Umweltschutz

Kampf gegen Littering: Der Grüne sammelt jetzt Abfall bei den Aargauer Bauern ein

Gregor Zimmermann, der Ex-Sekretär der Grünen, im Kampf gegen Littering.

Gregor Zimmermann, der Ex-Sekretär der Grünen, im Kampf gegen Littering.

Gregor Zimmermann, der Ex-Sekretär der Grünen, ist auf Stellensuche. Diese Zeit nutzt er, um im Bezirk Baden unentgeltlich Wiesen vor dem Mähen von Abfall zu säubern, damit die Kühe keine Glasscherben oder zerschnittene Aludosen im Futter haben.

Mit leuchtendgelber Jacke ist Gregor Zimmermann derzeit im Bezirk Baden mindestens einen Tag pro Woche an Überlandstrassen zu Fuss unterwegs – ausgerüstet mit einer grossen blauen Tasche. Zimmermann war bis Ende Mai Sekretär der Grünen Aargau.

Er hätte das Pensum im Sekretariat reduzieren müssen. So sah er die Zeit gekommen, nach sieben intensiven Jahren eine neue berufliche Herausforderung zu suchen. Für ihn stimme das aber auch so, sagt er. Derzeit sucht er eine Neuanstellung vorzugsweise in den Bereichen Raumplanung/Umweltprojekte. Mit der neu gewonnenen Zeit will er eine Idee umsetzen: Solange er noch keine Neuanstellung hat, bietet er Bauern im Bezirk Baden an, vor dem Mähen ihre Wiesen und Felder nach Abfällen abzusuchen und diese einzusammeln. Unentgeltlich.

Tüte voll in kurzer Zeit

Er hat bereits begonnen. Die az war mit ihm auf der Strecke Hertenstein– Freienwil unterwegs. Dabei zeigte sich, wie sehr man dabei angesichts des hohen Verkehrsaufkommens aufpassen muss. Man staunt, was schon in der ersten Viertelstunde an Aludosen, PET-Flaschen, Zigarettenpackungen, Zigarettenstummeln und Abfällen aller Art zusammenkommt.

Warum tut er das? Zimmermann: «Solange ich keine neue Anstellung habe, will ich nebst Bewerbungsschreiben meine Zeit für etwas Sinnvolles einsetzen, nicht nur reden, sondern handeln.» Der in Untersiggenthal wohnhafte Zimmermann ist viel mit dem Velo unterwegs, sieht dabei die Abfälle am Strassenrand oder in den Wiesen. Die Respektlosigkeit gegenüber Natur und Umwelt, die im achtlosen Wegwerfen von Abfällen zum Ausdruck kommt, ärgert ihn sehr, ja empört ihn. Schon bisher hielt er oft an und brachte eingesammelte Aludosen etc. zum nächsten Entsorgungsplatz.

Von seinem Engagement können jetzt Badener Bauern profitieren. Zimmermann will nämlich, solange er noch keine Stelle hat, mindestens einen Tag pro Woche den Wiesen entlang Abfälle einsammeln «und tatkräftig etwas tun, von dem die Gesellschaft profitiert». Er hofft, mit dieser Aktion die Menschen sensibilisieren zu können. Denn weggeworfene Abfälle wie zum Beispiel Aludosen oder Glasflaschen können zum qualvollen Tod von Tieren führen.

Zimmermann ist sich bewusst, dass seine Aktion «bestenfalls ein Tropfen auf den heissen Stein ist». Würde er sich also wie Bauernsekretär Ralf Bucher möglichst hohe Bussen wünschen, um so das Littering einzudämmen? «Nein», sagt Zimmermann bestimmt, «das wäre der falsche Weg. Wie sollte man dies auch durchsetzen? Es wäre zudem völlig unverhältnismässig, wenn jemand für Littering eine höhere Busse zahlen muss, als wenn man ein Rotlicht überfährt. Aus liberaler Sicht müssen wir die Menschen sensibilisieren und Littering durch gesellschaftlichen Druck eindämmen.»

