Im Oktober 2016 wurde Karin Bertschi (SVP) mit einem Glanzresultat ins Aargauer Parlament gewählt. Für die junge Recycling-Unternehmerin war das ein Jubeltag – doch eine Aussage an jenem Wahlsonntag ärgert sie offenbar noch heute. 

Dazu äusserte sie sich im "TalkTäglich", in dem sie auch erstmals vom schweren Unfall ihres Bruders erzählte, der dabei fast verstorben wäre. "Sie ist jung, fotogen und ein kleiner Medienstar geworden in diesem Jahr – und in dieser Kombination reicht es." Mit diesem Satz hatte der Politologe Mark Balsiger ihren Wahlsieg kommentiert.

Bertschis Reaktion: Erst lacht sie. Dann spricht sie mit ernstem Blick zu Moderator Rolf Cavalli: "Ist Herr Balsiger nur frustriert, weil er als Mann geboren wurde, keine blauen Augen und Rapunzelhaare hat?" Und fügte an: "Aber wenn seine These wahr wäre, müssten im Grossen Rat ja lauter Miss-Schweiz-Kandidatinnen sitzen."

«Bis 23 war ich ein flatterhaftes Huhn»

Karin Bertschi schildert die Wende in ihrem Leben: den Unfall ihres Bruders.

Mehr Respekt erwartet

Das Politisieren im Grossen Rat hat sie als "komplett neue Welt" wahrgenommen. Als Unternehmerin sei sie es gewohnt, offen miteinander zu reden und Entscheide relativ zackig zu fällen. In der Politik erhalte man dagegen Riesenstapel an Dossiers und es werde unheimlich viel geredet. Erwartet hätte sie auch mehr Respekt im Grossratssaal. "Scheinbar ist es normal, dass die Leute den 'Blick' lesen oder am Laptop schreiben." Auch nach einem Jahr scheint sie sich daran noch nicht gewöhnt zu haben. 

"Sind Sie von der Politik ernüchtert?", fragte Rolf Cavalli die SVP-Politikerin daraufhin. "Ernüchtert bin ich ganz sicher", antwortete sie wie aus der Pistole geschossen. Nichtsdestotrotz gefalle ihr die politische Tätigkeit, denn: "Wo hat man sonst so viele Möglichkeiten zum Mitgestalten?"

Dabei schreckt sie auch nicht davor zurück, sich in der SVP-Fraktion eine abweichende Meinung zu leisten. Letzte Woche etwa stimmte sie in der Debatte zum Kantonsbudget 2018 – anders als die Fraktionskollegen – gegen den Kürzungsantrag zur Dargebotenen Hand (Telefon 143). "Bei diesem Posten konnte ich es nicht verantworten, dass man spart." Damit gehörte sie zur Mehrheit – der Grosse Rat beschloss nach emotionaler Diskussion mit 72 zu 53 Stimmen, dass das Hilfsangebot weiterhin 50'000 Franken pro Jahr aus der Kantonskasse erhält. (pz) 

Karin Bertschi: Von der Müllkönigin zur SVP-Hoffnungsträgerin

Karin Bertschi ist als Aargauer «Reyclingkönigin» bekannt. Mit der Wahl in den Aargauer Grossen Rat vor einem Jahr wurde sie zudem zur Hoffnungsträgerin der SVP.