Spitallandschaft
Kantonsspitäler schicken Patienten ungern in die private Hirslandenklinik

Das Kantonsspital Aarau schickt Herzpatienten für eine Operation offensichtlich lieber in das Universitätsspital Basel als zur Konkurrenz. Dies zum Teil sogar gegen den Wunsch der Patienten.

Urs Moser
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Medizinisch und politisch heikel: Herzoperation

Medizinisch und politisch heikel: Herzoperation

Hager/EQ Images

«Der Sonntag» berichtete: Der Aargau läuft Gefahr, im Standortwettbewerb um die Spitzenmedizin zu verlieren. Gesundheitsdirektorin Susanne Hochuli warnte: Es braucht weniger Gärtchendenken und mehr Koordination unter den Häusern, damit die Aargauer Spitallandschaft nicht zur Wüste wird.

Das Beispiel der Herzchirurgie zeigt, dass in der Realität genau das Gegenteil zu passieren scheint. Das Kantonsspital Aarau verfügt wohl über eine Kardiologie, führt aber keine Herzoperationen durch.

Das macht im Aargau nur die private Hirslandenklinik in Aarau. Sie ist auch auf der Spitalliste, Krankenkassen und Kanton kommen auch bei allgemein versicherten Patienten für Herzoperationen in der Klinik im Schachen auf.

Nur gut halb so viele Operationen

Das Kantonsspital Aarau schickt Herzpatienten für eine Operation aber offensichtlich lieber in das Universitätsspital Basel als zur Konkurrenz (die im speziellen Fall der Herzchirurgie gar keine ist) vor der eigenen Haustür.

Die Zahlen lassen keinen anderen Schluss zu: Letztes Jahr wurden in Basel 70 Bypass-, 73 Herzklappen- und 25 andere Herzoperationen an allgemein versicherten Patienten aus dem Kanton Aargau durchgeführt, insgesamt 168 Operationen.

In der Hirslandenklinik wurden 88 Operationen an Aargauer Patienten durchgeführt, also nur gut halb so viele. Ein grosser Teil der Fälle war in der eigenen Kardiologie abgeklärt worden, was den Eindruck verstärkt: Aarau und Baden weisen die wenigsten Patienten der Hirslandenklinik und die meisten dem Universitätsspital Basel zu.

Welche Gründe diese Praxis auch haben mag, im gesundheitspolitischen Interesse des Kantons kann sie kaum sein: Obwohl es eine Herzklinik mit besten Referenzen im eigenen Kanton gibt, muss er Steuergelder ans Rheinknie schicken, um die Basler Spital-Infrastruktur mitzufinanzieren. So will es das seit diesem Jahr geltende System der Spitalfinanzierung mit der freien Spitalwahl auch für die allgemein versicherten Patienten.

Ob die Wahl, das heisst die Abwanderung nach Basel, im Fall von Aargauer Herzpatienten immer aus so freien Stücken erfolgt, ist allerdings nicht so sicher.

Auf direktem Weg nach Basel

«Der Sonntag» hatte Einblick in Korrespondenz, in der sich Patienten darüber beklagen, dass ihnen die Operation in Basel aufgedrängt und von der Hirslandenklinik ausdrücklich abgeraten worden sei oder dass sie die von ihnen gewünschte Überweisung in die Hirslandenklinik gegen Widerstand durchsetzen mussten.

Dass man beobachtete, wie unlängst sogar ein Notfallpatient direkt vom Herzkatheter-Labor des Kantonsspitals Aarau mit dem Rettungshelikopter zur Operation nach Basel geflogen und nicht in die Klinik im Schachen in unmittelbarer Nähe eingewiesen wurde, war natürlich nicht dazu angetan, den Eindruck des Hirslanden-Managements zu zerstreuen, man werde ganz bewusst «geschnitten».

Da am Dienstag ein Gespräch mit den Spitzen der Kantonsspitäler stattfindet, an dem wieder einmal die Möglichkeiten für eine bessere Abstimmung und Kooperationen nicht nur in der Herzchirurgie, sondern generell in der spezialisierten Versorgung ausgelotet werden sollen, bleibt Hirslanden-Direktor Philipp Keller aber diplomatisch: Bis jetzt sei man «auf keinen gemeinsamen Nenner gekommen, der diesen Namen wirklich verdient hätte».

Herzchirurg Wolfgang Bertschmann wird da deutlicher. Man sei im Kantonsspital wohl immer noch beleidigt, dass sich die Politik in den 90er-Jahren gegen den Aufbau einer eigenen Herzchirurgie ausgesprochen habe und nehme nun lieber in Kauf, dass die Hirslandenklinik von der Spitalliste gestrichen wird und der Kanton ganz ohne Herzchirurgie dasteht und im Standortwettbewerb um die Spitzenmedizin definitiv ins Abseits gerät.

Die Gefahr droht, wenn die Zuweisung von Herzpatienten durch die Kantonsspitäler noch abnehmen und man in der Klinik im Schachen unter eine kritische Grenze von Fallzahlen geraten sollte.

Kommt hinzu: Die Herzchirurgie bringt der Hirslandenklinik die nötigen Frequenzen, um eine eigene Intensivstation zu betreiben. Sind die Voraussetzungen dafür nicht mehr gegeben, könnte das auch andere Bereiche der hoch spezialisierten Medizin infrage stellen.

«Der Sonntag» wollte vom Kantonsspital Aarau wissen, wie man dort die Zuweisungspraxis begründet. Aufgrund der kurzfristigen Anfrage (sie erfolgte am Donnerstag) und Ferienabwesenheiten der Geschäftsleitung sah man sich aber nicht zu einer fundierten Stellungnahme imstande.

Schliesslich wurde nur Folgendes mitgeteilt: «Das Kantonsspital Aarau informiert seine Patienten über alle möglichen Optionen bezüglich Herzoperation, überlässt jedoch letztendlich den Entscheid, wo die Operation durchgeführt werden soll, dem Patienten respektive der Patientin.»