Luftrettung
Kantonsspital Aarau kritisiert aufgeblasene Luftrettung mit «unnötigen Flügen»

Die Ärzte des Kantonsspitals Aarau beobachten die Zunahme der Rettungsflüge, seit der TCS mitmischt, mit Argwohn. Die Kosten dafür habe die Allgemeinheit zu tragen. Medizinisch sei das nicht erklärt, so Notfall-Chefarzt Ulrich Bürgi.

Thomas Röthlin
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Der TCS-Rettungsheli startet vom Birrfeld aus.Annika Bütschi

Der TCS-Rettungsheli startet vom Birrfeld aus.Annika Bütschi

Annika Bütschi

Die Luftrettung im Kanton Aargau hat diese Woche erneut zu reden gegeben. Harte Worte fielen sowohl in der «Aargauer Zeitung» als auch im Grossen Rat. Seit auf Geheiss des Gesundheitsdepartements der im Aargau stationierte Rettungshelikopter des Touring-Club Schweiz (TCS) der alteingesessenen Rettungsflugwacht (Rega) vorgezogen wird, ist Feuer im Dach.

Kommerzielle Absichten

Kritische Voten in den Leserbriefspalten der «az» zur Folge hatte ein Interview mit Regierungsrätin Susanne Hochuli vom 8. November. Darin verteidigte sie erstmals persönlich ihren provisorischen Entscheid vom April, den sie im Juli als definitiv erklärt hatte, und zeigte sich überzeugt, die neue Konkurrenz trage zum Patientenwohl bei. «Frau Hochuli spürt nicht mehr, worum es der Bevölkerung geht», glaubt ein Leser. Ihre Äusserungen könnten die «kommerziellen Absichten» des TCS «nicht verbergen». Ein anderer wirft der Gesundheitsdirektorin vor, sie habe sich unter dem «medialen Druck» zu dieser Bevorzugung «drängen lassen».

Ende März sorgte die Berichterstattung über einen tödlichen Unfall für Aufsehen (siehe Box). Damals wurde der TCS-Heli einer breiten Öffentlichkeit überhaupt erst bewusst.

Wie der gelbe Heli im Birrfeld bei der REga fÜr rote Köpfe sorgte

Ursprünglich für die Verlegung von Patienten zwischen Spitälern gedacht, verfügt der abgebildete Helikopter der TCS-Partnerfirma Alpine Air Ambulance (AAA) seit August 2012 über eine kantonale Rettungsdienstbewilligung.

Der gelbe Heli vom Typ Eurocopter EC 135 ist seit dem Frühjahr 2012 auf dem Flugplatz Birrfeld stationiert. Die Rega mit ihren roten Helikoptern hat keine Basis im Aargau. Ende März 2013 flog sie aus Basel nach Windisch zu einem Einsatz, obwohl die AAA eine viel kürzere Anflugzeit gehabt hätte. In der Folge entbrannte ein Streit um die Luftrettung, weil das Gesundheitsdepartement beschloss, dass bei dessen Verfügbarkeit ab sofort der TCS-Heli aufgeboten werden soll, wenn im Aarau etwas passiert (ausser im unteren Fricktal). Das passt der Rega nicht. Nicht nur sei die Konkurrenz weniger gut ausgerüstet, auch betreibe sie «Rosinenpickerei», sagte CEO Ernst Kohler.

Die Rega hingegen sei allzeit bereit und trage die Kosten dafür selber. Deshalb sei sie für diese Vorhalteleistung entweder zu subventionieren, oder der TCS müsse ebenfalls zur Grundversorgung beitragen. Davon wollte der Kanton nichts wissen, schliesslich werde die Luftrettung nicht staatlich geplant. Die Rega müsse sich dem Wettbewerb stellen. Als das Gesundheitsdepartement im Sommer die TCS-Bevorzugung bekräftigte, teilte die Rega ihren Gönnern im Aargau mit, sie übernehme bei TCS-Flügen keine von der Versicherung ungedeckten Rettungskosten. (trö)

Unzufrieden äusserte sich am Dienstag auch SP-Grossrat Martin Brügger. Er hatte die Regierung im Juni gefragt, ob beim Luftrettungsbeschluss neben der reinen Flugzeit des TCS-Heli die «medizinischen Gesamtaspekte» berücksichtigt worden seien. Die unmissverständliche Antwort kam im September: «Es wäre schlichtweg unverständlich, bei medizinischen Notfällen ein die gesetzlichen Rahmenbedingungen erfüllendes Angebot nicht zu nutzen und den Patientinnen und Patienten medizinische Hilfe zu verweigern, die mitten im Kanton zur Verfügung steht.»

