Asyl
Kanton Aargau engagiert umstrittene Firma für Überwachung von Asylunterkünften

Ab August sorgt ein St. Galler Unternehmen für Sicherheit bei Aargauer Asylunterkünften – sie ist günstig, aber umstritten.

Manuel Bühlmann
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Mitarbeiter der Sicherheitsfirma «Verkehrsüberwachung Schweiz (VüCH)» werden neu auch Aargauer Asylunterkünfte überwachen.

Mitarbeiter der Sicherheitsfirma «Verkehrsüberwachung Schweiz (VüCH)» werden neu auch Aargauer Asylunterkünfte überwachen.

Michel Canonica/St. Galler Tagbl

Die Vorwürfe, die drei ehemalige Mitarbeiter gegen ihren früheren Arbeitgeber erheben, sind schwer: Nicht eingehaltene Ruhezeiten, kurzfristige Einsätze, ständige Wechsel zwischen Tag- und Nachtarbeit beklagten sie im «SonntagsBlick». In der Kritik steht die Ostschweizer Sicherheitsfirma «Verkehrsüberwachung Schweiz (VüCH)» – und damit ausgerechnet jenes Unternehmen, welchem der Kanton Aargau ab August die Sicherheit in und um die Asylunterkünfte anvertraut.

Zutrittskontrollen und Patrouillen

Zu ihrer Aufgabe zählen etwa Zutrittskontrollen und Patrouillen. Dass die Securitas den Auftrag an die VüCH verliert, machte «Tele M1» im Januar publik. Inzwischen ist der Zuschlag rechtskräftig. Der Vertrag ist auf vier Jahre befristet. Heute Freitag wird die Vergabe des Auftrags im Amtsblatt bekannt gemacht.

Beim Kantonalen Sozialdienst heisst es auf Anfrage, man nehme den Artikel zur Kenntnis und werde die Thematik mit dem Anbieter besprochen. Das kritisierte Unternehmen VüCH weist die Anschuldigungen zurück, bestätigt aber, mit den drei früheren Mitarbeitern in einem Rechtsstreit vor Arbeitsgericht zu stehen. «Von ihnen haben wir uns schon vor geraumer Zeit getrennt», sagt Geschäftsleitungsmitglied Martin Haueter. In den Verfahren, die teilweise noch laufen, gehe es jedoch um Lohnforderungen für Ausfalltage. «Die von diesen vorgebrachten Vorwürfe waren uns bis dahin nicht bekannt.»

«Das ist ein Skandal»

Die Gewerkschaft Unia, die das Trio rechtlich berät, kündigt weitere Verfahren gegen die Sicherheitsfirma an. Denn ihre Kritik bezieht sich nicht nur auf die medial vorgebrachten Vorwürfe, sondern auch auf den Umgang mit Spesen und Arbeitszeiten. Das seien klassische Beispiele für die Umgehung des Gesamtarbeitsvertrags, sagt Arnaud Bouverat, der bei der Unia für die Sicherheitsbranche zuständig ist. Müssten etwa Mitarbeiter mit dem Arbeitsauto zum Einsatzort fahren, würde ihnen der Weg dorthin und zurück zum Teil nicht entschädigt.

Die Unia führt die prekären Arbeitsbedingungen auf den hohen Preisdruck zurück. Die Stundenansätze seien in den letzten Jahren massiv gesunken. «Viele Kantone wählen die günstigste Offerte, ohne die Konsequenzen für die Mitarbeiter zu beachten», sagt Bouverat. «Das ist ein Skandal.» Denn letztlich müssten die Angestellten ausbaden, wenn dafür bei Spesen oder Ausbildung gespart werde.

37 Franken Stundenhonorar

Ein Beispiel für den Preisdruck liefert die VüCH in St. Gallen: 37 Franken Stundenhonorar bezahle der Kanton für die Bewachung mehrerer Asylzentren, schreibt der «SonntagsBlick». Auf Anfrage bestätigt die Firma den Preis, man habe sich den Auftrag damals unbedingt sichern wollen. Der Stundenansatz im Aargau liege aber höher.

Wie hoch dieser ist, wollen weder Kanton noch Sicherheitsfirma preisgeben. Er liege nahe bei 45 Franken, sagt Anja Kopetz, Sprecherin des kantonalen Departements Gesundheit und Soziales (DGS). Insgesamt sei die Offerte der St. Galler Firma am günstigsten gewesen: «Das Angebot der Verkehrsüberwachung Schweiz liegt rund 20 Prozent unter dem offerierten Stundenansatz der Securitas.»

Die Ausschreibung des Auftrags im Mai letzten Jahres zeigt: Der Preis war das zentralste aller Kriterien – so gewichtig wie alle anderen zusammen. Nach Ansicht des Kantons entspreche dieses Angebot den eingeforderten Bedingungen, inklusive Mindestlohnvorgaben gemäss Gesamtarbeitsvertrag. Diesem sind alle Unternehmen der Sicherheitsbranche mit zehn oder mehr Mitarbeitern unterstellt. Demnach liegt der Stundenlohn bei mindestens 22.20 Franken. Daran halte sich die VüCH, beteuert Martin Haueter. «Wir haben die Mindestlohnvorschriften immer eingehalten und werden dies auch in Zukunft tun.»

Keine Kommunikation

Zuständig für die Überwachung der Sicherheitsfirmen ist die paritätische Kommission, die zur Hälfte aus Vertretern von Arbeitgebern und Arbeitnehmern besteht. Sie kontrolliert, ob die Bestimmungen des Gesamtarbeitsvertrags eingehalten werden. Ob die Sicherheitsfirma in diesem Gremium wiederholt zum Thema geworden ist, dürfen die Kommissionsmitglieder gegenüber Dritten nicht kommunizieren, so sieht es das Reglement vor. Unternehmen, die eine Standardkontrolle bestanden haben, erhalten von der paritätischen Kommission eine Bestätigung. «Kantone, die eine gute Sicherheitsfirma wollen, müssten dieses Dokument bei der Vergabe anfordern und prüfen», sagt Bouverat.

Das DGS teilt mit, im Bewerbungsverfahren hätten alle Firmen den Nachweis erbringen müssen, dass sie den Gesamtarbeitsvertrag einhalten. Sprecherin Anja Kopetz stellt zudem eine «enge Begleitung» durch den Sozialdienst in Aussicht. «Der Kanton überwacht die Einhaltung der vereinbarten Vertragspflichten und kann diese falls nötig mittels Konventionalstrafen absichern.» Und Arnaud Bouverat von der Unia kündigt an: «Wir werden die Firma auf dem Radar behalten.»