Kirschessigfliege
Kampf gegen Schädling: Bio-Mittel färbt Rebstöcke im Aargau weisslich

Die Kirschessigfliege plagt die Aargauer Winzer. Vor zwei Jahren war die Branche noch ziemlich ratlos. Nun setzen einige Kaolin ein, ein Bio-Mittel, das Rückstände auf den Trauben hinterlässt.

Hans Lüthi
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Bio-Mittel Kaolin verfärbt die Trauben weisslich
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Thomas Lindenmann in Seengen zeigt am Brestenberg die weisslich verfärbten Trauben.
Das umweltfreundliche Bio-Mittel Kaolin verfärbt die Trauben weisslich.
Matthias Fischer vom Weingut Lindenmann in Seengen spritzt das weissliche Kaolin in die Traubenzone.
Matthias Fischer vom Weingut Lindenmann in Seengen spritzt das weissliche Kaolin in die Traubenzone.

Bio-Mittel Kaolin verfärbt die Trauben weisslich

Hans Lüthi

Im Dauerkampf der Rebbauern gegen Pilze und Schädlinge folgt jetzt die dritte grosse Angriffswelle auf die Trauben. Nach Frost und Mehltau ist die Kirschessigfliege (KEF) im Anflug, massiver als vor zwei Jahren. Sonne mag die kleine Fliege nicht, aber die Hitze der letzten zwei Wochen kam zu spät. Die Fangzahlen aus zwei Dutzend Fallen im ganzen Aargau sind unverändert hoch.

Spitzenreiter ist Olsberg, wo innert fünf Wochen 1500 der kleinen Schädlinge gezählt worden sind. Die aktuelle Zählung im kantonalen KEF-Monitoring von der Fachstelle für Weinbau zeigt auch, dass das Fricktal generell sehr stark betroffen ist. Denn die Fliege hat zuvor schon Kirschen und Zwetschgen befallen und Ernten dezimiert. Als sich die Killerfliege 2014 erstmals in die Rebberge verirrte, kam es zu frühen Noternten und 10 bis 15 Prozent Ausfall bei den blauen Trauben.

Kaolin vom Bund empfohlen

Vor zwei Jahren stand die ganze Branche ziemlich ratlos vor dem millionenfachen Einflug der Mini-Schädlinge. Forscher, Weinbauern und weitere Fachleute suchten nach Strategien, um die KEF von den Rebbergen fernzuhalten oder zu vertreiben. Jetzt hat die Task-Force Drosophila suzukii der Eidgenössischen Forschungsanstalt Agroscope ein neues Merkblatt veröffentlicht und empfiehlt Kaolin vor weiteren Mitteln. «

Auch wir empfehlen das Spritzen von Kaolin», sagt der Aargauer Rebbaukommissär Peter Rey in Seengen. Das Kaolin ist ein biologisches Mittel und darum auch im Bio-Rebbau erlaubt. Es tötet keine Nützlinge oder andere Tiere, nicht einmal die von den Rebbauern verfluchten Fliegen selber. Aber es hält die Weibchen davon ab, ihre Eier dutzendfach in die gesunden Traubenbeeren zu stechen, was dann zur Essigbildung führt.

Weissliche Farbe auf Trauben

Das Kaolin (Tonerde) ist ein wasserlösliches Mittel, das laut Hersteller «keine bedenklichen Rückstände auf dem Erntegut hinterlässt». Ab Farbumschlag (Ende August) hat das Bundesamt für Landwirtschaft den Einsatz bis Ende Oktober erlaubt. Bei trockenem Wetter wirkt das mit Düsen in die Traubenzone gespritzte Mittel bis zehn Tage lang, nach Regen ist eine neue Behandlung nötig. Der einzige Schönheitsfehler ist eine weissliche Schicht auf den blauen Trauben, als hätte man diese mit Mehl bestäubt.

Das sieht unappetitlich aus, weshalb die Weinbauern negative Reaktionen der Konsumenten befürchten. Speziell dort, wo Strassen und Wanderwege durch die Rebberge führen. Klassisch ist das an den wunderbaren Sonnenhängen am Hallwilersee der Fall.

Die weissliche Farbe ist selbst von der Kantonsstrasse in Seengen aus zu sehen. Thomas Lindenmann vom Weingut Lindenmann hofft auf das Verständnis der Passanten, wenn er das umweltfreundliche Mittel einsetzt – obwohl es nicht schön aussieht. «Es gibt nichts Besseres als Kaolin», sagt Peter Rey. Auch er ist froh, wenn die KEF-Einsätze nüchtern beurteilt statt verurteilt werden.

Vorbeugen äusserst wichtig

Vorbeugende Massnahmen gegen die KEV gehören heute in den meisten Rebparzellen zum Alltag: Die Traubenzone gut von Laub befreien, Ertrag regulieren, Gras kurz schneiden. Versuche mit engmaschigen Netzen «scheinen gute Ergebnisse zu erzielen», schreibt Agroscope. Den Massenfang mit Fallen will Thomas Lindenmann ausprobieren. 1600 Stück sind bereit, um einzelne Parzellen am Brestenberg in Seengen rundum zu bestücken, alle zwei Meter eine Falle.

Die Fliegen haben sich bereits an Himbeeren, Kirschen, Zwetschgen und Brombeeren sattgefressen und massiv vermehrt. Jetzt steuern sie auf die blauen Traubensorten zu. «Das Ausmass der Schäden ist derzeit nicht absehbar», betont dazu der Fachmann.

Eine magere Ernte 2016

Das Vorjahr war punkto Qualität hervorragend, die 2015er-Weine versprechen grossen Genuss, die Rotweine werden jetzt ab September in die Flaschen abgefüllt. Eine Bilanz für 2016 wäre verfrüht, die heissen Wochen haben den Trauben aber sehr geholfen. Von der Menge her rechnet Peter Rey «mit weniger als einer Normalernte».

Im zehnjährigen Mittel erwartet der Aargau 20 500 Hektoliter Wein. Letztes Jahr gab es wegen Schäden durch das Spritzmittel Moon Privilege von Bayer nur 17 800 Hektoliter. Vereinzelt kam es zu weiteren Ausfällen, aber die Rebbauern mussten sich dieses Jahr auf den Kampf gegen den extrem starken Mehltau-Befall konzentrieren.

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