«Wo sind die Jungen?», fragte die AZ vor den jüngsten Gemeinderatswahlen im Aargau. Dort sind nämlich nur wenige unter 35-Jährige, selbst die 35- bis 45-Jährigen sind untervertreten. Untersuchungen zeigen, dass bei Gemeinderäten eine hohe Fluktuation herrscht. Hauptgründe, um das Amt vorzeitig abzugeben, waren in der letzten Legislatur laut Gemeindestrukturbericht 2017 des Kantons Aargau in 85 von 200 Fällen beruflicher Art, 45 hatten persönliche, 35 gesundheitliche Gründe, 15 wechselten den Wohnort.

Ein der AZ vorliegender Vorstoss, der an der nächsten Grossratssitzung eingereicht wird, zeigt ein zusätzliches Problemfeld auf. Ein Milizamt kann nämlich gar zum Karrierekiller werden. Einreichen wird den Vorstoss die junge FDP-Grossrätin Jeanine Glarner, seit einigen Monaten auch Gemeinderätin in Möriken-Wildegg. Sie musste bei der Suche nach einer neuen Stelle immer wieder feststellen, «dass das politische Engagement ein Hinderungsgrund für eine Anstellung sein kann und heute seitens Arbeitgeber enorm auf Diplome von Weiterbildungslehrgängen gesetzt wird».

Zeit für Weiterbildung fehlt

Wenn man aber aufgrund des Miliz-Einsatzes auch an Abenden und Wochenenden nicht auch noch Zeit für eine berufsbegleitende Weiterbildung hat, habe man einen zusätzlichen Nachteil gegenüber der «Konkurrenz» auf dem Arbeitsmarkt, sagt Glarner. Diese Erfahrung hat sie selbst gemacht. Und dies, obwohl Milizpolitiker – wie sie kopfschüttelnd darlegt – «gerade in Gemeinderäten wohl mehr lernen und angewandtes Wissen mitbringen als manch ‹theoretische Weiterbildungsabsolventen›».

Glarner will deshalb die Regierung beauftragen, zusammen mit der Fachhochschule Nordwestschweiz oder mit anderen Hochschulen Möglichkeiten zu prüfen, wie man ehrenamtliche politische Tätigkeit an Weiterbildungslehrgängen an Schweizer Hochschulen anrechnen lassen kann. Wenn Milizpolitiker einen solchen Weiterbildungslehrgang in kürzerer Zeit absolvieren könnten, brächte dies eine Attraktivitätssteigerung, ist sie überzeugt. Als Vorbild für ihren Vorstoss verweist sie auf Milizoffiziere, die sich ihre im Militär angeeigneten Fähigkeiten für die Weiterbildung anrechnen lassen können.

Aber war eine Kollision mit dem Beruf nicht zu befürchten? Sie sei von Kolleginnen und Kollegen gefragt worden, wie sie das unter einen Hut bekomme und dass ihr das beruflich nichts bringe, antwortet Glarner. Dieses Engagement liege ihr aber am Herzen: «Man lernt jeden Tag etwas Neues dazu.» Sie würde trotz den Erfahrungen bei der Stellensuche bei einer Anfrage wieder zusagen.

Entschädigung ist nicht alles

Sie mache es gern, und man eigne sich dabei wirklich Fähigkeiten in Management, Kommunikation, Finanzen, Projektmanagement, Personalführung etc. an. Aber eben: Dieses Engagement ist aufwendig und geht meist einher mit einer Reduktion des Arbeitspensums. Auch Glarner hat ihr berufliches Pensum auf 80 Prozent reduziert.

Sie stört sich daran, dass der Wert dieses Engagements «in den letzten Jahren ausschliesslich im Zusammenhang mit einer angemessenen Entschädigung von Gemeinderätinnen und Gemeinderäten diskutiert» worden sei. Eine solche sei natürlich ein Thema. Insbesondere für die 30- bis 40-Jährigen sei allerdings entscheidender, «dass sich das politische Engagement oft als beruflicher ‹Karrierekiller› erweist». Aus Gesprächen weiss sie, dass andere dasselbe Problem haben. Viele ambitionierte Berufsleute seien daher nicht für ein Milizamt zu gewinnen, ist Glarner überzeugt.

Das Problem sei nicht nur die fehlende Zeit für Weiterbildung. Wer ein Milizamt hat, müsse meist das Berufspensum reduzieren. Kaderstellen werden aber meist mit Leuten besetzt, die Vollzeit arbeiten und nicht zwischendurch für Miliztermine weg müssen. Glarner: «Bei einem Stellenwechsel oder beim Bewerben um eine Führungsposition erweist sich dies als eindeutiger Nachteil.» Wenn man Milizarbeit an eine Weiterbildung anrechnen und dazu Diplome vorweisen könnte, hofft Glarner, dass so ein Amt «der stetig notwendigen beruflichen Weiterbildung nicht im Wege steht, sondern dass man gar für die berufliche Weiterbildung einen konkreten Vorteil bekäme».