Hallwilersee

Kanton will Schwänen die Eier klauen

60 bis 70 Schwäne leben am Hallwilersee. Zu viele, findet der Kanton.

60 bis 70 Schwäne leben am Hallwilersee. Zu viele, findet der Kanton.

Die Schwanenkolonie am Hallwilersee soll halbiert werden, weil die Tiere so viel Dreck im Gras hinterlassen, dass es nicht mehr als Tierfutter taugt. Der Kanton will den Tieren darum Eier wegnehmen. Naturschützer kritisieren die Pläne.

1902 war die Welt noch in Ordnung. Damals setzte der Verein Schwanenkolonie Beinwil am See zwei Höckerschwan-Paare am Hallwilersee aus. Den Schwänen gefiel ihr neues Zuhause. Am 22. März 1914 berichtete die «NZZ», die Hallwilersee-Schwäne würden «gut gedeihen und sich munter fortpflanzen». Jeder Besucher habe «Freude an den schönen, stolzen Tieren».

Rund hundert Jahre später klingt es anders. Bis zu 30 Höckerschwäne auf einmal sollen sich auf verschiedenen Futtergraswiesen rund um den See breitmachen und diese so stark verkoten, dass das Gras nicht mehr als Tierfutter geeignet ist und entsorgt werden muss. Zum Leidwesen der betroffenen Landwirte. Ausserdem würden die dominanten Schwäne mehr und mehr Tiere verdrängen. Die beiden Kantone Aargau und Luzern wollen den Schwanenbestand am Hallwilersee deshalb reduzieren. Stark reduzieren.

Keine Tiere abschiessen

Anstatt der 60 bis 70 Schwäne wird ein Bestand von rund 35 Tieren angestrebt, heisst es im Verfügungsentwurf, der seit Freitag und noch bis am 18. Februar beim Departement Bau, Verkehr und Umwelt in Aarau öffentlich aufliegt. Gemäss dem Entwurf soll der Bestand über Eingriffe am Brutgelege reduziert werden. Die Eier werden also entweder eingestochen oder aus den Nestern entfernt. Es sollen keine Schwäne abgeschossen werden.

Im Gegensatz zum Kanton und den betroffenen Landwirten schätzt der Naturschutz-Verband Birdlife die Situation am Hallwilersee anders ein: «Wir finden nicht, dass es dort zu viele Schwäne hat», sagt Maria Jakober, Leiterin der Geschäftsstelle von Birdlife Luzern. Dem pflichtet Sophie Jaquier, Mediensprecherin der Vogelwarte Sempach, bei: «Die Kolonie ist so gross, wie es das Nahrungsangebot erlaubt.»

Maria Jakober räumt zwar ein, dass es zu Konflikten kommen könne, etwa wegen verkoteter Wiesen. «Die Konflikte entstehen aber oft an Orten, wo es zu Ansammlungen von Schwänen kommt, weil sie genug Futter finden.» Durch ein konsequentes Fütterungsverbot würden sich die Konzentrationen reduzieren lassen, ist sie überzeugt. Das habe sich beispielsweise am Wohlensee im Kanton Bern gezeigt und im Reusstal. «Die Bevölkerung befolgt ein Fütterungsverbot in der Regel, wenn es klar kommuniziert und begründet wird.»

Allerletzte Massnahme

Vogelwarte-Sprecherin Sophie Jaquier findet, Massnahmen wie Eierstechen sollten erst dann ergriffen werden, wenn andere, weniger drastische Massnahmen wie Barrieren oder ein Fütterungsverbot nicht erfolgreich waren. Aus dem Verfügungsentwurf wird ersichtlich, dass der Kanton Aargau das versucht hat. Dem Verein Schwanenkolonie Hallwilersee wurde jegliche systematische Fütterung untersagt und rund um den See wurden Schilder aufgestellt mit dem Hinweis, die Wasservögel nicht zu füttern. Auch Zäune wurden angebracht. Allerdings seien die Massnahmen «weitgehend ohne Erfolg geblieben», heisst es.

Erfolg ist nicht zwingend

Maria Jakober von Birdlife zweifelt auch den Erfolg des Eierstechens an: «Es ist völlig unklar, ob Schäden dadurch verhindert werden können.» Erstens handle es sich beim Hallwilersee nicht um ein abgeschlossenes Gebiet, «das heisst, es können jederzeit Schwäne aus anderen Regionen zufliegen». Zweitens sei unklar, ob weniger Tiere überhaupt zu weniger Konflikten und Schäden führen.

Der Naturschutzverein Birdlife hat noch nicht entschieden, ob er gegen den Verfügungsentwurf Einsprache erheben wird. «Wir werden das zuerst sorgfältig prüfen», sagt Maria Jakober. Für die Vogelwarte Sempach stellt sich die Frage nicht: «Als private Stiftung sind wir nicht beschwerdeberechtigt», sagt Sophie Jaquier.

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