Kathrin Scholl, die stellvertretende Geschäftsführerin des Aargauischen Lehrerinnen- und Lehrerverbandes (ALV), hat eine klare Meinung zum Verhalten des freigestellten Wettinger Lehrers. «Eine solche Beziehung ist aus Sicht unseres Verbandes inakzeptabel – das geht einfach nicht, auch wenn die Schülerin schon volljährig ist wie an einer Kantonsschule», sagt Scholl. Der Lehrer verletze mit einem solchen Verhältnis seine Fürsorgepflicht massiv und verstosse gegen die Standesregeln für Lehrpersonen.

Die Regeln wurden vom Schweizerischen Lehrerinnen- und Lehrerverband (LCH) erlassen und enthalten unter anderem diese beiden wichtigen Leitsätze: «Die Lehrperson darf ein Abhängigkeitsverhältnis, das sich aus der schulischen Tätigkeit ergibt, in keiner Weise missbrauchen.»

Und: «Sexuelle Handlungen mit Schülerinnen und Schülern sind selbst dann strengstens verboten, wenn dazu vonseiten der Kinder oder Jugendlichen eine Bereitschaft oder gar der Wunsch vorhanden ist oder scheint.»

Dies gilt gemäss dem Leitsatz des Schweizerischen Lehrerverbands auch für Jugendliche über dem gesetzlichen Schutzalter von 16 Jahren, «wenn die pädagogische Beziehung durch eine Abhängigkeit der Lernenden und den Reife- bzw. Urteilsvorsprung ihrer Lehrperson charakterisiert ist».

Auf diese Standesregeln als Grundlage für das korrekte Verhalten von Lehrpersonen verweist auch das kantonale Bildungsdepartement. Auch der Aargauische Lehrerverband hat einen Beitrag zum Vorgehen beim Verdacht auf sexuelle Übergriffe von Lehrern publiziert. Tatsächliche Übergriffe kämen zum Glück sehr selten vor, häufiger seien Gerüchte und falsche Anzeigen.

Das Vorgehen bei Verdacht auf sexuelle Übergriffe sei oft durch Hilflosigkeit und Fehlreaktionen geprägt. Für den Verband ist klar: Hält sich ein Lehrer nicht an das Verbot sexueller Kontakte mit Schülerinnen, muss dies entschieden geahndet werden.

«Eine solche Person ist aus dem Beruf zu eliminieren», heisst es in dem Beitrag unmissverständlich. Sei ein Lehrer zu Unrecht beschuldigt worden, stünden die verantwortlichen Schulbehörden in der Pflicht, «für nachhaltige, volle Rehabilitation der Betroffenen zu sorgen».

Dem Lehrerverband seien Fälle bekannt, «in denen das Vorgehen der Schulleitung oder der Schulbehörden schieflief». Die Folgen davon könnten schlimm sein – für die Schülerinnen und Schüler bei fälschlicherweise unterlassenen Interventionen, für die Lehrpersonen bei fälschlicherweise erfolgenden Sanktionen und durch Rufschädigung.

Kathrin Scholl sagt, aus ihrer Sicht habe die Schulleitung in Wettingen im aktuellen Fall richtig gehandelt. «Wenn ein konkreter Verdacht vorliegt, dass ein Lehrer die Integrität einer Schülerin verletzt hat, muss sie diesen freistellen.»

Kanti Wettingen will eigenen Verhaltenskodex erarbeiten

Mit der Freistellung könne der Ruf des Lehrers zwar Schaden nehmen, ihm entstehe aber kein finanzieller Ausfall. Dass sich die Kantonsschule Wettingen vom beschuldigten Lehrer getrennt hat, war für Scholl unumgänglich: «Er hat sich zwar offenbar nicht strafbar gemacht mit seinem Verhalten aber wohl gegen ethische und moralische Grundsätze verstossen, die eine weitere Zusammenarbeit unmöglich machten».

Kathrin Scholl war selber an der Erarbeitung einer Broschüre des Schweizerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbandes zum Thema beteiligt. Der Leitfaden enthält Fallbeispiele, an den sich die Schulen orientieren können.

Scholl sagt, im aktuellen Fall habe sich die Schule korrekt verhalten, die Kommunikation sei jedoch schlecht gelaufen. «Die Schulleitung und der Lehrer hätten sich auf eine gemeinsame Kommunikation einigen sollen, die für Eltern und Öffentlichkeit klarer gewesen wäre.» Dabei gehe es keineswegs darum, den konkreten Fall und die Vorwürfe gegen den beschuldigten Lehrer in allen Details zu schildern.

«Aber man hätte mindestens sagen können, dass der Verdacht vorliege, dass der Lehrer Standesregeln verletzt und Grenzen im Verhältnis zu Schülerinnen überschritten habe, was nun rechtlich geklärt werde.»

Paul Zübli, der Rektor der Kantonsschule Wettingen, ist der Meinung, das Problem verbotener Beziehungen von Lehrern mit volljährigen Schülerinnen sei in der Vergangenheit zu wenig beachtet worden. Zübli kündigt an, in Wettingen würden sich die Schulverantwortlichen nach dem aktuellen Fall «der Erarbeitung eines Verhaltenskodex unter Beizug einer externen Fachstelle zuwenden».