A1 im Aargau
Kehrtwende im Bundesrat: Warum der Ausbau auf sechs Spuren früher als geplant kommt

Ursprünglich sollte die A1 im Aargau bis 2030 auf sechs Spuren ausgebaut werden. Dann stufte der Bundesrat das Projekt auf 2040 zurück, jetzt gilt wieder der Zeithorizont 2030. Warum die erneute Kehrtwende?

Mathias Küng
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Die A1 auf der West-Ost-Achse ist die mit Abstand meistgenutzte Autobahn der Schweiz. Vier von zehn Autobahnkilometern werden auf ihr zurückgelegt. Bei Neuenhof werden täglich durchschnittlich 130 000 Fahrzeuge gemessen. Stockender Verkehr und Staus werden immer häufiger. Die Stauzeit allein auf der A1 hat sich seit 2008 auf knapp 10 000 Stunden pro Jahr mehr als verdoppelt. Auf dem ganzen Autobahnnetz sind es 24 000 Stunden.

Ohne Gegenmassnahmen rechnet der Bundesrat damit, dass auf Abschnitten der Problemstufe 3 (wozu jetzt auch der Abschnitt Birrfeld–Aarau Ost zählt) bis 2040 täglich stockender Verkehr und Staus während zweier bis vier Stunden zu erwarten sind. Das Verkehrsaufkommen werde dannzumal auf rund 160 Kilometern des Autobahnnetzes (dazu zählt der Abschnitt im Aargau) die verfügbaren Kapazitäten um mindestens 20 Prozent übersteigen.

Als Hauptgrund sieht «Bern» die Überlagerung des überregionalen Verkehrs mit dem Ziel-, Quell- und Binnenverkehr der grossen Städte und Agglomerationen. Damit es nicht zum Kollaps kommt, will der Bundesrat rechtzeitig Gegensteuer geben.

372 Millionen für den Ausbau

Einst war geplant, den stark belasteten Vierspur-Abschnitt der A1 im Aargau bis 2030 auf sechs Spuren zu erweitern, um den kommenden zusätzlichen Verkehr aufzufangen, stufte ihn dann aber auf 2040 zurück. Ab 2014 kämpften die Kantone Zürich und Aargau gemeinsam für die Realisierung doch schon bis 2030. Später folgte eine gleichlautende Standesinitiative. Doch der Aargau blitzte ab.

Jetzt aber macht Bern kehrt. Neu soll diese Strecke im Aargau doch bis 2030 entschärft werden, wie an der Pressekonferenz des Bundesrates am Mittwoch bekannt wurde. Die Kosten dafür werden auf 372 Millionen Franken beziffert. Der Handlungsbedarf sei nicht nur auf dem Abschnitt zwischen Aarau Ost und Birrfeld, sondern bis Dietikon gross, schreibt der Bundesrat. Warum der erneute Schwenker?

«Voller Support aus der Region»

Verkehrsministerin Doris Leuthard sagte gegenüber der AZ, diese Frage gebe sie Jürg Röthlisberger, dem Chef des Bundesamtes für Strassen, weiter. Sonst, so die Aargauerin Leuthard, «heisst es, ich sei befangen». Ausschlaggebend war der Problemdruck auf der A1 im Aargau, so Röthlisberger. Man schaue jetzt einen längeren Zeithorizont an.

Prognosen für die weitere Bevölkerungs- und Verkehrsentwicklung seien die hauptsächlichen Treiber für diesen Entscheid. Röthlisberger: «Ein weiterer Grund ist das Projekt selbst. Es ist relativ gut unterwegs und hat ausserdem den vollen Support der Region.» Und es gebe Verbesserungen auf dem kantonalen Netz, «die sich zusammen mit unserem Projekt realisieren lassen». Röthlisberger ergänzte, der Kanton Aargau und das kantonale Baudepartement gäben «100 Prozent Support» für den Sechsspur-Ausbau.

Weitere – spätere – Projekte betreffen Wiggertal–Aarau Ost, die Strecke Birrfeld–Wettingen (inklusive einer vierten Röhre Bareggtunnel) sowie Wettingen– Dietikon. Diese sind planerisch aber erst im Frühstadium. Der Abschnitt mit der vierten Bareggröhre, der beim Bund jedoch erst in der Rubrik «weitere Realisierungshorizonte» rangiert, dürfte auf rund 564 Millionen Franken zu stehen kommen. Zeitlich schon eingegrenzt – Realisierungshorizont 2040 – ist das Projekt Wettingen–Dietikon. Hier rechnet der Bund mit Kosten von 243 Millionen Franken.

Im Weiteren ist bereits eine Studie zu einer grossräumigen Umfahrung Limmattal im Gang. Da braucht es aber noch etwas Geduld. Mit Ergebnissen ist laut Jürg Röthlisberger erst in ein, zwei Jahren zu rechnen.

Auch Rheinfelden auf dem Radar

Auf dem Radar hat der Bundesrat auch die A3. Im Raum Basel/Aargau/Basel-Landschaft ist mit Realisierungshorizont 2030 ein generelles Projekt für die Erweiterung der Autobahn zwischen Hagnau und Badischem Bahnhof geplant (inklusive Rheintunnel). Gleichzeitig oder kurz nach der Inbetriebnahme des Rheintunnels plant der Bund Erweiterungen zwischen den Verzweigungen Hagnau und Augst. Der Ausbau Augst– Rheinfelden für 44 Millionen Franken wird dem Realisierungshorizont 2040 zugeordnet.

