Kulturprojekt
Kanton machts möglich: Diese drei Männer suchen das Truppenlager von 1799

Wer hat Lust, endlich einmal Archäologe zu sein, im Kunsthaus den Besuchern die Werke zu erklären oder in der Kantonsbibliothek Literatur zu vermitteln? Das Freiwilligenprogramm des Kantons macht das jetzt möglich.

Jörg Meier
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Wolfgang Hümbeli, Markus Rasi und Roman Keller (von links) im Einsatz mit dem Metalldetektor Die drei freiwilligen Prospektoren suchen systematisch ein abgeerntetes Feld in Schneisingen ab.

Wolfgang Hümbeli, Markus Rasi und Roman Keller (von links) im Einsatz mit dem Metalldetektor Die drei freiwilligen Prospektoren suchen systematisch ein abgeerntetes Feld in Schneisingen ab.

Alex Spichale

Auf einem abgeernteten Weizenfeld bei Schneisingen suchen drei Männer mit einem Metalldetektor systematisch den Boden ab. Ab und zu halten sie inne, nehmen Spaten oder Pickel, graben ein paar Zentimeter tief ins Erdreich, setzen dann aber rasch ihre Arbeit mit dem Detektor fort, unbeirrt und stundenlang. Sie tragen eine orange Leuchtweste mit der Aufschrift «Kantonsarchäologie», die sichtbar macht, dass es sich keineswegs um illegale Schatzsucher handelt.

Wolfgang Hümbeli, Roman Keller und Markus Rasi sind Freiwillige, die im Auftrag der Kantonsarchäologie als Prospektoren rund um Schneisingen tätig sind. Sie suchen nach Überresten des Lagerplatzes der russisch-österreichischen Truppen, die im Jahr 1799 bei Schneisingen gelagert haben. Wo genau sich das Lager befunden hat, ist nicht überliefert. Aber mithilfe der Funde, welche die drei Prospektoren eventuell machen, könnte der Ort vielleicht entdeckt werden.

Zwar haben die drei Prospektoren schon einige Uniformknöpfe, Hufeisen und Musketenkugeln im Boden gefunden. Aber die Funde müssen sie sich hart erarbeiten. «Zu 95 Prozent finden wir bloss Zivilsationsabfall, wenn der Detektor angibt», sagt Markus Rasi und zeigt auf die Alu-Lasche einer Red-Bull-Dose, die er aus der Erde grübelt.

«Eine Win-win-Situation»

Die Freiwilligenaktion der Kantonsarchäologie ist Teil des Programms, das die Abteilung Kultur des Kantons anbietet. Interessierte sind eingeladen, sich freiwillig in kantonalen Kulturinstitutionen für den Erhalt, die Verbreitung und Erforschung der Aargauer Kultur einzusetzen. Dank einem Beitrag aus dem Swisslos-Fonds kann im Aargauer Kunsthaus, in der Kantonsbibliothek und der Kantonsarchäologie je ein Freiwilligen-Management eingerichtet werden, das die nötige Einführung und Schulung vermittelt sowie die Koordination übernimmt.

Bereits seit 2009 besteht im Museum Aargau ein Freiwilligenprogramm mit rund 100 Mitwirkenden. Der grosse und anhaltende Erfolg des Programms im Museum Aargau hat dazu geführt, dass nun auch die drei anderen kantonalen «Kulturbetriebe» Freiwillige zur Mitarbeit einladen. «Wir sind überzeugt, und können es im Museum Aargau seit bald zehn Jahren nachweisen, dass Menschen jeden Alters mit Engagement und Zeit, mit frischen Ideen und Lebenserfahrung oder Spezialwissen einem Kulturbetrieb wertvolle Impulse und tatkräftige Mithilfe bieten können», sagte Eva Roth-Kleiner, Leiterin des Freiwilligenprogramms.

Freiwillige erhalten eine Ausbildung

Mit diesem breiten Angebot für Freiwillige übernehme der Aargau schweizweit eine Pionierrolle, erklärte Roth. Gut möglich also, dass bald auch andere Kantone sich für das Aargauer Modell interessieren werden. Roth stellte auch klar, dass es nicht darum geht, durch die Arbeit der Freiwilligen irgendwelche Stellen einsparen zu können. «Das freiwillige Engagement bietet den beteiligten Menschen und den Institutionen Entfaltungsmöglichkeiten, die sie sonst nicht hätten, im Sinne einer Win-win-Situation.»

Ausgrabungen zugänglich machen oder zudecken?

So erhalten Freiwillige oftmals eine Ausbildung und sie lernen andere Menschen kennen, können sich intensiv mit Themen befassen, die sie vielleicht schon lange interessiert haben. Und die Institutionen erhalten ihrerseits Möglichkeiten, die sie ohne die Freiwilligen nicht hätten. Am Beispiel der Archäologie bedeutet dies: Ohne das Prospektoren-Trio von Schneisingen wäre es kaum möglich, Näheres über das Truppenlager von anno 1799 zu erfahren.