Kantonsspital «ignoriert worden»

In der Grossratssitzung, welche die Regierungsantwort zur Kenntnis nahm, schoss Brügger zurück. «Dem Departement Gesundheit und Soziales sind medizinische Gesamtaspekte und Kostenfolgen der Flugrettung offenbar egal, oder es mangelt am Führungswillen für eine optimale Organisation der Luftrettung.» Insbesondere stört Brügger, dass die Haltung der Ärzte des im Aargau am meisten angeflogenen Spitals, des Kantonsspitals Aarau (KSA), «ignoriert» worden sei.

In der Tat hat das Gesundheitsdepartement beim KSA eine ausführliche Stellungnahme eingeholt. Das vierseitige Papier floss aber nur summarisch in die Antwort auf die Interpellation Brügger ein. Wörtlich heisst es: «Das Kantonsspital Aarau, im Speziellen die Einsatzleitstelle 144, setzt den vom Departement Gesundheit und Soziales getroffenen Entscheid um, wobei die Meinungen zum Einbezug des TCS-Helis ins aargauische Rettungsdispositiv teilweise auseinandergehen.»

Kommt hinzu, dass der definitive Entscheid über das Heli-Aufgebot zu einem Zeitpunkt getroffen wurde, als die Stellungnahme noch gar nicht eingegangen war. Im Brief, welcher der «Schweiz am Sonntag» vorliegt, äussert sich der Präsident der Ärztekonferenz des KSA, Chefarzt Andreas Huber, kritisch über dieses Vorgehen. «Als hoch spezialisierte Fachärzte im Rettungswesen beanspruchen wir in diesem Thema uneingeschränkt mitentscheiden zu können», schreibt Huber auch im Namen seiner konsultierten Kollegen im Notfall, der Anästhesie und anderen Abteilungen.

Die Ärzte listen Bedingungen auf, die aus rettungsmedizinischer Sicht ein Anbieter für Notfalleinsätze erfüllen muss und die der TCS-Heli nicht alle erfüllt:

Verfügbarkeit rund um die Uhr für sogenannte Primärrettungen: Der TCS-Heli führt hauptsächlich Patientenverlegungen durch (Sekundärtransporte).

Nationales Luftdispositionssystem: Das Gesundheitsdepartement bemühte sich darum, den TCS-Heli in die Rega-Alarmzentrale zu integrieren. Der Vermittlungsversuch scheiterte und führte dazu, dass dieser nun von der kantonalen Sanitätsnotrufzentrale aufgeboten wird.

Ausrüstung und Ausbildung für Windeneinsätze: Der TCS-Heli hat keine Rettungswinde. Eine solche wird als unnötig erachtet, weil sie im Aargau nur selten gebraucht werde. In solchen Fällen wird jeweils die Rega aufgeboten.

Unter dem Strich befürchten die Spitalärzte eine «Qualitätsverschlechterung». Dies, weil sich die Fallzahlen auf mehrere Anbieter aufteilen und so die «Einsatzsicherheit» abnehme.

Höhere Kosten

Umgekehrt komme es zu einer «Mengenausdehnung von unnötigen Flügen». Die höheren Kosten als bei einer Ambulanzrettung fielen via Versicherungsprämien, Mitglieder- (TCS) und Gönnerbeiträgen (Rega) auf die Allgemeinheit zurück, führt Andreas Huber im Gespräch mit der «Schweiz am Sonntag» aus.

Im September wies die «az» nach: Von Januar bis August hatten bereits mehr Rettungsflüge stattgefunden als im Vorjahr – darunter auch Einsätze für Ambulanzen, die nicht so schnell am Unfallort gewesen wären. «Das ist medizinisch nicht erklärbar», sagt Notfall-Chefarzt Ulrich Bürgi. «Früher prüfte man die Indikation genau, heute wird viel schneller eine Luftrettung angefordert.»

Dass die Gesundheitsdirektorenkonferenz (GDK) nun eine schweizweite Lösung des Problems anstrebt, das auch andere Kantone mit anderen Rega-Konkurrenten haben, wird von den Spitalärzten grundsätzlich begrüsst. Die GDK lässt Standards erarbeiten, an die sich alle Luftrettungsanbieter halten sollen. Ähnlich, wie es sie für die Rettungsfahrzeuge gibt, die vom Interverband für Rettungswesen zertifiziert werden.

Ein Luftrettungsgesetz wird allerdings explizit nicht angestrebt. Gesundheitsdirektorin Hochuli geht davon aus, dass unverbindliche Regeln auch in der Luft eingehalten würden, zumal es am Boden funktioniere. Die Ärzte des KSA könnten sich jedoch vorstellen, dass ein gesetzlicher Leistungsauftrag der Qualität zuträglich ist. In diesem Fall würde die Luftrettung als medizinische Disziplin gehandhabt, die wie die zahlreichen klinischen Versorgungsgebiete Teil der kantonalen Spitalplanung wäre. Oder dann gleich als hoch spezialisierte Medizin, die interkantonal nur den besten Anbietern zugeteilt wird.