Der Kanton Aargau verfügt über ein sanierungsbedürftiges Immobilienportfolio. Über 75 Prozent des Bestands wurde vor 1990 erstellt. Da stehen in den nächsten Jahren also grosse Erneuerungsvorhaben an. Die Regierung macht in den gestern von Finanzdirektor Markus Dieth vorgestellten strategischen Stossrichtungen zum Immobilienportfolio geltend, dass der Flächenbedarf der öffentlichen Hand steige. Dies aufgrund der demografischen Entwicklung insbesondere im Bereich Bildung und Sicherheitsinfrastruktur.

Konkret heisst dies zum Beispiel, dass allein aufgrund der Bevölkerungsentwicklung von 2017 bis 2040 für die Mittelschulen 60 neue Abteilungen geschaffen werden müssen. Zudem müssen die 22 Abteilungen der Kantone Basel-Landschaft und Basel-Stadt ab 2028 «mit grosser Wahrscheinlichkeit neu im Aargau geführt werden», heisst es erläuternd in der Vorlage, die die Regierung jetzt bis im März in eine Anhörung schickt. Alles in allem rechnet sie bis 2040 gar mit einem Zusatzbedarf von 90 Abteilungen. In der strategischen Planung mit Nutzungsbeginn bis spätestens 2030 stecken denn auch zwei neue Kantonsschulstandorte mit erwarteten Gesamtkosten von gegen 200 Millionen Franken.

Kapo braucht mehr Leute

Die historisch gewachsene Zentralverwaltung im Raum Aarau besteht aus vielen verzettelten und teilweise kleinen Standorten, was deren Führung erschwert. Die Regierung will die Standorte zentralisieren, wie Markus Dieth gestern sagte. Ein Beispiel dafür ist der geplante Neubau des Polizeigebäudes im Telliquartier in Aarau für 55 Millionen Franken. Der Realisierungsbeginn ist 2021, der Nutzungsbeginn für 2025 geplant. Der Neubau kommt zwischen das Einkaufszentrum und das Polizeikommando zu stehen. Abgeleitet aus dem jährlichen Bevölkerungswachstum erwartet die Regierung, dass der Bestand der Kantonspolizei von rund 700 bis im Jahr 2040 auf knapp 900 Mitarbeitende steigt.

So will der Kanton Aargau den Sanierungsbedarf meistern

Der Beitrag von TeleM1: So will der Kanton Aargau den Sanierungsbedarf meistern

Als Eigentümer von unzähligen Liegenschaften, steht der Kanton Aargau nun vor einer grossen Herausforderung. Viele Gebäude müssen saniert werden.

14 Grossvorhaben im Visier

Aktuell rechnet die Regierung mit 14 Grossvorhaben mit einem Volumen von je mindestens 20 Millionen Franken, die bis anfangs der 2030er-Jahre realisiert werden sollen (vgl. Tabelle, in der alle Vorhaben ab 5 Millionen Franken einzeln aufgelistet sind). Es gehe darum, dass der Kanton aus langfristiger Sicht agieren kann und nicht nur aufgrund aktueller Bedürfnisse reagiert, sagte Dieth vor den Medien. Man wolle weit vorausschauen und wichtige Entscheide bei Bauvorhaben aus einer Gesamtsicht heraus fällen.

Nicht in den «Top 14», aber auch in der strategischen Planung, steckt die geplante Grossunterkunft Asyl. Deren Realisierung soll 2021 starten.

Sparen mit Investieren

Rechnet man gar alle in unserer Tabelle aufgelisteten, geplanten Bauvorhaben zusammen, kommt man auf Investitionskosten von 935 Millionen Franken. Dank einer Priorisierung und der Glättung der Investitionsspitze soll der Saldo der Finanzierungsrechnung in den Jahren 2021 bis 2030 aber stark entlastet werden. Umgekehrt resultiert gemäss Regierung ab 2031 bis ins Jahr 2057 eine Mehrbelastung. Über die gesamte Zeit von 2021 bis 2057 lasse sich, so die Berechnungen, «durch die Optimierung des Portfolios infolge Reduktion der Büroflächen und dem Ersatz von teuren Mietlösungen gesamthaft eine Entlastung von rund 120 Millionen Franken erzielen». 

