Alter

Kein Rückzug in den Schaukelstuhl: Diese Aargauer haben mit über 60 ganz neue Interessen entdeckt

Nach der Pensionierung beginnt für viele ein neues Leben, dass auch viele Chancen bergen kann.

Nach der Pensionierung beginnt für viele ein neues Leben, dass auch viele Chancen bergen kann.

Sie engagieren sich ehrenamtlich, pflegen und betreuen Angehörige oder leisten Nachbarschaftshilfe. Oder sie spielen in einer Jazzband, entdecken Volleyball für sich und lernen den Ehepartner von einer neuen Seite kennen. Sie, das sind Menschen in der dritten Lebensphase.

In den Jahren vor und nach der Pensionierung beginnt für sie ein neues Leben, das zwar Leidvolles bergen kann, aber auch ebenso viele Chancen. Genau darum ging es an der Veranstaltung «Zeit für Neues – Inspiration 60+», die am Samstag in Aarau stattfand.

«Kitt unserer Gesellschaft»

Der Anlass, organisiert von der Fachstelle Alter und Familie, von der Fach- und Vermittlungsstelle für Freiwilligenarbeit Benevol Aargau und vom Aargauischen Seniorenverband, war eine Premiere. Rund 70 Gäste lauschten der Rede von Beat Bühlmann, dem ehemaligen «Tagesanzeiger»-Journalisten und Gerontologen. Mit den einleitenden Worten: «Seit zwei Jahren lebe ich von einem bedingungslosen Grundeinkommen», hatte der 67-Jährige das Publikum gleich im Sack. Er sprach über die neue Freiheit, ornithologische Streifzüge zu unternehmen und alte Handschriften lesen zu lernen. Aber auch von der gesellschaftlichen Verantwortung, die Pensionierte tragen. «Die Freiwilligenarbeit ist der Kitt unserer Gesellschaft», sagte Bühlmann. «Sie könnte zu einer Schlüsseltugend des 21. Jahrhunderts werden.»

Wer schliessend die Kurzreferate von Robert Zimmermann (Reusspark), Ruth Blum (Seniorenrat Region Baden), Kurt Wolf (Hobbymaler) und Denise Moser (Innovage Schweiz) über ihr Engagement hörte, war geneigt, Beat Bühlmann sofort zuzustimmen. Auch die Zahlen sind deutlich: Im Kanton Aargau leisten 56'000 Personen jährlich insgesamt zwölf Millionen Stunden Freiwilligenarbeit.

Als letzter Referent trat alt Regierungsrat Peter C. Beyeler ans Mikrofon. Der 73-Jährige erzählte, wie er seine Frau nach der Pensionierung ganz neu kennen gelernt hat: «Als Regierungsrat war ich im Extremfall 100 Stunden pro Woche fort von zu Hause.» Später hätten sie neue Gemeinsamkeiten gefunden. Es sei wichtig, «gwunderig» zu bleiben.

Die grosse Schwierigkeit am Älterwerden, dass man vieles nach und nach nicht mehr machen kann, beschrieb Beyeler in einer Metapher: Jedes Hobby und jede Fähigkeit ist ein Ballon, doch mit der Zeit zerplatzen immer mehr Ballone. Zuerst das Rennen, dann das Töfffahren. Irgendwann auch das Malen, weil die Hand zittert. «Im Alter geht die Luft aus», so Beyeler. «Doch die Kunst besteht darin, frische Ballone aufzupumpen. Wer sich interessiert, wird immer neue Ballone finden.»

Das tun, was man will

Im Anschluss begegneten sich Publikum, Referenten und verschiedene Organisationen an Tischrunden. Am Tisch von Peter C. Beyeler sassen auch Babette Bircher, 77, aus Küttigen und Verena Rytz, 62, aus Künten. «Das Schönste an der dritten Lebensphase ist, dass ich endlich nur noch das tun kann, was ich tun will», sagte Bircher. «Alles andere brauche ich nicht mehr!»

Bei Verena Rytz steht der Übergang ins Pensionsleben noch bevor: «Ich will herausfinden, wie es andere geschafft haben – ohne sich bloss in den Schaukelstuhl zurückzuziehen.» Da ist Babette Bircher ein gutes Beispiel: Sie hat mit 70 das Volleyballspielen für sich entdeckt, geht ins Pilates und zum Pilze-sammeln in den Wald. Zusätzlich kocht sie regelmässig für Alleinstehende – den Zirkel hat sie vor Jahrzehnten selbst gegründet. Bircher und Rytz sind sich einig: Die Kontaktpflege im Alter ist enorm wichtig. «Man sollte sich nicht entmutigen lassen, wenn jemand zweimal eine Einladung absagt – sondern es einfach ein drittes Mal versuchen.»

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