechtlich angeordneten Massnahmen bei erwachsenen Straftätern spezialisiert.

Zudem nehme man vorrangig Fälle aus dem Kanton Zürich und anderen Kantonen des Ostschweizer Strafvollzugskonkordats auf. Kris V. hätte somit mehrfach nicht ins Profil gepasst.

Der Aargau gehört zum Konkordat Nordwestschweiz und V. befand sich bei seinem Ausbruch nicht in einer strafrechtlichen Massnahme.

Zivilrecht, nicht Strafrecht

Was überleitet zu Problematik 3: die spezielle rechtliche Situation im Fall Kris V. Hans Peter Fricker, Generalsekretär des Departements Volkswirtschaft und Inneres, sagte gegenüber dem SRF-Regionaljournal, es gebe «keine Spezialplätze für solche Sonderfälle».

Hätte man ihn nicht in Königsfelden platziert, hätte man ihn freilassen müssen. Doch warum ist V. ein «Sonderfall»?

Die Kurzantwort: Weil er bei seiner Tat noch minderjährig war. Verurteilt wurde er 19-jährig.

Weil er den Mord aber vier Jahre zuvor begangen hatte, wurde sein Fall nicht vom Straf-, sondern vom Jugendgericht verhandelt.

Dieses konnte als Maximalstrafe einen Freiheitsentzug von 4 Jahren aussprechen, was es auch tat. Mit dem Erreichen des 22. Altersjahrs lief die Frist für jugendstrafrechtliche Massnahmen ab. Kris V. hätte freikommen sollen.

Dagegen wehrten sich die Behörden: Im Februar entschieden sich die Aargauer Richter aufgrund eines psychiatrischen Gutachtens für eine weitere sogenannte «fürsorgerische Unterbringung».

Mit dem Strafrecht – zu der etwa die Verwahrung gehört – hat das nichts zu tun. Die Massnahme ist eine zivilrechtliche. Ein Gefängnisaufenthalt fällt damit ausser Frage.

Hier wurde der Flüchtige behandelt: Blick ins Zentrum für stationäre forensische Therapie der PDAG Königsfelden.

Hier wurde der Flüchtige behandelt: Blick ins Zentrum für stationäre forensische Therapie der PDAG Königsfelden.

So kam V. im Juli 2015 in die geschlossene Abteilung von Königsfelden. Diese wird nun womöglich aufgerüstet. Sofortmassnahmen werden geprüft. PDAG-Sprecherin Eva Fuchs bestätigt: Man sei im Austausch mit dem Kanton, konkrete Schritte habe man aber noch nicht erarbeitet.

Der Anwalt von Kris V. äussert sich nicht zum Fall. Er verweist auf sein Anwaltsgeheimnis und darauf, dass das Verfahren betreffend der fürsorgerischen Unterbringung noch hängig sei.