Frühverlorene Kinder

Kaum gelebt, nie vergessen: Dieses Team stiftet Hoffnung bei unermesslichem Schmerz

Geben betroffenen Eltern und Angehörigen einen Ort zum Trauern: Franziska Schär, Edwin Rutz, Paola Suter und Franziska Tschopp (von links).

Geben betroffenen Eltern und Angehörigen einen Ort zum Trauern: Franziska Schär, Edwin Rutz, Paola Suter und Franziska Tschopp (von links).

Für Eltern, deren Kind in der Schwangerschaft oder kurz danach stirbt, bricht eine Welt zusammen. Seit vielen Jahren bietet ein Team von Spitalseelsorgern, einer Frauenärztin und einer Hebamme einen Ort, um gemeinsam zu trauern und neue Kraft zu schöpfen.

Manche nennen sie Sternenkinder, andere Engels- oder Schmetterlingskinder. Es sind schöne Namen für das, was Eltern zugleich so erschüttert. Denn die Begriffe stehen für Kinder, die während der Schwangerschaft, bei der Geburt oder kurz danach verstorben sind.

Diese Kinder werden ihren Eltern nie ihr erstes Lächeln schenken, ihre ersten Schritte gehen oder ihre ersten Worte sagen. Und dennoch werden sie für immer einen Platz im Herzen von Mama und Papa haben.

Paola Suter begleitet das Thema frühverlorene Kinder seit vielen Jahren. Die frei praktizierende Hebamme aus Widen hat während ihrer Laufbahn Hunderten Eltern bei der Geburt ihrer Kinder zur Seite gestanden – und neben unzähligen glücklichen eben auch zutiefst traurige Momente miterlebt. 

Gemeinsam trauern und Abschied nehmen

Fehl- und Stillgeburten galten in der Gesellschaft lange Zeit als Tabuthema. Oft wurden tot geborene Kinder sogar direkt aus dem Kreissaal gebracht. Mutter und Vater bekamen das kleine Wesen nie zu Gesicht. «Es gab damals kaum Möglichkeiten für Eltern, Abschied von ihrem Kind zu nehmen», erinnert sich Suter. Auch der Wunsch nach einer längeren Auszeit nach dem schweren Verlust wurden nicht selten mit Sprüchen wie «es hat ja gar nie richtig gelebt» abgetan.   

Dass über das Thema heute intensiver gesprochen wird, beruht nicht zuletzt auf einer Begegnung. Gut zwei Jahrzehnte ist es her, dass Paola Suter Karin Klemm kennenlernte. Die Seelsorgerin im Kantonsspital Baden half damals vielen Menschen, die ihre Kinder verloren hatten, bei der Trauerbewältigung. Wie Suter war es auch Klemm ein Anliegen, endlich einen Rahmen zu schaffen, in dem Eltern und Angehörige Abschied nehmen und gemeinsam trauern können.

Zusammen mit Paola Suter und der Frauenärztin Franziska Tschopp rief sie eine der ersten Trauerfeiern für frühverlorene Kinder ins Leben. Gemeinsam mit einem reformierten Pfarrer definierte das Team jeweils ein Leitthema für die Zeremonie, überlegte sich verschiedene Trauerrituale und suchte nach passenden Texten, Gedichten und Musik zur Untermalung der Feier.

«Wir waren überrascht, wie viele Besucher zur ersten Trauerfeier vor 17 Jahren erschienen sind», erklärt Suter. Die Hebamme erinnert sich insbesondere an ein Paar, das schon über 70-jährig war: «Die beiden verloren ihr Kind bereits vor Jahrzehnten, hatten aber in all den Jahren nie einen Platz, an dem sie trauern konnten.» 

Viel Dankbarkeit zu spüren

Heute besuchen jährlich zwischen 50 und 80 Leute die Trauerfeiern in der reformierten Kirche in Baden. Und auch das Team hat im Lauf der Jahre Zuwachs bekommen. Auf die mittlerweile ausgetretene Karin Klemm folgte Franziska Schär, Seelsorgerin im Kantonsspital Aarau und Edwin Rutz, Seelsorger im Kantonsspital Baden.

Seit einigen Jahren werden die Zeremonien auch nicht mehr von einem Pfarrer geleitet. Die Feier soll Menschen aller Konfessionen offen stehen. Auch Kinder sind an den Trauerfeiern ausdrücklich erwünscht, wie Paola Suter erklärt. «Deren Anwesenheit kann für manche Betroffene zwar hart sein. Viele finden aber genau das schön, wir wollten sie von Anfang an nicht einfach ausschliessen.»

Franziska Schär erinnert sich auch an Familien, die einst Kinder in der Schwangerschaft verloren haben und dann mit ihren später lebend geborenen Kinder zur Feier kamen. «Es ist schön für uns zu sehen, dass das Leben dieser Familien trotz des Schicksalsschlags weitergeht», so die Spitalseelsorgerin.       

Wichtige Pionierarbeit

Überhaupt sei die Stimmung an den jährlichen Feiern nicht nur traurig oder bedrückend, wie Edwin Rutz erklärt. «Vielmehr ist auch immer Dankbarkeit zu spüren, sich gemeinsam mit anderen Betroffenen an sein verstorbenes Kind erinnern zu dürfen.» Manche Familien nehmen seit über 12 Jahren immer wieder an den Feiern teil und haben daraus längst ein festes Trauerritual gemacht.

Unabhängig davon, in welcher Schwangerschaftswoche ein Kind gestorben ist oder wie lange nach seiner Geburt es aufgehört hat zu atmen: Es war ein Mensch, an den man sich erinnern darf. Und dank der wichtigen Pionierarbeit des Teams um Paola Suter schöpfen Betroffene dabei zeitgleich Kraft und Hoffnung für die Zukunft.     

Trauerfeier für frühverlorene Kinder: Sonntag, 24. November 2019 um 17.00 Uhr in der Reformierten Kirche Baden (beim Bahnhofplatz).    

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