Was der Kanton bietet

Bei der Kantonsarchäologie sind die Freiwilligen bereits im Einsatz bei der Prospektion. Für das Jahr 2019 ist ein zweiwöchiger Feldkurs geplant. Er macht die Teilnehmenden fit, an einer Ausgrabung mitzuarbeiten. Sie lernen, archäologische Strukturen freizulegen, sie bergen Funde und dokumentieren dies.

Wer will, kann aber auch in der archäologischen Sammlung mitarbeiten. Dort geht es darum, die Funde zu reinigen, zu inventarisieren und zu verpacken. Freiwillige sind auch bei Anlässen, wie den Kulturerbetagen, im Einsatz. Sie vermitteln in Workshops Interessierten auf spielerische Weise archäologische Themen. Freiwillige können solche Workshops auch selber in Zusammenarbeit mit der

Kantonsarchäologie entwickeln.

Auch die Kantonsbibliothek öffnet ihre Türen für die Mitwirkung von Freiwilligen. Wer Bücher mag, kann sich an der Vermittlung von Medienkompetenzen, Literatur und Sachthemen beteiligen. So etwa als Gastgeberin bei Veranstaltungen von Lesungen bis zum Bücherflohmarkt. Auch Praxisvermittler werden gesucht, die an der Internet-Bar Fragen zur Nutzung von digitalen Medien beantworten und es auch gleich zeigen können. Schliesslich sind Vermittler von Literatur gefragt, die zum Lesen und Diskutieren anregen.

Lager gesucht, Räppler gefunden

Im Aargauer Kunsthaus unterstützen die «Helfenden Hände» die Kunstvermittlung bei ihren zahlreichen Veranstaltungen für Familien und Kinder. Freiwillige sind aber auch bei der Durchführung verschiedener Grossveranstaltungen im Einsatz. So wäre etwa die erfolgreiche Ausstellung «Blumen in der Kunst» ohne die vielen Freiwilligen gar nicht möglich. Schliesslich arbeiten Freiwillige auch im Bereich «Sammlung online». Sie erklären den Museumsbesuchern bei Bedarf die Funktion der «Sammlung online» und zeigen, wie das Programm mit Hilfe eines Tablets für den Ausstellungsbesuch genutzt werden kann.

Zum Schluss wieder zurück zu den drei freiwilligen Prospektoren in Schneisingen: Der spektakulärste Fund an diesem Nachmittag ist ein alter Einräppler.

Das sind die spektakulärsten Ausgrabungen im Aargau

Freiwillige suchten am Mittwoch mit Metalldetektoren in Schneisingen nach Zeugnissen der Vergangenheit. In den vergangenen Jahren gab es im Aargau einige spezielle Funde. Erfolg hatten bei Ausgrabungen nicht nur die Profi-Archäologen, sondern auch interessierte Amateure.

Münzfund von Ueken: 2015 stiess ein Bauer in Ueken im Fricktal auf über 4000 römische Münzen, die in einem bemerkenswert guten Zustand waren. Das Geld lag gut 1700 Jahre unter der Erde. Es handelte sich um Bronzemünzen mit hohem Silbergehalt. Beeindruckend ist auch die Menge: Bis zum Fund in Ueken wurde erst viermal eine solch grosse Menge an Münzen gefunden.

Öllampen in Windisch: Vor rund zwei Jahren, im November 2016, entdeckten Archäologen in Windisch 22 Öllampen, die in einem Kochtopf gelagert wurden. Dazu lag auf jeder Lampe eine Münze. Der Fund wird auf ein Alter von rund 2000 Jahren geschätzt. Historiker vermuten, dass es sich bei der Deponierung um einen rituellen Akt handelt. Zudem wurden verkohlte Tierknochen im Topf gefunden.

Faustkeil von Zeiningen: In einem Acker entdeckte der Fricktaler Bodenforscher Werner Brogli im Jahr 2007 einen Faustkeil aus der Neandertalerzeit. Mittlerweile wurden vier der schweizweit sieben Faustkeile im Fricktal gefunden. Der 110 000 Jahre alte Keil aus der Steinzeit gilt als erste Spur der Menschen im Fricktal.

Pfahlbauten im Hallwilersee: Die beiden Siedlungen bei Beinwil und Seengen sind Teil des Unesco-Welterbes. Die Pfahlbauten stammen aus der Bronzezeit, die Siedlung bei Beinwil-Aegelmoos wurde im Sommer 2017 mit Kies zugeschüttet – um sie zu schützen. Sichtbar ist deshalb wenig: In Seengen steht seit 1989 am Seeufer beim Männerbad ein nachgebautes Pfahlbauerhaus aus der Bronzezeit.

Menora-Ring von Kaiseraugst: 2001 fand man einen Fingerring aus Bronze. Darauf eingraviert: eine sogenannte Menora – ein siebenarmiger Leuchter, eines der bekanntesten religiösen Symbole des Judentums. Der Ring wird auf das 4. Jahrhundert nach Christus zurückdatiert und gilt damit als frühestes Zeugnis des jüdischen Glaubens in der Schweiz. (fh)