Hooliganismus

Keine Gegenwehr gegen das Hooligan-Konkordat im Aargau

Am Zürcher Derby vor zwei Wochen warben Fans für ein Nein bei der Konkordats-Abstimmung. Keystone

Am Zürcher Derby vor zwei Wochen warben Fans für ein Nein bei der Konkordats-Abstimmung. Keystone

In Basel, Bern und Zürich sind die geplanten Massnahmen zum Hooligan-Konkordat umstritten. Doch im Aargau hingegen bleibt die Gegenwehr aus. Politiker glauben den Grund zu kennen: Wo die Fangemeinde grösser ist, gibt es auch mehr Widerstand.

Das Hooligan-Konkordat steht im Gegenwind: Unterschriftensammlung in Bern, Abstimmung am 9. Juni in Zürich, Kritik und Beschwerde beim Bundesgericht aus Basel. Im Aargau bleibt es dagegen auffällig ruhig.

Im November winkte der Grosse Rat die Vorlage mit nur zwölf Gegenstimmen durch; im April verstrich die Referendumsfrist ungenutzt. Am 1. Juli nun tritt das Konkordat im Aargau in Kraft. Rechtzeitig zur neuen Saison, die der FC Aarau in der Super League bestreiten dürfte.

Jürg Caflisch war einer der zwölf Grossräte, die sich gegen das Konkordat aussprachen. Der SP-Politiker erklärt sich den ausbleibenden Widerstand mit der im Aargau weniger stark verwurzelten Fanszene. In Basel und Zürich sei die Verankerung stärker, weswegen man dort wohl mehr mit der Problematik vertraut sei.

«Wo die Fangemeinde grösser ist, gibt es mehr Widerstand», sagt auch Irène Kälin, Grossrätin der Grünen.

Anders als in Aarau seien etwa in Zürich Fans auf Politiker zugegangen, um auf ihren Standpunkt aufmerksam zu machen. SVP-Grossrat Jean-Pierre Gallati, der sich gegen die «unnötige Verschärfung» des Konkordats ausspricht, sieht einen weiteren Grund: «Im Vergleich zu anderen Kantonen ist das aargauische Kantonsparlament obrigkeitsgläubiger.»

Vertrauen in die Polizei

SP-Regierungsrat Urs Hofmann, der das Konkordat befürwortet, nennt verschiedene Gründe, warum das Konkordat im Aargau so unumstritten war.

«Die Diskussion drehte sich weniger um die rechtstheoretische Frage der Reichweite der Grundrechte, sondern lief auf einer sachbezogenen Ebene.» Ausserdem bestehe Vertrauen in die Polizei, dass sie die neuen Massnahmen mit Augenmass anwenden werde.

«Die zu kleine Fanszene», glaubt Caflisch, sei der Grund, warum Fans im Aargau nicht das Referendum ergriffen.

Ohne Partei im Rücken rechnete er sich zudem keine Erfolgschancen aus, um mit anderen Grossräten die nötigen Unterschriften zu sammeln – und die Abstimmung zu gewinnen. «Keine Zeit, kein Geld», fasst er die Lage im Milizsystem zusammen. Denn ein Referendum zu lancieren, sei sehr aufwendig.

Irène Kälin teilt diese Einschätzung. «Vergebene Mühe», sagt sie. Auch wenn ein Referendum zustande gekommen wäre, hätte das Anliegen bei einer Abstimmung keine Chance. Letztlich sei es ein «pragmatischer Entscheid» gewesen, nicht für ein Referendum zu sammeln. «Wahrscheinlich hätte man es machen müssen», sagt Jean-Pierre Gallati, SVP-Grossrat. Aber er könne sich nicht überall vertieft engagieren.

St. Gallen steht noch allein da

Mit St. Gallen hat bisher gerade mal ein Kanton mit einer Eishockey- oder Fussballmannschaft in der obersten Liga das Konkordat in Kraft gesetzt. Der Sinn des Konkordats lasse sich auch dann noch erfüllen, wenn nicht alle Kantone mitmachen, sagt Regierungsrat Urs Hofmann. «Die anderen Kantone können es trotzdem umsetzen.»

Jürg Caflisch sieht das anders: «Wenn das Konkordat nicht gesamtschweizerisch umgesetzt wird, kann man es gleich durch den Schredder lassen.» Ähnlicher Meinung ist auch Jean-Pierre Gallati: «Entweder machen alle das Gleiche oder man macht nichts.»

Noch hat das Bundesgericht nicht darüber geurteilt, ob die im Konkordat vorgesehenen Massnahmen die Grundrechte zu stark einschränken. Eine entsprechende Beschwerde ist hängig, weshalb die Luzerner Regierung das Konkordat vorläufig ausgesetzt hat.

Gemäss Urs Hofmann hat das ausstehende Urteil vorderhand keine Auswirkung auf den Aargau. Die umstrittenen Massnahmen, wie etwa das Abtasten im Intimbereich oder Vorschriften für die Anreise, würden im Aargau ohnehin nicht von Anfang an umgesetzt. Erst wenn dies der Fall wäre, würde sich die Frage stellen, ob zuerst der Entscheid des Bundesgerichts abgewartet würde, sagt der SP-Regierungsrat. Ob und welche Massnahmen in Zukunft umgesetzt werden, hänge von der weiteren Entwicklung ab, sagt Hofmann. «Kommt es nicht zu gravierenden Sicherheitsproblemen, wird sich gegenüber der bisherigen Praxis wenig ändern.»

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