«Es ist unheimlich, so etwas habe ich noch nie erlebt», sagt Mirjam Kleiner. Die 79-jährige Bewohnerin des Alterszentrums Blumenheim sitzt am Samstagabend zusammen mit den anderen 37 Bewohnern beim Nachtessen, als sie vom Unwetter überrascht wird. «Zuerst haben wir noch gelacht», sagt die vife Rentnerin. Doch das Wasser habe sich im Speisesaal immer mehr ausgebreitet. Ein Stuhl sei an ihnen vorbeigezogen. «Auf einen Schlag ist das Licht erloschen.» Angst habe sie keine gehabt, versichert die Bewohnerin. «Die Mitarbeitenden haben uns sehr gut betreut und uns rasch in den ersten Stock gebracht. Dort haben wir aus dem Fenster geschaut und das Geschehen beobachtet», sagt Mirjam Kleiner rückblickend.

Seit dem Unwetter steht im Alterszentrum Blumenheim kein Stein mehr auf dem anderen. «Sämtliche Gebäude sind betroffen. Im Untergeschoss ist alles zerstört», sagt Zentrumsleiterin Irma Jordi. «Hätten wir am Sonntagmittag keinen Strom erhalten, hätte ich sämtliche Bewohner wegbringen und in umliegenden Heimen unterbringen müssen.» Fünf Personen habe man dennoch in Sicherheit gebracht. «Zwei demente Frauen waren stark gefährdet, da sie stets unterwegs sind. Sie hätten sich möglicherweise verirrt und wären vielleicht gestolpert.» Deshalb seien diese beiden Bewohnerinnen ins Pflegeheim Sennhof in Vordemwald verlegt worden. Drei weitere Personen, die viel Pflege brauchen, kamen ins Alterszentrum Lindenhof Oftringen.

Auf einem Rundgang zeigt Irma Jordi, welchen Schaden das Unwetter im Alterszentrum Blumenheim angerichtet hat. Schlammspuren zeigen, dass das Untergeschoss zeitweise mehr als einen Meter unter Wasser stand. «Im Gesundheitswesen muss man immer für alles ein Konzept schreiben. Für einen solchen Fall ist das unmöglich. Das erwartet man nie», sagt Irma Jordi im Keller des Hauptgebäudes.

Das Untergeschoss stand mehr als einen Meter unter Wasser.

Das Untergeschoss stand mehr als einen Meter unter Wasser.

Keine Bewohnerdaten mehr

Weder Heizung, Lift, Waschmaschinen noch Kühlanlagen funktionieren. Sämtliche Vorräte sind unbrauchbar. Zwei von drei Häusern haben nur kaltes Wasser. In der Nacht von Donnerstag auf Freitag wird wegen der Putzarbeit noch einmal der Strom abgestellt. Immerhin: Die Rollstühle und Gehhilfen haben die Mitarbeiter des Alterszentrums bereits vom Schlamm befreit. 

Besonders fatal: Alle vier Festplatten, auf welchen die Bewohnerdaten gespeichert sind, laufen nicht mehr. «Spezialisten versuchen, diese Daten wieder herzustellen», sagt die Zentrumsleiterin. Zwar sind die Daten auch extern bei einem Mitarbeiter gespeichert. Dummerweise habe er aber vergessen, ein Back-up zu machen, bevor er in die Ferien ging, sagt Jordi. Die Spezialisten seien aber zuversichtlich, die Daten aus den vier Festplatten vollständig wiederherstellen zu können.

Keine Löhne

Das Team kann zurzeit keine Leistungen erfassen, keine Rechnungen stellen und keine Daten abrufen. Vorübergehend müsse das Pflegepersonal die Berichte von Hand erfassen; Medikamentenlisten seien in Papierform vorhanden. Auch den Lohn kann Jordi ihren 40 Mitarbeitern derzeit nicht auszahlen. Für dieses Problem müsse man nun eine pragmatische Lösung finden.

Noch immer befinden sich im Luftschutzkeller des Hauptgebäudes einige Zentimeter Wasser. «Der Schaden ist enorm. Ich denke, eine Million Franken reicht nicht aus», sagt die Zentrumsleiterin.

Feuerwehr sorgt für Strom

Während das Alterszentrum auf die Hilfe der umliegenden Heime zählen darf – das Mittagessen etwa liefert das Alterszentrum Lindenhof Oftringen – musste das «Blumenheim» vorerst auf die Unterstützung der Feuerwehr verzichten. «Wir haben zwar am Samstag um 18 Uhr Alarm ausgelöst, doch die Feuerwehren standen verständlicherweise bereits andernorts im Einsatz. Sie haben uns aber einen Stromgenerator und Taschenlampen zur Verfügung gestellt. Und so organisierten wir uns selber», sagt Irma Jordi. Seither ist sie mit «Blumenheim»-Mitarbeitenden und freiwilligen Helfern mit Aufräumen und Putzen beschäftigt. Seit Sonntag stehen dazu auch Mitglieder des Zivilschutzes im Einsatz. Sie rechnet mit einem Zeitaufwand von vier Monaten.

Trotz allem versucht Irma Jordi, nur Positives aus den letzten Tagen mitzunehmen. «Wir lernen durch diesen Vorfall, auf einem anderen Niveau miteinander umzugehen. Und uns wird einmal mehr vor Augen geführt, welchen Luxus wir eigentlich haben.»

Unwetter-Plünderer unterwegs

Unwetter-Plünderer unterwegs

Diebe versuchen, aus dem grossen Unwetter Profit zu schlagen. Uerkheim hat deshalb eine private Sicherheitsfirma aufgeboten. Das Alterszentrum Blumenheim in Zofingen hat ebenfalls Sicherheitskräfte aufgeboten: Am Sonntag war ein Mann in eines der Gebäude eingedrungen und versuchte, zu stehlen (im Video ab 1:25).