Asyl
Kehrtwende: Kurdische Brüder, die im Aargau leben, dürfen nun doch in der Schweiz bleiben

Das Staatssekretariat für Migration wollte Ahmet (32) und Abdulkerim Talli (25) in die Türkei ausschaffen. Nun hat die Behörde das Wiedererwägungsgesuch gutgeheissen.

Noemi Lea Landolt
Drucken
Teilen
Ahmet und Abdulkerim Talli (v.l.) müssen die Schweiz nicht verlassen.

Ahmet und Abdulkerim Talli (v.l.) müssen die Schweiz nicht verlassen.

Britta Gut

Ahmet (32) und Abdulkerim Talli (25) sind 2017 aus dem kurdischen Flüchtlingslager Makhmur im Nordirak in die Schweiz eingereist und lebten seither in einer Asylunterkunft im Aargau.

Das Staatssekretariat für Migration (SEM) lehnte ihre Asylgesuche ab. Das Bundesverwaltungsgericht stützte diesen Entscheid. Die Brüder sollten die Schweiz bis am 24. Dezember 2020 verlassen. Man wollte sie in die Türkei ausschaffen.

Das machte ihnen Angst. Ahmet Talli sagte zur AZ: «Wenn wir in die Türkei zurückgehen, landen wir im Gefängnis oder sind tot.» Sein Bruder ergänzte:

Für die Türkei sind wir Terroristen.

Der türkische Staat sieht das Flüchtlingslager Makhmur als Basis der verbotenen kurdischen Partei PKK. In türkischen Medienberichten wurden Ahmet und Abdulkerim Talli denn auch als «PKK-Terroristen» oder «Terroristenbrüder» bezeichnet.

Ebenso wird in den Artikeln der staatsnahen Medien erwähnt, dass Familienmitglieder der beiden noch immer in den Reihen der PKK oder der bewaffneten kurdischen Miliz YPG aktiv seien.

Hüsnü Yilmaz, der Anwalt der beiden, sprach von einem «Justizirrtum, der dringend korrigiert werden muss». Er zweifelte nicht daran, dass die Brüder, sollten sie in die Türkei ausgeschafft werden, dort vom türkischen Staat verfolgt werden.

B-Bewilligung statt Ausschaffung

Am 14. Dezember reichte er beim Staatssekretariat für Migration (SEM) ein Wiedererwägungsgesuch ein. Mit Erfolg. Das SEM hat den Fall der beiden Brüder noch einmal geprüft und hat Ahmet und Abdulkerim Talli als Flüchtlinge anerkannt. Sie erhalten eine B-Bewilligung.

Den Brüdern drohen «ernsthafte Nachteile»

Das SEM verweist in seinem Entscheid auf das Asylgesetz. Dieses hält fest, dass Personen, die in ihrem Heimatstaat oder Land unter anderem wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder solche Nachteile befürchten müssen, als Flüchtlinge gelten.

Ernsthafte Nachteile sind laut Gesetz die Gefährdung des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken.

Noch im Juli 2020 hielt das Bundesverwaltungsgericht mit Verweis auf den negativen Asylentscheid des SEM fest, die Brüder würden «keinerlei verfolgungsbedeutsames politisches Profil» aufweisen. Auch die geäusserte Furcht vor Inhaftierung und Folterung bei einer Rückkehr in die Türkei sei «objektiv in keiner Weise begründet».

Inzwischen sehen es die Behörden anders. Sie haben den von Anwalt Hüsnü Yilmaz angeprangerten «Justizirrtum» korrigiert.