Es ist Montag. Die nächsten sieben Tage wird Staatsanwalt Alain Lässer nie Feierabend haben. Egal, zu welcher Unzeit der Anruf kommt, wenn er kommt, muss Lässer bereit sein. Der Klingelton wird ihn aus dem Schlaf reissen. Er wird den Anruf entgegennehmen und das tun, was er in solchen Fällen immer tut. Aufstehen, die Treppe runtersteigen, in die Küche gehen, das Licht anmachen, Block und Stift zur Hand nehmen, notieren, was der Polizist am Telefon erzählt. Am Schluss das Gehörte wiederholen. Sich vergewissern, dass er im anfänglichen Halbschlaf alles richtig verstanden hat.

Alain Lässer hat Pikett-Dienst. Das gehört zum Job. Bei der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau hat jeder etwa acht bis neunmal pro Jahr eine Pikett-Woche. Es sind spezielle Wochen. Pikett heisst verzichten. Verzichten auf Kebab mit Zwiebeln und Knoblauchpizza zum Beispiel. Aus Rücksicht. «Es könnte ja sein, dass ich jemanden befragen muss», sagt Alain Lässer und lacht. Klingelt das Telefon, muss auch das Privatleben warten. «Das ist schon eine Einschränkung.» Er kann sich nicht fix verabreden und keine grossen Sprünge machen. Obwohl Sprünge bei ihm eher Flüge wären. Alain Lässer ist Hobby-Pilot. Er wollte das Fliegen schon immer lernen. Aus der Piloten-RS ist er jedoch rausgeflogen. «Zu Recht», wie er sagt. «Ich war ein Revoluzzer.» Er lacht. Den Pilotenschein hat er trotzdem gemacht und fliegt jetzt «alles mit einem Motor». Diese Woche wäre das Wetter perfekt, um abzuheben. «Da schmerzt einem schon das Herz. Aber so ist das halt», sagt er, klingt dabei aber nicht ausserordentlich wehmütig. Lässer mag es, Pikett-Dienst zu haben. Nicht zu wissen, was passiert. Ob überhaupt etwas passiert.

Der Tod gehört dazu

Die Polizisten müssen ihn bei grösseren Fällen umgehend informieren. Zum Beispiel bei einem Tötungsdelikt, einer krassen Verkehrsregelverletzung, einer Vergewaltigung oder Geiselnahme. Auch über Grossbrände, Explosionen oder Chemie-Unfälle muss der Staatsanwalt sofort Bescheid wissen. Oder wenn Schusswaffen im Spiel sind – das gilt auch für den Fall, dass Polizisten ihre Dienstwaffe brauchen würden.

Solche Ereignisse sind in der Regel selten. Normalerweise klingelt das Telefon, weil es die Notwendigkeit von Zwangsmassnahmen abzuklären gilt. Lässer muss Beschlagnahmungen, Hausdurchsuchungen, Blut- und Urinproben anordnen oder gar Untersuchungshaft prüfen. Wobei er Letztere nach Ablauf von 48 Stunden beim Haftrichter beantragen muss. Als Staatsanwalt darf er keine Scheu haben, solche Anordnungen zu treffen. «Es ist wichtig, dass ich entscheide. Genauso wichtig ist, dass ich den betroffenen Personen den Entscheid zustelle und sie darauf hinweise, dass sie sich wehren können.» Eine Zwangsmassnahme sei immer ein Eingriff in die Privatsphäre. «Aber es kann nötig sein. In diesem Moment geht es mir darum, einen Zustand einzufrieren. Es dürfen keine Beweise verschwinden.»

Um 22 Uhr klingelt das Telefon das erste Mal. Verkehrsunfall in Aarau. Ein 29-Jähriger hat eine Ampel umgefahren und wurde dabei verletzt. Das alleine wäre noch kein Grund, den Staatsanwalt anzurufen. Aber der durchgeführte Atemalkoholtest ergab einen Wert von über 2 Promille. Zudem gab der Lenker gegenüber der Polizei an, am Abend zuvor gekifft und Medikamente eingenommen zu haben. Alain Lässer ordnet eine Blut- und Urinprobe an. Während der fehlbare Autofahrer in einen Becher pinkeln muss und ihm Blut entnommen wird, ist der Fall für den Staatsanwalt nach dem Telefonat vorerst abgeschlossen. Er wird die mündlich ausgesprochene Verfügung noch schriftlich ausformulieren. Aber das pressiert nicht.

Wenn Alain Lässer sagt, er habe gerne Pikett-Dienst, meint er nicht unbedingt diese Anrufe. Er meint die anderen. Wenn er nach dem Auflegen die schwarze Ledertasche mit dem Pikett-Ordner drin über die Schulter hängt und ins Auto steigt. Vor Ort geht. Lebenssachverhalt, nennt er das, was er antrifft. Die Pikett-Einsätze sind für den Staatsanwalt eine willkommene Abwechslung zum Aktenstudium. Er arbeitet gerne mit der Polizei zusammen. Mit der Rechtsmedizin. Liebt es, in einen Fall einzutauchen. Zu überlegen, was die nächsten Schritte sind.

Schlafen nicht vergessen

Im Kofferraum seines Autos liegt griffbereit eine weitere Tasche mit Gummistiefeln, einer alten Winterjacke, einem Spurensicherungsanzug, Handschuhen und einer Mütze. «Man muss auf alles vorbereitet sein.» Lässer stand schon mitten in der Nacht bei eisiger Kälte mehrere Stunden auf einem Waldweg, weil dort ein toter Mann in einem Auto gefunden wurde. Die Untersuchung des Toten durch die Kriminalpolizei und den Rechtsmediziner kann sich in die Länge ziehen. Damit ein Staatsanwalt entscheiden kann, ob er eine Leiche freigibt, müssen die Spezialisten die tote Person genau untersuchen. Sie dürfen nichts übersehen, weil sonst womöglich ein Gewaltverbrechen für immer unentdeckt bliebe.

Lässer rechnet mit einem solchen aussergewöhnlichen Todesfall auch in der Woche mit der AZ. Solche Einsätze – meistens mehrere pro Woche – seien typisch. «Sie gehören zum Pikett-Dienst dazu.»

Ausrücken mitten in der Nacht macht müde. Genauso die Anrufe. Da hilft auch ein Energy-Drink nur bedingt. Deshalb schläft Alain Lässer nach einer anstrengenden Nacht am Nachmittag ein paar Stunden oder bleibt am Morgen länger liegen. Er will fit sein. Er muss. Er darf nicht übermüdet einen Unfall bauen oder einen juristischen Fehler begehen. Es wäre fatal. Würde er sich zu müde fühlen, um selber an einen Tatort zu fahren, liesse sich der Staatsanwalt zu Hause von der Polizei abholen. Dazu kam es aber noch nie. Der Job zwinge einen dazu, das zu tun, was allen Menschen guttun würde, sagt Alain Lässer. «Auf sich zu hören und auf seine Gesundheit Acht zu geben.»

Vorerst ist Schlafmangel aber kein Problem. «Es läuft diese Woche weniger als normal», sagt Alain Lässer am Mittwoch am Telefon fast schon entschuldigend. Für ihn heisst das: Er kümmert sich um das Tagesgeschäft. Bearbeitet die Dossiers, die sich auf seinem Pult stapeln, hat ein offenes Ohr für den Assistenz-Staatsanwalt. Am Abend zieht er die Bürotür hinter sich zu und fährt nach Hause. Während er das tut, ahnt er nicht, dass er schon am nächsten Abend anrufen und sagen wird: «Wir müssen ausrücken. Es gibt einen Todesfall.»