Leitartikel
Kandidat Müller – ein Wagnis mit Aussicht auf Erfolg

Es war klar: Falls der nationale FDP-Präsident und Nationalrat Philipp Müller Aargauer Ständerat werden will, so hat die Kantonalpartei keine andere Wahl, als ihn zu nominieren.

Christian Dorer
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Philipp Müller: Seine Kandidatur macht Sinn – und trotzdem ist sie ein Wagnis.

Philipp Müller: Seine Kandidatur macht Sinn – und trotzdem ist sie ein Wagnis.

Chris Iseli

Alles andere wäre eine Brüskierung unbeschreiblichen Ausmasses. So lautete die Frage seit Monaten bloss: Will Müller oder will er nicht? Seit gestern ist klar: Er will. Auch wenn die Parteiführung de facto keine Wahl hatte, glaubt man ihr, wenn sie Müller jetzt in höchsten Tönen lobt. Schliesslich ist er der mit Abstand erfahrenste, profilierteste und bekannteste Aargauer FDP-Politiker. Seine Kandidatur macht Sinn - und trotzdem ist sie ein Wagnis.

Erstens für Müllers Partei: Die nationale FDP kann sich nicht darüber freuen, wenn ihr Präsident künftig im Ständerat politisiert. Denn dort muss er die Interessen des Kantons vertreten und kann nicht bedingungslos für seine Partei taktieren. Und die kantonale FDP muss mit Müllers Kandidatur ihren Shootingstar, Grossratspräsident Thierry Burkart, übergehen, der einen Generationenwechsel vollzogen hätte;
immerhin stehen Burkarts Chancen jetzt ausgezeichnet, 2015 in den Nationalrat einzuziehen.

Christian Dorer

Christian Dorer

Aargauer Zeitung

Zweitens ist es ein Wagnis für den Aargau: Müller wird balancieren müssen im Spagat zwischen den Interessen seiner Partei und denjenigen des Kantons. Er wird nicht völlig frei politisieren können wie die aktuelle FDP-Ständerätin Christine Egerszegi, die die Unabhängigkeit von ihrer Partei fast bis zum Exzess zelebriert.

Drittens ist es ein Wagnis für Müller selbst: Die Aargauerinnen und Aargauer entsenden gern eingemittete Persönlichkeiten in den Ständerat - und keine Provokateure. Das erlebte SVP-Kandidat Ueli Giezendanner 2011 schmerzhaft. Als Nationalrat wurde er stets glanzvoll gewählt, als Ständerat scheiterte er klar. Nun ist Müller thematisch viel breiter aufgestellt und weltmännischer im Auftritt. Trotzdem bleibt ein Risiko: Wollen die Aargauer einen derart pointiert politisierenden Politiker im Ständerat? Müller sagt dazu im az-
Interview: «Ich bin bedachter geworden in meiner Wortwahl. Ich kann auf Provokationen verzichten.» Er hat jetzt eineinhalb Jahre Zeit, die Stimmbürger davon zu überzeugen. Gut möglich, dass es ihm gelingt.

Dazu kommt: Müller sollte die SVP nicht unterschätzen. Sie hat zwar mit Hansjörg Knecht einen Kandidaten, der sich als Nationalrat bisher wenig profiliert hat. Wenn die SVP aber eine gute Kamapagne macht und Knecht als konzilianten Ständerat portiert - quasi als Alex Hürzeler fürs Stöckli -, dann kann sie mit
ihren 35 Prozent Wähleranteil der nur einen Drittel so grossen FDP gefährlich werden. Müller wird von links keine Stimmen erhalten. Und von rechts nur wenige, weil die SVP zuerst ihren eigenen Mann ins Ziel bringen will.

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