Spezialprodukt
Kanton setzt auf Flüsterbelag im Kampf gegen Strassenlärm

Der Aargau setzt neu auf einen Strassenbelag, der den Lärm der Autoreifen erfolgreicht dämpft. Dieser Belag kostet pro Quadratmeter rund fünf Franken mehr und wurde bisher nur in der Westschweiz angewendet.

Manuel Bühlmann
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Der leisere Belag wurde unter anderem bereits in Windisch verlegt.

Der leisere Belag wurde unter anderem bereits in Windisch verlegt.

Max Weyermann

Motoren sind laut, Reifen lauter. Ab einer Geschwindigkeit von 30 km/h übertönen die Abrollgeräusche auf dem Asphalt das Röhren der Automotoren. Seit Jahren läuft deshalb auch im Aargau die Suche nach einem geeigneten Strassenbelag, der den lästigen Lärm zu dämmen vermag.

Nun sind die Verantwortlichen fündig geworden: Ab dem kommenden Jahr wird auf besonders stark belasteten Kantonsstrassen innerorts nur noch ein ganz bestimmtes Produkt verwendet. «Semidichter Spezialbelag mit 4er-Körnung» heisst das im Fachjargon.

In einer rund dreijährigen Testphase vermochte er zu überzeugen. In mehreren Gemeinden wurde der Belag bereits eingesetzt – zuletzt auf der Hauserstrasse in Windisch. «Wir sind sehr zufrieden damit», sagt Kantonsingenieur Rolf H. Meier. Die Erfahrungen zeigen, dass der Belag hält, was er verspricht: Er senkt den Strassenlärm.

Leiser, aber auch teurer

Den positiven Effekt gibt es allerdings nicht kostenlos. Pro Quadratmeter rechnet der Kanton mit Mehrkosten von fünf Franken. Das sei bei Gesamtkosten von rund 300 Franken für einen Quadratmeter aber verkraftbar, sagt Meier. Dazu kommt: Die lärmsanierten Strassen müssen viel häufiger erneuert werden als die früheren, lärmigeren Beläge. Konkret rechnet der Kanton mit Erneuerungsbedarf nach 10 Jahren statt wie bei normalen Belägen nach 30 Jahren.

Damit der Lärm geschluckt werden kann, muss der Asphalt über mehr Leerraum als ein normaler Belag verfügen. Dadurch verliert er mit der Zeit an Stabilität – und damit auch an Wirkung. Zu Beginn wird der Lärm um 6 bis 8 Dezibel reduziert, deutlich stärker als bei nor-malen Belägen. «Ein Fussgänger hat das Gefühl, auf der Strasse neben ihm gebe es 70 bis 80 Prozent weniger Verkehr», sagt Sophie Hoehn, Sektionschefin beim Bundesamt für Umwelt (Bafu).

Der Effekt nimmt mit den Jahren allerdings ab. Spezialisten des Bundes erforschen, wie sich diese Entwicklung verlangsamen oder aufhalten lässt. «Das braucht viel Zeit», sagt Hoehn. In den nächsten Jahren erwartet sie deshalb keine Produkte, die den Markt revolutionieren würden. «Aber wir lernen ständig dazu.»

Mutige Aargauer

Als erster Deutschschweizer Kanton hat sich jüngst der Aargau entschieden, diese Art von lärmarmen Belägen einzubauen. Zwar nicht flächendeckend, aber immerhin auf etwa zwei Dritteln aller Kantonsstrassen innerorts, die besonders viel Lärm verursachen.

«Das sind rund 300 Kilometer», sagt Hanspeter Gloor, Leiter Lärmschutz beim Kanton. Diese würden nun fortlaufend saniert, jeweils dann, wenn sie sowieso wieder hätten erneuert werden müssen. Mehr Erfahrung mit dieser Art von Strassenbelägen haben die welschen Kantone. In Genf beispielsweise funktioniere diese Art Lärmmassnahme seit Jahren gut, sagt Sophie Hoehn vom Bafu.

«Die Deutschschweizer Kantone hingegen sind skeptisch.» Sie lobt den Aargauer Entscheid – «mutig» sei er. Denn es gehe letztlich um einen Paradigmenwechsel. «Es braucht das Bewusstsein, dass sich die höheren Ausgaben für den Belag auszahlen.»

Der Grund: Durch die Reduktion des Strassenlärms an der Quelle erübrigen sich in manchen Fällen teure Lärmschutzwände. Ausserdem lässt sich so der Einbau von Schallschutzfenstern vermeiden. Beim Kanton rechnet man denn auch damit, dass die Rechnung trotz teurerem Belag auf längere Sicht aufgehen wird.