Klima-Podium

«Keine Arbeit auf einem toten Planeten»: Aargauer Aktivisten fordern Antworten von Nationalräten

Die Sprecherinnen und Sprecher am Podium von links oben nach rechts unten: Irène Kälin (Grüne), Cédric Wermuth (SP), Beat Flach (GLP), Hans Grunder (BDP), Ruth Humbel (CVP), Thierry Burkart (FDP), Hansjörg Knecht (SVP) und Nicolas Gruber (ETH).

Die Sprecherinnen und Sprecher am Podium von links oben nach rechts unten: Irène Kälin (Grüne), Cédric Wermuth (SP), Beat Flach (GLP), Hans Grunder (BDP), Ruth Humbel (CVP), Thierry Burkart (FDP), Hansjörg Knecht (SVP) und Nicolas Gruber (ETH).

Rund hundert Besucher nahmen gestern Dienstag am Klimastreik-Podium teil. Viele davon waren Schüler und Studenten. Und die teilten einigen Nationalrätinnen und -räten teils heftig aus.

«Herr Knecht, auf die Frage, ob Sie die Klimakrise als existenzielles Problem der Menschheit betrachten, haben Sie vorhin mit Ja geantwortet.» Das Mikrofon in der Hand der jungen Frau zittert leicht, und doch steht die Schülerin vor den rund hundert Besuchern des Klimastreik-Podiums und spricht mit ruhiger Stimme mit SVP-Nationalrat Hansjörg Knecht.

Sie greift nach ihrem Smartphone, auf der Rückseite ist ein Sticker aufgeklebt: «Climatestrike.ch» steht in fetten, weissen Buchstaben darauf. «Ich möchte Ihnen gerne etwas aus dem Parteiprogramm der SVP vorlesen», fährt sie fort und scrollt auf ihrem Smartphone weiter. «Unserer Umwelt geht es gut. Seit Beginn der Industrialisierung war das Ausmass von Schadstoffen und Emissionen noch nie so gering wie heute, noch nie waren unsere Flüsse und Seen so sauber.»

Die Schülerin wird vom Applaus und den Zurufen ihrer Mitschüler schon bald übertönt. Trotzdem liest sie den Abschnitt zu Ende. Ihre Mitschüler filmen sie für Snapchat, Facebook oder Instagram. Auf vielen Smartphones klebt derselbe Sticker. Die Stimme der jungen Frau wird lauter. «Finden Sie das nicht etwas widersprüchlich, Herr Knecht?»

«Ich mache natürlich sehr viel für die Umwelt»

«Ich mache natürlich sehr viel für die Umwelt»

SVP-Nationalrat Hansjörg Knecht und SP-Nationalrat Cédric Wermuth zur Klimadebatte.

Anreize oder Verbote?

Die Schülerin setzt sich auf ihren Platz in der hintersten Reihe des Mühlebergsaals im Naturama zurück. Auf ihre Frage erhält sie keine konkrete Antwort. Sie sieht wütend aus – wie fast alle anderen Besucher, die sich am Dienstagabend im Saal eingefunden haben, um der Diskussion zwischen Klimaaktivisten und Aargauer Politikern zuzuhören. Viele sind Schüler und Studenten.

Moderiert wird das Podium ebenfalls von jungen Klimaaktivisten: Norma De Min und Jakub Morzycki von der Kantonsschule Baden. Eingeladen haben sie Nicolas Gruber, Klimaforscher an der ETH, für einen Kurzvortrag über den Klimawandel sowie sieben Nationalräte: Irène Kälin (Grüne), Cédric Wermuth (SP), Beat Flach (GLP), Hans Grunder (BDP, BE), Ruth Humbel (CVP), Thierry Burkart (FDP) und Hansjörg Knecht (SVP).

Letztere müssen sich von den jungen Zuschauern einiges anhören lassen – besonders Knecht. «Ich habe mich in die Höhle des Löwen getraut», sagt er im Anschluss an die Diskussion und lacht. Mit den Reaktionen der Schüler habe er gerechnet. Und diese sind teilweise heftig, denn seine Ansichten lassen sich mit den Forderungen der Klimastreikbewegung – netto null Treibhausgas-Emissionen bis 2030 – kaum vereinbaren.

«Die Schweiz produziert nur ein Promille der weltweiten Emissionen. Das ist eigentlich Peanuts», sagt Knecht, und erntet dafür Buhrufe. Man müsse auch an die Wirtschaft denken und sehen, dass Klimavorschriften den Arbeitsplätzen in der Schweiz schaden würden. «Es gibt keine Arbeitsplätze auf einem toten Planeten», schreit ein Schüler aus dem Publikum.

Auch Burkart muss sich der Kritik der Aktivisten stellen. Die Parteipräsidentin der FDP, Petra Gössi, sorgte kürzlich mit einem plötzlichen Umschwung in der Klimapolitik für Aufsehen. «Eine Mitgliederbefragung kann wertvolle Inputs zur Umwelt- und Klimapolitik liefern. Es wäre aber falsch, diese als plötzlichen Meinungsumschwung der Partei zu interpretieren. Wir wissen ja noch nicht, wie unsere Basis sich positionieren wird», sagt Burkart auf Anfrage.

Seine «Anreize statt Verbote»-Strategie und die Vorschläge, auf Eigenverantwortung zu setzen, kommen am Podium schlecht an. «Es ist ja schön, wenn jemand vegan lebt und ein anderer nicht mehr fliegt», sagt Irène Kälin dazu. «Aber das reicht einfach nicht.»

Wermuth doppelt nach: «Solange der Profit einzelner wichtiger ist als die Zukunft des Planeten, ändert sich nichts. Eigenverantwortung reicht nicht aus, es braucht Sofortmassnahmen und Gesetze.» Ihnen stimmen auch Beat Flach und Hans Grunder zu.

Ruth Humbel betont, dass es in der Schweiz Institutionen wie die ETH oder das Paul-Scherrer-Institut gibt, auf die man für Lösungen setzen müsse. Sie fordert auch, dass jeder seinen Teil leisten solle.

Schüler geben nicht nach

Während der zweistündigen Diskussion geben weder die Moderatoren noch die Besucher nach. Schüler strecken nach jeder Aussage der Podiumsgäste ihre Hände in die Höhe, um eine weitere Frage zu stellen. ETH-Studenten konfrontieren die Politiker mit wissenschaftlichen Fakten.

Sie haken nach, fordern konkrete Antworten und werden auch mal laut. Und mahnen die Politiker: «Es ist ein Wahljahr. Vor Minaretten habe ich keine Angst, vor der Klimakrise schon», so ein Student. Das beeindruckt beispielsweise Irène Kälin: «Bleibt so lange da und streikt und seid nervig, bis sich etwas ändert.»

Autor

Kelly Spielmann

Kelly Spielmann

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