Die derzeit herrschende Kältewelle mit dem brachialen Namen «Russenpeitsche» ist auch die grosse Chance, neue Erfahrungen zu machen oder zumindest fast schon vergessene Erfahrungen neu zu erleben.

Da die «Russenpeitsche» uns schon bald wieder in Ruhe lässt, empfiehlt es sich, die wenigen Stunden, die verbleiben, klug zu nützen. Nachstehend einige Tipps, wie die Kältewelle unser Leben bereichern kann, wenn wir bereit sind, uns auf sie einzulassen.

Ins Gespräch kommen

Die «Russenpeitsche» verbindet Menschen: Wir frieren gemeinsam beim Warten an der Bushaltestelle. Wir strömen freudig in den angenehm warmen Zug, lassen uns in die Polster fallen, sofern wir einen Sitzplatz ergattern können.

Wir schauen unsere Mitpendler an und sagen: «Eine rechte Saukälte heute» und ernten nicht nur verständnisvolle Blicke, sondern die Frau vis-à-vis erzählt, wie saukalt es erst im Jura sei oder im Engadin.

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Ganz zu schweigen von den gefühlten Minusgraden. Der Sitznachbar, dick eingemummt in einen vierfach um den Hals geschlungenen Schal, meldet sich ebenfalls und erzählt schon bald von der Seegfrörni anno 63. Der Begriff «Seegfrörni» stehe übrigens auch im Duden. So entwickeln sich unverhofft schöne Gespräche, man kommt sich näher – und wenn der Russe noch etwas länger peitschen würde; vielleicht wäre das der Beginn von vielen wunderbaren Freundschaften.

Wieder mal richtig frieren

Wenn wir ehrlich sind: Wir spüren wenig von der Kälte. Wir halten uns ja auch kaum im Freien auf. Mehr als zehn Minuten pro Tag lassen wir uns von der Kälte nicht peitschen. Aber genau das sollten wir tun. Nach draussen gehen. Durch den Wald wandern. Oder an den See. Die Handschuhe ausziehen. Die Kälte spüren. Den Wind. Wieder erleben, wie das ist, wenn man friert. Durchatmen. Den Moment geniessen.

Denn es kann gut und gerne wieder zehn oder mehr Jahre dauern, bis wir die Kälte wieder so intensiv im Aargau erleben können. Dann zurück an die Wärme; zum Beispiel Einkehr in eine Beiz. Das ist Lebensqualität! Wer es gerne noch ein bisschen struber hat, dem sei der nächste Tipp, «Chuenagel», wärmstens empfohlen.

«Chuenagel»

Die Variante «Chuenagel» eignet sich vor allem für die mutigen Kälte-Nostalgiker. Wir alle, die schon etwas älter sind, erinnern uns gerne an die Zeiten, als der zünftige «Chuenagel» noch zu jedem Winter gehörte. Wie die schmerzenden, klammen Finger uns die Tränen in die Augen trieben, wie wir fürchteten, jetzt seien ein paar Finger definitiv abgefroren. Und wie ist es heute? Wann haben Sie Ihren letzten echten «Chuenagel» durchgemacht?

Eben. Die «Russenpeitsche» ist die ideale Gelegenheit, wieder einmal einen richtigen «Chuenagel» zu zelebrieren. Die grösste Wirkung erreicht man, wenn man Wollhandschuhe anzieht, dann die Hände ins kalte Wasser hält, dann kurz an die Luft und wieder ins Wasser. Ist auch als Wettbewerb denkbar.

Flaschen sprengen

Hierbei handelt es sich um ein einfaches physikalisches Experiment, das dank der «Russenpeitsche» garantiert gelingt und vor allem Kindern einen grossen Erkenntnisgewinn bringt. Sie lernen, dass sich Wasser ausdehnt, wenn es gefriert – und was für Kräfte dabei wirken können. Es geht so: Man füllt eine Glasflasche mit Wasser, verschliesst sie und stellt sie über Nacht ins Freie. Wenn es mitten in der Nacht knallt, dann ist das Experiment gelungen, das gefrierende Wasser hat die Flasche gesprengt. (Zusatztipp: Bitte vorher klären, wer die Scherben aufliest.)

Kompetenz «Kälteresistenz»

Die meisten Schulkinder in diesem Kanton haben noch nie richtig gefroren. «Kälteresistenz» als schulische Kompetenz geht ihnen deshalb praktisch völlig ab. Die «Russenpeitsche» sollte deshalb von den Lehrpersonen in den Unterricht integriert werden: Schülerinnen und Schüler werden ab sofort draussen unterrichtet.

Sie sollen erfahren, was Kälte ist, wie es ist, wenn man friert, wie man sich schützen kann. Die Lehrpersonen könnten ihnen erklären, dass sich der Körper an die Kälte anpassen kann, wie das bei Menschen im hohen Norden passiert und wie das geschieht, oder warum Kälte wehtut. Die Kinder werden begeistert sein, erst recht, wenn die Lehrperson ihnen auch das Experiment «Flaschen sprengen» (vgl. Tipp oben) näher bringt.