Prähistorisches Gräberfeld
Kantonsarchäologe zu Fundstellen-Missbrauch: «Das hätte nicht passieren dürfen»

Kantonsarchäologe Georg Matter erklärt, wie es 1970 zur umstrittenen Rekonstruktion des «Totenhauses» im Zigiholz kommen konnte.

Jörg Meier
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Georg Matter, Leiter der Kantonsarchäologie Aargau.

Georg Matter, Leiter der Kantonsarchäologie Aargau.

Chris Iseli

Herr Matter, wer heute das Zigiholz in Sarmenstorf besucht, trifft auf eine unspektakuläre, ausgelichtete Stelle im Wald, die zunehmend von der Natur zurückerobert wird. Ist das im Sinne der Kantonsarchäologie?

Georg Matter: Nein. Die heutige Situation ist unbefriedigend. Das Zigiholz als Fundstelle soll wieder besser wahrgenommen werden. Die Kantonsarchäologie plant zusammen mit der Historischen Vereinigung Seetal und der Gemeinde Sarmenstorf eine Neugestaltung des Areals im Jahr 2019. Diese wird aber eher unspektakulär ausfallen. Die Grabhügel werden besser sichtbar gemacht, es gibt zudem neue Informationstafeln. Aber weitere Ausgrabungen sind nicht vorgesehen.

Wie bedeutend ist die Nekropole im Zigiholz aus heutiger Sicht?

1927 war sie sehr bedeutend. Es war eine der ersten steinzeitlichen Nekropolen, die man professionell ausgegraben hat. Entsprechend gross war das Interesse. Heute hingegen ist das Zigiholz nur noch eine unter rund 30 vergleichbaren Fundstellen im Mittelland.

Wie kann man sich erklären, dass Nazi-Archäologe Reinerth 1970 wieder nach Sarmenstorf eingeladen wurde, um sein «Totenhaus» zu rekonstruieren?

Das hätte nicht passieren dürfen. Aber es ist passiert; besondere Umstände haben dazu geführt: Für 1970 war unter die Restauration der Fundstelle geplant. Doch dann starb Kantonsarchäologe Hans Rudolf Wiedemer und die die Stelle blieb während mehreren Monaten unbesetzt. Damit war auch unklar, wie es mit dem Zigiholz weitergehen sollte.

Weil die Historische Vereinigung Seetal aber nicht länger warten wollte, engagierte sie auf eigene Faust Hans Reinerth, der 1925–1928 im Zigiholz gegraben hatte, inzwischen aber bekanntlich als Archäologe im Dienste Hitlers wissenschaftlich disqualifiziert war. Ich bin überzeugt, die Leute der Historischen Vereinigung Seetal, die Reinerth angerufen und nach Sarmenstorf geholt haben, waren sich nicht bewusst, in welchen Fettnapf sie da getreten sind.

Sie sahen wohl vor allem die rasche und kostengünstige Lösung. Wie aus verschiedenen Briefwechseln hervorgeht, haben sie sich ja auch deutlich von Reinerth abgegrenzt und von seinen Theorien distanziert. Das war auch nötig. Denn die Empörung, vorab in wissenschaftlichen Kreisen, war gross.

Wie stellen Sie sicher, dass archäologische Ergebnisse nicht ideologisch missbraucht werden?

Forschung ist immer auch dem Zeitgeist unterworfen. Das Risiko, dass Wissenschaft instrumentalisiert wird, besteht permanent. Aber ich glaube, dass die heutigen Wissenschafter auch aufgrund ihrer Ausbildung sensibilisiert sind und sehr bewusst mit der Thematik umgehen. Gefährlich wird es allerdings in einem totalitären Regime, wenn die Politik Druck auf die Wissenschaft ausübt und bestimmte Ergebnisse verlangt.

Wird nun bei Zigiholz eine Informationstafel aufgestellt, die dokumentiert, wie diese Fundstelle missbraucht worden ist?

Das ist denkbar, wir werden das intern diskutieren. Man müsste das Thema aber differenziert darstellen können, was auf einer Infotafel ziemlich schwierig sein dürfte. Es darf nicht der falsche Eindruck entstehen, die Beteiligten seien mit Reinerths Ideologie einverstanden gewesen.