Coronavirus

Keine Begrüssungsküsschen mehr – Aargauer Körpersprache-Experte erklärt, was die soziale Distanz mit uns macht

Händeschütteln ist im Moment tabu.

Händeschütteln ist im Moment tabu.

Abstand halten, zuhause bleiben, Hände waschen: Körpersprache-Experte Etienne Dubach über die sozial verordnete Distanz, die ein völlig neues körperliches Miteinander schafft. 

Begrüssen ja, umarmen nein. Jeder kennt das inzwischen. Immer begleitet von diesem ungewohnten bis unangenehmen Gefühl: "Hier stimmt doch was nicht." Denn Handschlag, Schulterklopfen oder die berühmten drei Schweizer Küsschen – all das was einmal normal und alltäglich war –  ist jetzt verboten. Etwas unbeholfen versuchen wir deshalb Alternativen zu finden: Mit dem Knie, Ellebogen oder Fuss.
Aber das Vermissen und die Verwirrung bleibt. "Die Begrüssungsrituale fehlen uns", sagt der Aargauer Körpersprache-Experte Etienne Dubach. "Durch das Wegfallen entsteht eine grosse Distanz". Denn diese Rituale gehören zu unserer Gesellschaft. Ohne unsere gewohnten drei Küsschen, ohne die leichte Berührung mit der Hand, fühlen wir uns deshalb hilflos.  
Liebe und zarte Berührungen sind besonders für Babys essentiell.

Liebe und zarte Berührungen sind besonders für Babys essentiell.

"Wir sind soziale Wesen, wir brauchen die Berührung"

Schon Babys brauchen Körperkontakt. Die Annahme, das sei nicht so und zuviel Körperkontakt schade den Kleinen, ist längst wiederlegt. So wurde bei Waisenkindern aus Kriegsgebieten in den 40-er-Jahren die kaum berührt und selten umarmt wurden, beobachtet, dass sie langsamer wuchsen und weniger Empathie entwickelten. Auch gesundheitlich hatte das Folgen. Körperkontakt und Nähe sind also, da sind sich heute alle einig, extrem wichtig. Sie schaffen Geborgenheit und Vertrauen. Auch zwischen Geschäftspartnern.

"Durch Corona entsteht Distanz  - auf einer sehr unbewussten Ebene"

Deshalb sind Vertragsverhandlungen in Zeiten von Corona schwieriger geworden. Denn da geht es um Kaufen und Verkaufen. Da muss, wenn man sich noch nicht kennt, erst eine gewisse Beziehung aufgebaut werden. Das braucht man für gute Geschäfte oder einen Millionen-Deal. In einer Videokonferenz sei das nur schwer realisierbar, so Dubach. "Schliesslich sind das Energien, die zwischen Menschen entstehen." In Neuseeland drücken die Maori sogar zur Begrüssung ihre Nasen aneinander, um den Lebensatem des anderen zu spüren. Und in der traditionellen chinesischen Medizin werden über den Körpergeruch Organkrankheiten wahrgenommen. 

Prinz Charles und ein Maori begrüssen sich mit dem "Hongi", dem traditionellen Nasenreiben in Neuseeland.

Prinz Charles und ein Maori begrüssen sich mit dem "Hongi", dem traditionellen Nasenreiben in Neuseeland.

"Jeder hat seine ganz eigene Auffassung von Nähe"

Begrüssungsrituale und Nähe-Distanz-Regeln sind damit wesentliche Bestandteile des Zusammenlebens und der Kultur. Soziokulturell geprägt durch Vorbilder und in jedem Land anders. Durch Corona ist dieses natürliche Nähe-Distanz-Verhältnis gestört. Das ist für die einen mehr, für die anderen weniger schlimm.
So bleiben die Japaner von Natur aus eher auf Distanz, während die Italiener einfach nicht können, ohne das Küsschen hier und den Handschlag dort.
Getoppt nur von den Südamerikanern: Bis zu 180 Mal, das haben Forscher festgestellt, berühren sie sich bei einem Cafébesuch. Auch kantonal gibt es in der Schweiz Unterschiede. So hat der Tessiner weit weniger Berührungsängste als der Deutschschweizer. Und dann gibt es da noch das ganz persönliche Verhältnis zu Nähe und Distanz. 10 bis 20 Prozent der Bevölkerung, so Dubach, erleben die Welt  eher taktil, für sie ist die Berührung extrem wichtig. Diese Menschen haben es jetzt schwer. Und auch ältere Personen leiden besonders während dieser Phase der sozialen Distanz. Denn wie beim Baby ist auch bei ihnen das Bedürfnis nach Nähe gross. 

"Unsere soziokulturelle Prägung wird Corona nicht verändern"

"Der Umarmungsfaktor", wie Dubach das nennt, so seine Prognose, wird deshalb wenn die Corona-Krise überstanden ist, extrem steigen. Allerdings nur kurzfristig. Denn ein paar Monate reichen nicht, um die soziokulturelle Prägung grundsätzlich zu verändern.
Aus einem körperlich eher zurückhaltenden Schweizer wird also dauerhaft kein überschwänglich umarmender Italiener. Auch nicht nach Corona. In einem Jahr so Dubach ist, zumindest wenn es um Nähe und Distanz geht, alles wieder "back to normal". Allerdings dann immer begleitet von einem: "Es war einmal: Corona."

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