Grundsatz: Kauf statt Miete

Nebst Optimierung und Konzentration der Standorte will die Regierung also insbesondere teure Mietlösungen durch Immobilien im Eigenbesitz ersetzen. Mietlösungen sollen aber für kurzfristige oder Übergangsnutzungen möglich bleiben. Geplant sind weiter der Verkauf oder die Abgabe im Baurecht von Immobilien, die längerfristig nicht mehr benötigt werden.
Der Kanton bewirtschaftet heute 587 Objekte, wovon sich 433 in seinem Besitz befinden. Der Versicherungswert der Eigenobjekte beläuft sich laut Vorlage auf 1,65 Milliarden Franken. Rund 150 Objekte gehören zum BKS. Allein die Kantonsschulen haben einen Gebäudewert von 480 Millionen Franken. Die gewichtigste Position im Departement Hofmann ist die Justizvollzugsanstalt (JVA) Lenzburg – mit 145 Millionen Franken.

Mietzinsen: 19,4 Millionen

Die Mietobjekte verursachen dem Kanton jährlichen Mietzinsaufwand von 19,4 Millionen Franken. Im Gebäude Behmen II in Aarau sind die Departemente Bildung Kultur und Sport (BKS) von Alex Hürzeler sowie Gesundheit und Soziales (DGS) von Franziska Roth eingemietet. Dafür zahlt der Kanton jährlich 1,99 Millionen Franken, für die DGS-Räume im Behmen I 0,35 Millionen. Für das Wielandhaus hinter dem Bahnhof Aarau, wo das Volkswirtschaftsdepartement von Urs Hofmann untergebracht ist, zahlt er 0,88 Millionen Franken.

Verkauf Telli-Hochhaus?

Ziel der Regierung ist, die Verwaltungsstandorte auf möglichst wenige zu reduzieren, gleichzeitig aber Gebäude von historischer Bedeutung wie Regierungs- und Grossratsgebäude zu erhalten. So sollen kantonseigene Verwaltungsgebäude in Aarau wie das Telli-Hochhaus, die Stockwerkeinheit im Bahnhof Aarau, das Laborgebäude und die alte Kavalleriekaserne einer anderen Entwicklung zugeführt werden können. Bei einer Veräusserung des Telli-Hochhauses würde die kostspielige Sanierung von rund 30 Millionen Franken entfallen. Zudem könnte der Verkaufserlös in den Verwaltungsneubau investiert werden. Der wird auf 60 Millionen Franken veranschlagt. Vorgesehen ist er im Areal Torfeld Nord (eidgenössisches Zeughaus). Zudem will man möglichst alle angemieteten Objekte freigeben. Die bereits erwähnten Mietobjekte Behmen II und Wielandhaus werden langfristig in die Prüfung «Eigentum statt Miete» einbezogen.

Zwei Finanzierungsvarianten

Für die Finanzierung der geplanten Bauvorhaben stellt die Regierung in der gestern gestarteten Anhörung zwei gleichwertige Finanzierungsvarianten zur Debatte, wie sie schreibt. Beide tasten laut der gestern vorgestellten Vorlage die gesetzlich verankerte Schuldenbremse nicht an. Bei beiden sind nur Grossvorhaben, das heisst Immobilienprojekte ab 20 Millionen Franken betroffen. Bei der Variante 1 wird die bestehende Finanzierungsgesellschaft Fachhochschule Nordwestschweiz erweitert. Die Variante 2 sieht vor, dass anstelle der Investitionen neu die Abschreibungen in der Finanzierungsrechnung berücksichtigt werden.