Viele Vorstösse aus dem Aargau

Vorstösse für einen Ausbau der A1 auf sechs Spuren im Aargau hat es schon früh gegeben. SVP Nationalrat Ulrich Giezendanner verlangte dies beispielsweise 1995. Er blitzte damals in Bern aber deutlich ab. Davon unbeirrt enthält der Aargauer Richtplan seit 1996 einen Beschluss des Grossen Rates zur Trasseefreihaltung für einen Sechsspur-Ausbau.

Inzwischen ist die Grundsatzfrage politisch mehrheitlich geklärt. Es geht nur noch um den Zeitpunkt des Ausbaus. Die Aargauer Regierung setzte sich in Bern 2009 und 2013 sowie 2014 (siehe Timeline unten) für einen rascheren Sechsspurausbau ein. Eine von FDP-Vertreter Thierry Burkart initiierte Standesinitiative brachte zusätzlich Druck. Jetzt scheinen diese Anstrengungen Früchte zu tragen.

Chronologie – die wichtigsten Meilensteine seit der Eröffnung vor gut 50 Jahren:

1967: Eröffnung der A1 im Aargau 1956 schlug eine Volksinitiative der Automobilclubs eine Autostrasse auf der Ost-West-Achse vor. Am 10. Mai 1962 wurde die Grauholzautobahn als erstes Teilstück der damaligen N1 (heute A1) eröffnet. 1967 entstand mit der Strecke von Oensingen bis Hunzenschwil ein weiteres Stück Autobahn. Die Menschen warteten sehnlichst darauf, um die Ortschaften zu entlasten. Im Bild ein Plakat «Köl- liken dankt für die Autobahn».
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2004: Baregg-Engpass wird entschärft Das Verkehrsaufkommen auf der A1 ist im Mittelland und im Grossraum Zürich, zu dem Baden zählt, besonders gross. Bereits Ende der 90er-Jahre kam die A1 am Baregg an ihre Grenzen. Mit dem Bau einer dritten dreispurigen Tunnelröhre für die Fahrtrichtung Bern wurde dieser Flaschenhals beseitigt. Seither häufen sich die Verkehrsstaus allerdings am Gubristtunnel. Das Bild stammt von der Eröffnung der dritten Röhre.
2014: Zürich und Aargau für raschen A1-Ausbau Im Juni 2014 schlugen zwei Kantone Alarm: Die Baudirektoren Ernst Stocker (Zürich, links im Bild), und Stephan Attiger (Aargau, rechts) luden zu einer Medienkonferenz vor dem Gubristtunnel. Aufgrund des Lärmpegels konnten sie sich nur mit Megafon verständigen. Sie forderten angesichts des Verkehrswachstums den Ausbau der A1 zwischen Aarau Ost und Birrfeld nicht erst wie geplant 2040, sondern bis 2030.
2014: Grosser Rat fordert sechs Spuren bis 2030 Parallel zur Forderung der Baudirektoren erarbeitete der Grossrat (und heutige Nationalrat) Thierry Burkart eine FDP-Standesinitiative mit derselben Forderung. Der Grosse Rat schickte die Forderung an die eidgenössischen Räte. Die lehnten ab. Ein Türchen liess «Bern» offen: Falls aus Sicht des Bundes prioritäre Projekte anderer Kantone dereinst nicht baureif sein sollten, dasjenige im Aargau aber schon, könnte man es vorziehen.
2014: Doris Leuthard will nur Engpassbeseitigung Im Interview mit der «Schweiz am Sonntag» sagte Verkehrsministerin Doris Leuthard Ende August 2014, die gesamte A1 auf sechs Spuren auszubauen, sei nicht sinnvoll. Leuthard: «Wir müssen gezielt dort investieren, wo es die gravierendsten Engpässe gibt. Und das tun wir.» Der Aargauer Regierung habe sie gesagt, dass es etwa 15 Jahre dauere, um nur schon Bauvorhaben auf Kantonsgebiet baureif zu machen.
2017: «Kleiner» Ausbau auf sechs Spuren Die Ein- und Ausfahrten bei den drei Anschlüssen Aarau Ost, Lenzburg und Mägenwil werden verlängert. nBisher waren diese zwischen 100 und 260 Meter lang, was in den Stosszeiten zu stockendem Verkehr bei Einfahrten und und Rückstau auf die Autobahn bei Ausfahrten führte. Neu beträgt die Länge der Einfahrten bis zu 700 Meter, jene der Ausfahrten bis 1,3 Kilometer, abhängig von den jeweiligen örtlichen Gegebenheiten.

1967: Eröffnung der A1 im Aargau 1956 schlug eine Volksinitiative der Automobilclubs eine Autostrasse auf der Ost-West-Achse vor. Am 10. Mai 1962 wurde die Grauholzautobahn als erstes Teilstück der damaligen N1 (heute A1) eröffnet. 1967 entstand mit der Strecke von Oensingen bis Hunzenschwil ein weiteres Stück Autobahn. Die Menschen warteten sehnlichst darauf, um die Ortschaften zu entlasten. Im Bild ein Plakat «Köl- liken dankt für die Autobahn».

AZ/Archiv