Gregor Zimmermann liest am Strassenrand zwischen Hertenstein und Freienwil Abfall auf, der von Autofahrern illegal entsorgt wurde.

Gregor Zimmermann liest am Strassenrand zwischen Hertenstein und Freienwil Abfall auf, der von Autofahrern illegal entsorgt wurde.

Im Stillen hofft er, dass es ihm andere gleichtun und dann und wann am Strassenrand Abfälle mitnehmen. Und dass Littering gesellschaftlich geächtet wird. Diese Unsitte dürfe auch unter Freunden nicht toleriert werden, so Zimmermann. Fehlbare sollen möglichst oft von einem Freund oder einer Freundin hören: «Wirf die Zigischachtel nicht in die Wiese, nimm sie bitte mit. Der nächste Kübel ist nah.»

Getränkepfand soll helfen

Mehr versprechen würde er sich von einem Getränkepfand. Zimmermann: «Ein riesiger Anteil der Aludosen und PET-Flaschen wird korrekt entsorgt. Das ist super! Aber wenn auch nur ein Prozent davon in den Wiesen und Feldern landet, ist das angesichts der riesigen verkauften Mengen viel zu viel.» Ihn ärgert, dass dadurch den Bauern und den Gemeinden unnötig Arbeit beschert wird, die viel Geld und Zeit kostet. Und im Übrigen, so Zimmermann dezidiert, «gehört es sich einfach nicht, Abfälle irgendwohin zu schmeissen!» Liberal heisse nicht, der Freiheit keine Grenzen zu setzen, so Zimmermann: «Nur wenn ich mit meinem Tun nicht die Freiheit von anderen beeinträchtige, verhalte ich mich angepasst.»

Der Bauernverband Aargau (BVA) hat ein Mail mit Zimmermanns Angebot an die Bauern im Bezirk Baden verschickt. Erste Anforderungen hat Zimmermann bereits. Er erwartet, dass viele Anrufe ab dem 15. Juni kommen, wenn es einige Tage trocken ist. Ökologisch bewirtschaftete Wiesen dürfen nämlich erst ab diesem Termin geschnitten werden.

Zimmermann hatte am 31. Mai seinen «Letzten» auf dem Sekretariat der Grünen. Ist damit sein Politikkapitel abgeschlossen? Zimmermann schüttelt den Kopf: «Nein, ich engagiere mich weiter politisch, vor allem lokal und regional und kandidiere im Herbst auch auf der grünen Liste für den Grossen Rat.» Dann ist diese Aktion der Auftakt zum Wahlkampf? Zimmermann schüttelt den Kopf: Nein, das sei nicht Wahlkampf (obwohl natürlich alles, was ein Kandidat in der Öffentlichkeit macht, als Wahlkampf gelten könne). Zimmermann: «Mir geht es wirklich um die Sache.» Daher freue er sich auch, dass Ralf Bucher am gleichen Strick zieht und die Bauern mitmachen, egal welcher Parteicouleur sie sind: «In der Politik ist es oft frustrierend, dass gute Ideen keine Mehrheit finden, weil sie aus der falschen Ecke kommen. Genau dieses kleinkrämerische Parteidenken möchte ich überwinden.»

Wahlchancen rechnet sich Zimmermann persönlich nicht aus, sei er doch nicht auf den vordersten Listenplätzen. Unabhängig davon würde es ihn aber freuen, wenn die Grünen im Herbst zulegen: «Wir sehen uns als Vorreiter in Sachen Umwelt-, Klimaschutz und Nachhaltigkeit und sind mit unseren Forderungen immer einen Schritt voraus.» Und er hofft, dass den Grünen zugute kommt, dass im September national ihre Volksinitiative für eine «grüne Wirtschaft» und im November die «Atomausstiegsinitiative» zur Abstimmung gelangt.

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