Noch am Donnerstag wollte das Kantonsspital Aarau keine Stellung nehmen zur Frage, ob Chefärzte sich unrechtmässig zu hohe Löhne verschaffen können. Gestern Freitag räumten die Verantwortlichen ein, dass ein solcher Fall vorgekommen ist - genau, wie es SVP-Fraktionschef Jean-Pierre Gallati vermutet hatte.

«Gibt es Möglichkeiten für Chefärzte, das elektronische Abrechnungs- und Leistungserfassungssystem zu manipulieren und zu ihren Gunsten zu verfälschen, dass sich ihre Honorarbezüge erhöhen? Gab es in der Vergangenheit solche Fälle?»

Das steht in einem Vorstoss, den Gallati am Dienstag im Grossen Rat einreicht. Andrea Rüegg, die Mediensprecherin des Kantonsspitals Aarau, teilte der AZ am Donnerstag auf Anfrage mit: «Wir können der Behandlung von parlamentarischen Vorstössen nicht vorgreifen. Dies wäre eine Umgehung des politischen Ablaufs.»

Inzwischen haben die Spitalverantwortlichen ihre Meinung geändert - auf der Website des Kantonsspitals Aarau fand sich am Freitagabend eine kurze Mitteilung mit dem Titel «SVP-Fraktionschef erhebt Manipulationsvorwürfe gegen Chefärzte».

Die Geschäftsleitung hält darin fest, dass das Spital die korrekte Leistungserfassung der Honorare in Stichproben wiederholt überprüft habe. In den letzten drei Jahren sei «ein Fall entdeckt und mit einer Rückzahlung sowie einer personalrechtlichen Massnahme geahndet» worden.

Viele Fragen bleiben offen

Unklar bleibt, wie hoch der Betrag war, den der Spitalarzt unrechtmässig bezog, ob es eine Strafanzeige gab, welche personalrechtlichen Massnahmen ergriffen wurden, und ob der Arzt weiterhin am Kantonsspital Aarau arbeitet.

Zu all diesen Fragen könne sie aus personalrechtlichen Gründen keine Angaben machen, sagt Sprecherin Rüegg auf Anfrage. Sie hält aber fest, der betreffende Arzt habe den Betrag damals umgehend und vollumfänglich zurückbezahlt. «Dadurch ist niemandem ein finanzieller Schaden entstanden, auch dem Kantonsspital Aarau nicht.»

Sie sagt weiter, die Manipulation sei bei einer spitalinternen Kontrolle entdeckt worden. Doch warum bezieht sich das Spital in seiner Mitteilung nur auf die letzten drei Jahre?

Die Ablösung des alten Abrechnungssystems, also der Software, mit der medizinische Leistungen erfasst werden, sei vor drei Jahren eingeleitet worden und inzwischen vollzogen, erklärt Rüegg.

«Deshalb bezieht sich der Beobachtungszeitraum auf diese Periode.» Die Sprecherin ergänzt, unabhängig vom nun publik gewordenen Manipulationsfall plane das Kantonsspital Aarau seit längerem, auf Beginn des kommenden Jahres ein neues Vergütungssystem für Chefärzte und Leitende Ärzte einzuführen. Dieses soll regeln, wie sich die Gesamthonorare zusammensetzen, die aus mehreren Elementen bestehen. Und es soll künftig keine Rolle mehr spielen, wie viele Behandlungen ein Arzt vornimmt.

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Schützenhilfe bekommt Gallati von CVP-Nationalrätin Ruth Humbel. Sie will zudem auch Einsicht in die Lohnlisten privater Spitäler.

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